1989 und heute

Jahrestag des Mauerfalls: So sehr hat sich Berlin verändert

Der Fotograf Gottfried Schenk zeigt, wie sehr sich die Hauptstadt im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Bleibt die Mauer, gehn’ die Leute, fällt die Mauer, ist sie pleite“ steht auf dem Transparent. Am 10. November 1989 stehen Volkspolizisten bedrohlich auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. Noch wusste niemand, wie es weitergeht.
Fest zum Tag der deutschen Einheit, 2016: Das Brandenburger Tor ist längt Symbol der Einheit und Freiheit. Wo die Mauer stand, wissen nur noch Eingeweihte. Berlins Symbol bleibt für viele Menschen ein magischer Ort.
Bleibt die Mauer, gehn’ die Leute, fällt die Mauer, ist sie pleite“ steht auf dem Transparent. Am 10. November 1989 stehen Volkspolizisten bedrohlich auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. Noch wusste niemand, wie es weitergeht.

Berlin.  Als am späten Abend des 9. November 1989 in Berlin die ersten Einwohner von Ost nach West strömten, war klar: nichts würde künftig noch so sein wie zuvor. 29 Jahre ist es nun her, dass Menschen, die sich nicht kannten, die Überwindung der Mauer feierten. Im wörtlichen wie übertragenen Sinne. Der Mauerfall markierte das Ende des Kalten Krieges.

Blick über den Todesstreifen zwischen Potsdamer Platz und Leipziger Straße, 1987. Der Sand wurde geharkt, um Fußspuren sichtbar zu machen. Die weißen Flächen an der hinteren Mauer sollten einen Kontrast bilden, um Flüchtende zu entdecken.
Blick vom Potsdamer Platz zum Leipziger Platz und zur Leipziger Straße, 2016. Nach dem Mauerfall wurde das Areal über Jahre zur gigantischen Baustelle und wurde komplett neu bebaut.
Blick über den Todesstreifen zwischen Potsdamer Platz und Leipziger Straße, 1987. Der Sand wurde geharkt, um Fußspuren sichtbar zu machen. Die weißen Flächen an der hinteren Mauer sollten einen Kontrast bilden, um Flüchtende zu entdecken.

Die Ereignisse jenes Abends hatte niemand geplant. Günter Schabowski, der neu ernannte ZK-Sekretär für Information, gab auf einer Pressekonferenz vor West-Journalisten um kurz vor 18 Uhr bekannt, DDR-Bürger dürften nun „ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ auch ins Ausland reisen. Auf Nachfrage folgten, unsicher, mit Blick auf ein Papier, seine entscheidenden Worte: Dies gelte „sofort, unverzüglich“. Nachdem diese Nachrichten von ungläubigen Moderatoren in ARD und ZDF verbreitet worden waren, sammelten sich Ost-Berliner zu Hunderten an den Grenzübergangen. Um 23.30 Uhr öffnete sich an der Bornholmer Brücke die erste Schranke, nach Mitternacht waren alle Berliner Übergänge offen.

Am  Grenzübergang Checkpoint an der Friedrichstraße durften nur Ausländer und Funktionäre passieren. 1990 standen die Grenzanlagen noch, samt Betonblöcken auf der Straße, aber der Ort hatte seinen Schrecken verloren.
Auch wenn der Checkpoint Charlie heute zu den meistbesuchten Erinnerungsorten gehört – zwischen Imbissbuden und urlaubsgestimmten Touristen fällt es schwer, sich die Zeit der Teilung vorzustellen.
Am Grenzübergang Checkpoint an der Friedrichstraße durften nur Ausländer und Funktionäre passieren. 1990 standen die Grenzanlagen noch, samt Betonblöcken auf der Straße, aber der Ort hatte seinen Schrecken verloren.

Die Szenen in der fahlen Berliner Novembernacht, als sich wildfremde Menschen in den Armen lagen, jubelten, feierten – wenn es ein Ereignis gibt, das eine ganze Generation geprägt hat, dann der Mauerfall. Für alle, die in der DDR groß geworden waren, folgte danach eine nicht immer einfache Zeit.

Stadtschloss: 2011 sind die Grundmauern des alten Stadtschlosses freigelegt – im Hintergrund das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR (oben). Das Humboldt Forum im neuen Stadtschloss soll Ende 2019 eröffnet werden (unten).
Stadtschloss: 2011 sind die Grundmauern des alten Stadtschlosses freigelegt – im Hintergrund das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR (oben). Das Humboldt Forum im neuen Stadtschloss soll Ende 2019 eröffnet werden (unten).

Ein neues politisches System, neues Geld, neue Freiheiten, aber auch Jobverlust, sehr viele mussten ihr Leben umplanen. Für Berlin bedeutete das Zusammenwachsen einen radikalen Umbruch. Und zwischen Abriss und Neubau, Großbaustellen und Verkehrschaos ging manchmal fast unter, wie rasant sich Berlin veränderte und bis heute verändert.

Stresemannstraße: Hier verlief der Todesstreifen Richtung Potsdamer Platz (1990, oben). Rechterhand verlief er über die Niederkirchnerstraße weiter (nicht im Bild), wo heute einer der letzten erhaltenen Teile der Mauer verläuft.
Stresemannstraße: Hier verlief der Todesstreifen Richtung Potsdamer Platz (1990, oben). Rechterhand verlief er über die Niederkirchnerstraße weiter (nicht im Bild), wo heute einer der letzten erhaltenen Teile der Mauer verläuft.

Der Fotograf Gottfried Schenk hat diese bewegte Zeit kontinuierlich in Bildern festgehalten. Er hat dabei immer wieder die selben Standorte und Blickwinkel gesucht. Daraus entstanden sind 70 analoge Bildpaare, die auf eindrucksvolle Weise den Weg Berlins von der geteilten Mauerstadt hin zur europäischen Metropole zeigen.

Regierungsviertel: 1990 standen die Grenzanlagen noch (oben). Heute befinden sich die Bundesregierung und das Parlament. Im Vordergrund das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in dem unter anderem die Untersuchungsausschüsse tagen.
Regierungsviertel: 1990 standen die Grenzanlagen noch (oben). Heute befinden sich die Bundesregierung und das Parlament. Im Vordergrund das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in dem unter anderem die Untersuchungsausschüsse tagen.

Die ersten Bilder entstanden 1977. Schenk, geboren in Kufstein/Österreich, lebt seit 1970 als freier Autor und Fotograf in Berlin. Die hier abgebildeten Fotopaare sind seinem neuen Bildband entnommen.

Holocaust-Mahnmal: Im Jahr 2000 war das Gelände gerade planiert – das Gelände war zu DDR-Zeiten Teil des Todesstreifens. Hier steht heute das Denkmal für die ermordeten Juden Europas (unten, 2015).
Holocaust-Mahnmal: Im Jahr 2000 war das Gelände gerade planiert – das Gelände war zu DDR-Zeiten Teil des Todesstreifens. Hier steht heute das Denkmal für die ermordeten Juden Europas (unten, 2015).

Berliner Verwandlungen – Changing Berlin, Fotografische Bildpaare 1977 bis heute, 175 Seiten, L&H Verlag Berlin 2018, 26 Euro

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