Gedenken

Was die Presse mit dem Mauerbau zu tun hatte

Vor genau 56 Jahren, 13. August 1961, erwachten die Berliner in einer geteilten Stadt

Die Mauer ist zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Wochen alt – am 28. August 1961 versuchen Berliner, nach drüben zu blicken

Die Mauer ist zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Wochen alt – am 28. August 1961 versuchen Berliner, nach drüben zu blicken

Foto: dpa Picture-Alliance / Worth / picture alliance / ASSOCIATED PR

Eine spektakuläre Pressekonferenz stand am Anfang – und eine am Ende der Berliner Mauer. Am 15. Juni 1961 verplapperte sich Walter Ulbricht. Die Journalistin Annamarie Doherr von der "Frankfurter Rundschau" brachte ihn dazu. Sie fragte Ulbricht auf der Pressekonferenz, ob er daran denke, die Staatsgrenze der DDR am Brandenburger Tor zu ziehen. Und wenn ja, "sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?" Die Journalistin hatte das staatsrechtlich gemeint.

Ulbricht dachte schon viel gröber, er dachte dabei an Beton – er verriet sich mit seiner berühmt gewordenen Antwort, deren Tragweite die Welt allerdings erst einen Monat später begreifen würde: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, äh, eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Besonders der letzte – von Ulbricht mit seiner Fistelstimme gesprochene Satz – klingt vielen Deutschen bis heute schrill im Ohr.

"... ist das sofort, unverzüglich"

So kam die Mauer in die Welt. Und als sie aus ihr verschwand, ging dem wieder eine berühmt gewordene Pressekonferenz voraus. Es war der Abend des 9. November 1989. Der erst wenige Tage zuvor eingesetzte Ost-Berliner Sekretär für Informationswesen Günter Schabowski wurde vom italienischen Journalisten Riccardo Ehrman nach dem neuen Reisegesetz der DDR gefragt. Am Ende eines langen, eher wirr zu nennenden Monologs, in dem Schabowski ausführte, man müsse die Menschen der DDR aus der aktuellen "psychologischen Drucksituation" befreien, sagte er dann völlig unerwartet: "Allerdings ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der ständige, wie man so schön sagt oder so unschön sagt, die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik." Danach liest er den weltberühmten Zettel vor. Ausreise jederzeit, kurzfristig und ohne Voraussetzung für jeden DDR-Bürger. "Wann tritt das in Kraft?", fragt der Kollege der "Bild"-Zeitung ungläubig. "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." Der Rest ist Geschichte.

Zwei Pressekonferenzen also, die Weltgeschichte schrieben. Das verleitet den Direktor der Stiftung Berliner Mauer Axel Klausmeier zu der etwas kecken These: "Haben die Journalisten die Ereignisse womöglich herbeigeschrieben?" Nun ja, das sicherlich nicht. Ulbricht wollte ja schon im März 1961 mit Stacheldraht loslegen. Allenfalls könnte man sagen, sie haben sie in beiden Fällen mit ihren frechen Fragen herausgekitzelt. Eine gewisse Rolle spielten Medien 1961 und 1989 also durchaus.

30.000 Flüchtlinge im Juli 1961

"Der Mauerbau im Spiegel der Medien" hieß denn auch das Podium, das diese Woche zum Jahrestag des Baus der Berliner Mauer – genau heute vor 56 Jahren – veranstaltet wurde. Am Tisch saßen unter anderem die ehemaligen Korrespondenten Karl-Heinz Baum und Ulrich Schwarz, die beide jahrelang aus Ost-Berlin berichtet hatten. Baum, der von 1977 bis 1990 im Ostteil der Stadt lebte, schrieb für die "Frankfurter Rundschau", Schwarz für den "Spiegel" – gleich zweimal war er in der Hauptstadt der DDR: einmal 1976 bis 1977, danach musste das "Spiegel"-Büro dort schließen. Und dann erst wieder von 1985 bis zum Mauerfall.

Auf dem Podium geht es anekdotisch zu. Baum erzählt, er habe als junger Mann im Sommer 1961 "schon so ein komisches Gefühl" gehabt. Die Flüchtlingszahlen seien gestiegen und gestiegen, "das konnte nicht gut gehen". Tatsächlich liegen sie im Juli 1961 bei 30.000 Flüchtlingen, so viele, wie seit 1953 nicht mehr. Und wer geht, ist jung – über die Hälfte der Flüchtlinge waren keine 25 Jahre alt. Das wird sich im Sommer 1989 wiederholen; auch da fliehen besonders viele junge Leute, Schüler, Studenten, Lehrlinge, junge Arbeiter, oft ohne das Wissen ihrer Eltern und Freunde.

Bald schon wurde die Mauer zum echten Problem

Die Dynamik des Mauerbaus wie des Mauerfalls wird also angetrieben von der Generation, die eine Hoffnung auf mehr hat – Pläne, Ziele, Wünsche, die in der beengten und genormten sozialistischen Welt keinen Platz finden. Eine kleine Weile brachte der Mauerbau den gewünschten Effekt – die DDR stabilisierte sich, in den 60er-Jahren trat sogar ein kleines Wirtschaftswunder ein. Aber bald schon wurde die Mauer zum echten Problem. Das Zentralinstitut für Jugendforschung, deren Erhebungen zu SED-Zeiten Vertrauliche Verschlusssache blieben, musste spätestens in den 80er-Jahren feststellen, dass die DDR-Jugendlichen zunehmend wenig mit dem Sozialismus in dieser Form anfangen konnten. Was sie wirklich in ihrer Mehrheit wollten, das waren Konsum, Reisen, Freizeit. Genau wie bei den Kids im Westen.

"Es gibt bei uns einen Hang vieler Leute", erzählte 1983 ein Mitglied der DDR-Band Pankow zwei westlichen Journalisten in Ost-Berlin, "auszusteigen, aber nicht in dem Sinne, wie es im Westen ist: also nicht arbeiten gehen. Das gibt es ja bei uns nicht. Diese Leute steigen aus, indem sie sich privatisieren. Indem sie den Job machen, da sind, ihn erfüllen und dann nach Hause gehen, und dann geht ihre Welt los samt Fernseher und samt ihrer Freizeithobbys." Im Kopf, das ist das größte Problem der DDR in den 80er-Jahren, hat die junge Generation längst rübergemacht.

Touristen können es kaum noch begreifen

Vorbei, vorbei. Der sommerliche Sonntag des 13. August 1961 liegt heute so fern wie die kalte, aufregende Novembernacht 1989. Der Blick aus dem Besucherzentrum zeigt die heutigen Touristen, die nun den Mauerverlauf nachgehen und es doch kaum begreifen können, was hier einmal stand. Noch sind diese Podiumsgespräche möglich, aber die Zeitzeugen und – um ehrlich zu sein – auch die Gäste werden immer älter. Irgendwann werden diese Gedenktage nur noch Geschichte sein. So ganz ohne selbst erlebte Anekdoten.

Am 6. November findet die zweite Veranstaltung statt: "Der Mauerfall im Spiegel der internationalen Medien"

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