Die Stadt damals

Wo Berlin Geschichte geschrieben hat

Armin Woy beschreibt in einem neuen Buch die Orte in der Stadt, an denen Bedeutendes passiert ist – vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Beginn der Reformation in Brandenburg: Kurfürst Joachim II. empfing am 1. November 1539 in der Spandauer St.-Nikolaikirche das Abendmahl „in beiderlei Gestalt“.

Beginn der Reformation in Brandenburg: Kurfürst Joachim II. empfing am 1. November 1539 in der Spandauer St.-Nikolaikirche das Abendmahl „in beiderlei Gestalt“.

Foto: Carl Röhling / Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Berlin-Spandau

Berlin, eine pulsierende Großstadt, ein Moloch, ein geschichtsträchtiger Ort. Ja, aus heutiger Sicht trifft alles zu. Aber vor knapp 800 Jahren, als die Stadt erstmals urkundlich erwähnt wurde? Nein, da war die Stadt eher ein verschlafenes Nest auf sumpfigem Gelände und so etwas wie ein Ableger Kölns. Denn 1237 war nicht von Berlin, sondern von Cölln die Rede, so benannt nach der großen Schwester am Rhein, denn es waren Kaufleute aus dem Rheinland, die sich wohl als Erste hier niedergelassen haben, auf der heutigen Fischerinsel in Mitte.

Damals, als Berlin kaum mehr als 2000 Einwohner hatte, ahnte wohl niemand, welche Bedeutung die Stadt einmal haben und welch schicksalsvolle Momente sie in den nächsten Jahrhunderten erleben würde. Heute kann man ein ganzes Buch mit solchen Schicksalsorten füllen, und genau das hat der Berliner Stadtführer Armin Woy auch getan. In seinem gerade erschienenen Buch „Berliner Schicksalsorte“ beschreibt er 42 Orte, an denen wichtige Ereignisse der Berliner Geschichte und Gesellschaft stattgefunden haben. Entstanden ist keine lückenlose Biografie der Stadt, eher eine subjektive Auswahl.

Woy schlägt viele Brücken zur Gegenwart

Woy hat Orte ausgesucht, an denen Neues entstanden ist, er erzählt Geschichten von Menschen, die an bestimmten Orten eine wichtige Rolle gespielt haben, und er beschreibt Orte, die über die Zeitläufte Wunden davontrugen. Wie der Breitscheidplatz, der mit dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt 2016 erst jüngst zu einem Schicksalsort geworden ist, obwohl er das andererseits mit der Kriegsruine der Gedächtniskirche bereits schon war.

In allen 42 Kapiteln, zu allen Beschreibungen der schicksalhaften Ereignisse, schlägt Woy eine Brücke zur Gegenwart. Beschrieben sind in dem Buch nicht nur große, bekannte Ereignisse wie die Ausrufung der Republik im Reichstag 1918, die gescheiterte Operation „Walküre“ im Bendlerblock 1944 oder der Auftritt des US-Präsidenten John F. Kennedy im Schöneberger Rathaus 1963. Manche Ereignisse sind heute weniger präsent oder doch zumindest der Ort, an dem sie stattgefunden haben.

Im beschaulichen Quermatenweg in Zehlendorf zum Beispiel erinnert heute jedenfalls nichts mehr an die Entführung von Peter Lorenz. Das Entführungsdrama in der Hochzeit der RAF ist natürlich immer noch im Gedächtnis, aber wer heute auf dem Weg zur Krummen Lanke durch den Quermatenweg fährt, wird kaum daran denken. Und auch damals, an diesem 27. Februar 1975, sah nichts danach aus, beschreibt der Autor. Ein Mann fegte die Straße, er fegte wohl fast eine Stunde, das hätte auffallen müssen, fiel damals aber nicht auf. Dann kam die Dienst­limousine des damaligen Landesvorsitzenden der West-Berliner CDU die Straße entlang. Ein Lkw versperrte ihr plötzlich den Weg, der „Feger“ entpuppte sich als Komplize, sein Besen als Eisenstange, mit der er den Fahrer von Lorenz niederschlug. Die Entführer fuhren mit Lorenz davon. Seine Entführung versetzte die Stadt tagelang in Aufruhr. Es war der einzige Fall, bei dem die Bundesregierung den Forderungen der Geiselnehmer nachkam, Terroristen freizupressen. Am 4. März wurde der CDU-Politiker nachts im Volkspark Wilmersdorf auf einer Parkbank wieder freigelassen.

Die lebendigen Schilderungen von Woy rufen Erinnerungen wach. Zumindest, solange es Ereignisse jüngerer Zeit betrifft. Dazu gehört auch der Bombenanschlag auf die Diskothek „La Belle“ in Schöneberg. Drei Menschen starben bei dem Terrorakt, viele wurden schwer verletzt. Eigentlich ein Wunder, dass es nicht noch mehr Opfer gab, der Club war in der Nacht gut besucht und danach völlig zerstört. Nach dem Anschlag wurde das Haus an der Hauptstraße rekonstruiert und steht seit 1988 unter Denkmalschutz. Heute ist es ein Büro- und Geschäftshaus, wie ein Foto im Buch zeigt.

Auch in der Historie sind viele schicksalsvolle Momente in der Stadt mit Mord und Totschlag verknüpft. Schon die erste Geschichte, über die Marienkirche in Mitte im Jahr 1325, beginnt mit einem Mord: mit der Erschlagung des Domprobstes Nikolaus Cyriacus von Bernau. Es gab damals Streit nach seiner Predigt zwischen den Besuchern. Und als der Domprobst aus der Kirche trat, wurde so auf ihn eingeprügelt, dass er stürzte und seinen Verletzungen erlag. Was sollte nun mit dem Leichnam passieren? Der Getötete wurde gleich vor Ort auf einem schnell aufgerichteten Scheiterhaufen verbrannt.

Geschichten von blutigen Fehden und Duellen

Woy zeigt in seinem Buch die Hintergründe auf, die Fehden, die damals zwischen den weltlichen Herrschern und der Kirche ausgetragen wurden und denen der Probst schließlich zum Opfer fiel. Links neben dem Eingang zur Marienkirche steht heute noch ein steinernes Sühnekreuz.

Und erzählt wird auch die Geschichte des Polizeipräsidenten Carl Ludwig Friedrich von Hinckeldey, der nach der Märzrevolution 1848 in Berlin hart durchgegriffen hatte. Hinckeldey war Monarchist und bekämpfte jede demokratische Strömung. Das machte ihn für viele zum Feindbild, doch zunächst war er nicht zu bremsen. Erst nach einer Razzia, bei der er auch Aristokraten der Stadt verhaften ließ, wurde er in eine Beleidigungsaffäre verwickelt, die schließlich in einem Duell gipfelte – obwohl Duelle da schon längst verboten waren.

Am 10. März 1856 traf sich Hinckeldey also in der Jungfernheide mit dem Leutnant Hans Wilhelm von Rochow. Hinckeldey wurde in die Brust getroffen und starb sofort. Über den Platz des Duells führt heute die Autobahn A111. Etwas versetzt, am Ostrand der Jungfernheide, erinnert aber noch ein Gedenkkreuz an das Geschehen.

Zum Glück gibt es aber auch Erinnerungsorte ohne Mord und Totschlag. Die Bösebrücke ist so ein Ort. Hier wurde am Abend des 9. November 1989 der erste Grenzübergang geöffnet.

Und das Berliner Olympiastadion ist auch so ein Ort. Errichtet für die Olympischen Spiele 1936 ist es zwar auch ein Zeugnis des nationalsozialistischen Größenwahns, aber eben auch der Platz, an dem das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ausgetragen wurde. Hier standen sich Frankreich und Italien gegenüber. Es war ein spektakuläres Spiel, bei dem Italien erst im Elfmeterschießen gewann. Spektakulär auch deshalb, weil der für seine rüden Angriffe bekannte Zinédine Zidane seinen Kopf in den Brustkorb seines italienischen Gegenspielers rammte. Das Spiel war der Höhepunkt und zugleich Schlusspunkt des Sommermärchens, das Deutschland zuvor wochenlang erlebt hatte. Sommerwetter, Public Viewing, dazu Deutschlands Vorrücken bis zum dritten Platz – all das versetzte eine ganze Nation in Begeisterung. Mit der gerade gefällten Entscheidung für Deutschland als Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft 2024 könnte das Olympiastadion dann vielleicht eine weitere schicksalhafte Facette erleben.

Armin A. Woy: „Berliner Schicksalsorte. 42 Orte, die Geschichte machten“, Elsengold Verlag, 20 Euro

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