Jahrestag des Mauerfalls

„Die Berliner Geschichte hat unglaubliche Symbolkraft“

Tom Sello, Landesbeauftrager für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, spricht über den Umgang mit der DDR-Geschichte.

Tom Sello, ist Berlins Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Tom Sello, ist Berlins Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Tom Sello (61) ist seit einem Jahr Berliner Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. 1989 deckte er gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern Wahlbetrug bei den DDR-Kommunalwahlen auf, war 1990 an der Gründung eines DDR-Oppositionsarchivs in der Umwelt-Bibliothek Berlin beteiligt. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 kuratierte er die Ausstellung „Friedliche Revolution“ auf dem Alexanderplatz. Wie kann, wie soll man sich erinnern? Mit Sello sprach Uta Keseling.

Herr Sello, was bedeutet für Sie die Aufarbeitung der SED-Diktatur, 29 Jahre nach dem Mauerfall?

Tom Sello: Im Vordergrund unserer Arbeit steht noch immer die Beratung von Menschen, die unter der SED-Diktatur verfolgt wurden, die Repressalien ausgesetzt waren und bis heute an Folgeschäden leiden. Außerdem fördern wir Projekte, die sich mit der SED-Diktatur auseinandersetzen, in Veranstaltungen, Publikationen und Ausstellungen – vom Stasimuseum über das Archiv der DDR-Opposition, beide in Lichtenberg, bis zur Psychosozialen Beratungsstelle Gegenwind in Moabit.

Wer sucht heute bei Ihnen Beratung?

Wer in der DDR unter Repressionen gelitten hat, muss nicht selten langfristig finanzielle Nachteile in Kauf nehmen. Wenn jemand zum Beispiel nicht die gewünschte Ausbildung machen und den entsprechenden Beruf wählen durfte, wirkt sich das später auf die Rente aus. Viele Repressionsopfer leben in prekären Verhältnissen. Hilfe suchen auch Menschen, bei denen die psychischen Folgen von Haft oder Zersetzungsmaßnahmen erst jetzt, nach Jahrzehnten, durchbrechen.

Wie können Sie den Opfern helfen?

Wir verweisen auf psychosoziale und psychotherapeutische Hilfsangebote und beraten bei der Antragstellung auf berufliche, verwaltungsrechtliche und strafrechtliche Rehabilitierung. In Berlin gibt es noch weitere Anlaufstellen für SED-Opfer, deren Beratungstätigkeit durch mein Haus gefördert wird.

Zu Ihren Aufgaben gehört auch die Vermittlung der DDR-Geschichte. Gibt es nach 30 Jahren einen anderen Blick darauf?

Es gibt immer wieder einen neuen Blick auf die Geschichte, das gilt für die DDR ebenso wie für andere historische Epochen. Nehmen Sie den Fall der Mauer: Es hat einige Jahre gebraucht, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass der Mauerfall Teil einer Revolution war. Nach 1989 wollten die Berliner die Mauer als Symbol der Teilung möglichst schnell und komplett beseitigen. Inzwischen beklagt man, dass davon nur noch so wenig zu sehen ist.

Hat sich Ihr eigenes Bild auch gewandelt?

Ja, ganz sicher. Ich habe nach dem Mauerfall viel gelernt über die DDR. Zum Beispiel über den 17. Juni 1953. Im Westen war er zum Feiertag der deutschen Einheit erklärt worden, verlor mit den Jahren aber immer mehr an Aufmerksamkeit. Uns vermittelte man in der Schule die Verschwörungstheorie vom faschistischen Putsch, der aus dem Westen gesteuert war. In der DDR der 80er-Jahre war der 17. Juni kein historischer Bezugspunkt. Nach der Einführung des 3. Oktobers als Tag der deutschen Einheit 1990 spielte er für einige Zeit kaum noch eine Rolle. Dann beschäftigten sich Forscher und Publizisten mit den Ereignissen, die seitdem eine komplett neue Einordnung als Volksaufstand fanden.

In der Debatte um einen zusätzlichen Feiertag für Berlin haben Sie den 9. November vorgeschlagen. Bisher war das ein Tabu.

Ich halte es für sinnvoll, dass möglichst viele Menschen etwas mit dem Datum anfangen können. Auch die meisten Jüngeren und Zugezogenen kennen die Erzählungen und Bilder von 1989. Natürlich ist der 9. November ein ambivalentes Datum, weil es nicht nur an den Mauerfall, sondern auch an den organisierten Terror gegen hilflose jüdische Mitmenschen 1938 oder an den Hitler-Putsch 1923 erinnert. Meiner Meinung nach ist das aber kein Ausschlusskriterium. Vielleicht bietet das sogar eine Chance. Wir feiern den 9. November als den glücklichsten Tag der jüngsten deutschen Geschichte, gerade hier in Berlin. Gleichzeitig erinnern wir an die grauenhaften Verbrechen in der NS-Diktatur. Das könnte uns vor zu großer Selbstgewissheit schützen.

Zu Zeiten des Mauerfalls und danach gab es auch Menschen, in Ost wie West, die die Wiedervereinigung kritisch sahen. Ging Ihnen das auch so?

Die DDR wollte ich nicht mehr. Das Beste an ihr war ihr Ende. Aber ja, ich hatte damals auch einen kritischen Blick auf die Bundesrepublik. Dieselben Probleme, die mich in der DDR beschäftigt hatten – Umweltzerstörung, Atomkraft, Aufrüstung, Waffenhandel, die Friedensfrage – wurden aus meiner damaligen Sicht nicht von der Regierung, sondern von Systemkritikern im Westen thematisiert. Aus diesen Reihen kamen auch die – wenigen – Unterstützer der Opposition in der DDR. Schnell musste ich jedoch lernen, welch verklärten, unrealistischen Blick große Teile der westdeutschen Linken auf die DDR hatten. Sie sahen nicht die Diktatur, sondern selbst nach deren Ende noch positive Ansätze für einen Gesellschaftsentwurf.

Heute bin ich froh, dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen bei den ersten freien Volkskammerwahlen 1990 für das Modell Bundesrepublik entschieden hat. 75 Prozent der Wähler haben damals für den schnellstmöglichen Übergang gestimmt. Sowohl das Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“, die SPD als auch die Liberalen hatten den schnellen Weg zur Deutschen Einheit im Programm. Das wird leicht vergessen. Nicht die Westdeutschen haben diesen Weg gewählt, sondern die Ostdeutschen, mit einer hohen Wahlbeteiligung von über 90 Prozent. Auf einem anderen Blatt steht, dass auch rund 16 Prozent für die PDS, die SED-Nachfolgepartei, gestimmt haben.

Fehlt uns heute manchmal dieser Mut zur Veränderung?

Nein, ich denke, über das Ausmaß an gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten 30 Jahren können wir uns nicht beklagen. Menschen mit Mut, die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern, finden wir gerade in unserem Land und in Berlin unheimlich viele. Aber wie heute waren auch in der DDR diejenigen, die sich engagiert haben, nur eine Minderheit. Umso grandioser war es für mich, 1989 zu erleben, wie viele Menschen schließlich doch auf die Straße gegangen sind. Nicht für irgendwas, sondern für ihre, für demokratische Rechte. Sie wollten die Gesellschaft gestalten, Verkrustungen aufbrechen, sich selbst an den Veränderungen beteiligen. Und sie haben dafür Risiken in Kauf genommen, sich den Bürgerbewegungen angeschlossen und damit angreifbar gemacht. Das war großartig.

2005 haben Sie ein preisgekröntes Multimediaprojekt zur Jugendopposition in der DDR gemacht. Sie selbst gehörten einst auch dazu. Wie deckt man Wahlfälschung auf?

Die Wahlen in der DDR waren Scheinwahlen, das konnte jeder sehen, der es sehen wollte. Auf den Stimmzetteln gab es nur eine Einheitsliste. Eine Möglichkeit der Ablehnung war auf den Wahlzetteln nicht vorgesehen. Eine gesetzliche Regelung oder Richtlinie, wie man eine Nein-Stimme hätte abgeben können, existierte nicht. Wer eine Wahlkabine benutzte, wurde notiert. Dieses Wahlsystem diente allein der SED zur eigenen Legitimierung. Und der überwiegende Teil der ostdeutschen Wahlberechtigten machte bis 1989 mit.

Schon bei vorangegangenen Scheinwahlen in den 80er-Jahren hatten Bürgerrechtler versucht, Wahlkandidaten einzuladen und ihnen kritische Fragen zu stellen und Stimmenauszählungen zu kontrollieren. Da das Einzelaktionen waren, blieben sie wirkungslos. Auf die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 bereiteten sich oppositionelle Gruppen teilweise schon seit 1988 vor. Wir wollten in Berlin und andernorts in möglichst vielen Wahllokalen bei der Auszählung dabei sein, um die Ergebnisse mit denen zu vergleichen, die später offiziell verkündet wurden. Wir besetzten die Termine möglichst doppelt, für den Fall, dass auf dem Weg dorthin schon Leute weggefangen würden.

Danach war klar: Unsere Ergebnisse aus den Wahllokalen passten nicht zu jenen, die offiziell verkündet wurden. Wir haben in der Umwelt-Bibliothek in der Zionskirche in Mitte eine Untergrund-Publikation herausgegeben, den „Wahlfall“, und westdeutsche Journalisten informiert, die wir kannten. Sie titelten, dass die Opposition der DDR eine Wahlfälschung festgestellt hatte und dies der SED vorwarf. Über Westradio und -fernsehen gelangten die Meldungen wiederum in die ostdeutschen Wohnzimmer.

Das Gefühl, dass man sich auflehnen kann und auch muss, wird auf den „Montagsdemonstrationen“ von Pegida und anderen Populisten immer wieder zitiert. Haben diese Leute denn ein Recht, sich auf damals zu berufen?

Im Herbst 1989 forderten Ostdeutsche Bürgerrechte, Reise- und Meinungsfreiheit, „ein offenes Land mit freien Menschen“. In der DDR konnte man nicht ungeschoren auf der Straße demonstrieren, seine Meinung frei in Medien oder auf Veranstaltungen öffentlich kundtun. Heute haben wir diese Rechte und Freiheiten. Eine Gleichsetzung der Systeme von damals und heute ist eine Verharmlosung der Diktatur, das muss man klar sagen. Und man muss sich auch fragen, mit welchen Motiven Menschen eine solche Gleichsetzung vornehmen – aus Naivität oder etwa um andere zu instrumentalisieren.

Gibt es in Ostdeutschland eine besondere Anfälligkeit für Populismus?

Ich bin vorsichtig mit solchen Zuschreibungen. Populisten gab und gibt es überall. Anhänger in westeuropäischen Demokratien haben erwiesenermaßen keine DDR-Vergangenheit und kein Päckchen der Systemumstellung mit sich herumzutragen. Es gibt offenbar übergreifendere Ursachen. Dazu kommt: Es gibt nicht nur rechten, sondern auch linken Populismus.

Macht Ihnen das Sorge?

Ja, die von Populisten angebotenen und scheinbar einfachen Lösungen für gravierende Probleme haben oft fatale Folgen. Und ja, es macht mir generell Sorge, wenn Menschen verächtlich und hasserfüllt miteinander umgehen. Ich finde es immer wichtig, auch den Menschen respektvoll zu begegnen, die anders denken oder anders sind als man selbst. Das galt damals wie heute – und gilt übrigens auch für die digitale Welt.

Wie vermittelt man heute die Geschichte der DDR – auch an Jüngere und Zugezogene?

Ein Patentrezept gibt es nicht. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Geschichte nicht nur in Museen zu bringen, sondern auch in den Alltag der Menschen. Ich fände es zum Beispiel eine gute Idee, das Streben nach Freiheit und Demokratie in der deutschen Geschichte entlang der neuen U-Bahn-Linie U5 zu erzählen. Sie wird ja als „Freiheitslinie“ viele historische Orte verbinden. Vom Ort der Stasi-Zentrale in Lichtenberg, wo im Januar 1990 der SED ihr wichtigstes Machtinstrument, die Geheimpolizei, endgültig entrissen wurde, über die Karl-Marx-Allee, Schauplatz des Aufstands vom 17. Juni 1953, über den Alexanderplatz, Ort der revolutionären Auseinandersetzungen von 1848 und 1989, bis zum Brandenburger Tor und zum Bundestag. Die Berliner Geschichte hat eine unglaubliche Symbolkraft nach außen – auch deshalb sollten wir darauf setzen, sie zu bewahren und zu erzählen.

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