Historie

Deutschlands erster U-Bahn-Tunnel in Berlin ist wieder offen

Der Verein Berliner Unterwelten macht den jahrelang verschlossenen AEG-Versuchstunnel wieder zugänglich

Blick in den AEG-Versuchstunnel

Blick in den AEG-Versuchstunnel

Foto: Massimo Rodari

Berlin ohne U-Bahn – eigentlich kaum vorstellbar. Mehr als 1,5 Millionen Fahrgäste befördern die sonnengelben Züge jeden Tag durch die Hauptstadt. Nicht immer störungs- und stressfrei, am Ende aber doch recht effektiv. Ohne die elektrisch betriebenen Bahnen im Untergrund, da sind sich so ziemlich alle einig, würde Berlin hoffnungslos im Verkehrschaos versinken. 146,3 Kilometer ist das Streckennetz inzwischen lang.

Dabei hat alles einmal ganz klein angefangen. Und die Skepsis der Stadtväter – und auch der Berliner selbst – war Ende des 19. Jahrhunderts groß. Gerade erst war damit begonnen worden, für die explosionsartig wachsende Stadt eine Kanalisation anzulegen. Platz für diese neumodischen Wagen auf Schienen, davon war der damalige Stadtplaner James Hobrecht überzeugt, gibt es im Untergrund nicht auch noch.

Deutschlands erster U-Bahn-Tunnel

U-Bahn-Pioniere wie der Gründer der Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG), Emil Rathenau, wollten sich damit aber nicht abfinden. Um die Stadtväter von seiner Idee zu überzeugen, ließ Rathenau ab 1895 unter dem AEG-Gelände im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen eine unterirdische Versuchsstrecke anlegen. 3,15 Meter hoch, 2,60 Meter breit und zunächst 295 Meter lang. Am 31. Mai 1897 – also fast genau vor 120 Jahren – wurde dort der Testbetrieb für eine Röhrenbahn nach Londoner Vorbild aufgenommen. Die Anlage sollte in die Geschichte als Deutschlands erster U-Bahntunnel eingehen.

Wer die Anfänge der Berliner Untergrundbahn entdecken will, sollte feste Schuhe und vor allem wärmende Kleidung anhaben. "Hier unten steigt das Quecksilber selbst im Hochsommer kaum über zehn Grad", sagt Dietmar Arnold, Chef der Berliner Unterwelten. Der inzwischen seit 20 Jahren bestehende gemeinnützige Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die vielen Geheimnisse im Berliner Untergrund den Hauptstädtern, aber auch den Besuchern der Stadt zugänglich zu machen. Aktuell sind etwa Touren durch Luftschutzkeller des Zweiten Weltkriegs, Schutzanlagen, die während des Kalten Krieges errichtet wurden, aber auch eine Besichtigung des Schwerbelastungskörpers, den Hitlers Architekt Albert Speer einst in Tempelhof bauen ließ, im Angebot (Hier geht es zur Website).

Der Tunnel soff regelrecht ab

Auch Führungen durch den AEG-Tunnel in Gesundbrunnen standen schon im Programm des Vereins. Doch der Verkauf der Gewerbehöfe 2009 durch das Land Berlin setzte dem abrupt ein Ende. Die seit 1986 unter Denkmalschutz stehende Anlage sollte anschließend nicht nur in Vergessenheit geraten. Schlimmer noch: Weil sich die neuen Eigentümer – einerseits der Baukonzern Hochtief, andererseits die Orco-Gruppe als neuer Besitzer der traditionsreichen Berliner Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSG) – über die Zuständigkeiten nicht einigen konnten, drohte dem laut Arnold "einzigartigen ingenieurtechnischen Bauwerk" der Verfall. "Weil die Wasserpumpen abgestellt wurden, soff der Tunnel regelrecht ab", berichtete der Vereinschef. Mit Ende des Rechtsstreits 2014 gab es bei der GSG ein Umdenken. Gespräche wurden geführt, den Tunnel wieder zugänglich zu machen.

Was indes alles andere als einfach war. Das eingedrungene Wasser, das bis zu 1,20 Meter hoch im Tunnel stand, hatte teils erhebliche Schäden angerichtet. Mehr als 200.000 Euro musste der ohne jede staatliche Unterstützung auskommende Verein investieren, um die Tunnelanlagen wieder trockenzulegen.

Zu sehen ist auch ein Luftschutzkeller

Nach einem Jahr harter Arbeit ist es nun soweit. Ab 8. April bieten die Berliner Unterwelten wieder Führungen durch den "AEG-Versuchstunnel" an. Zunächst zwei Touren am Sonnabend (maximal 25 Teilnehmer pro Tour). "Sollte das Interesse größer sein, werden wir über zusätzliche Termine nachdenken", so Arnold. Zu entdecken gibt es bei der "Tour A" nicht nur ein bemerkenswertes Stück Technikgeschichte. Zu sehen ist auch ein Luftschutzkeller, in dem ab 1944 die AEG-Mitarbeiter, aber auch die vielen Zwangsarbeiter bei Bombenangriffen flüchteten. Geplant hatte der Verein auch, die noch vorhandenen 282 Meter Tunnelstrecke mit einer Draisine abzufahren. Doch der Höhenunterschied zwischen Start- und Zielpunkt erwies sich als zu groß. "Runter ging es gut, doch hoch hat es keiner geschafft", so Arnold. Nun wird überlegt, Elektrokarren zu nutzen. "Auch die wurden von der AEG hier ab den 1920er-Jahren getestet", so der Unterwelten-Chef.

Die Berliner Unterwelten bieten ab 8. April Führungen durch den AEG-Versuchstunnel an, zunächst sonnabends um 11 und 13 Uhr. Treff: Voltastr. 6. Tickets zum Preis ab 13,10 Euro können nur vorab im Onlineshop (www.reservix.de oder an Reservix-Vorverkaufsstellen erworben werden, kein Verkauf vor Ort. Die Teilnehmer der "Tour A" müssen zudem volljährig sein.

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