ARD-Serie

Wie Robert Koch einen Skandal auslöste

Die Serie „Charité“ erzählt die Geschichte von der vorschnellen Hoffnung auf Heilung – weil Robert Koch voreilig war.

Szene aus „Charité“:  Robert Koch (Justus von Dohnányi, l.) lässt sich als Selbstversuch Tuberkulin von Paul Ehrlich (Christoph Bach, r.) spritzen

Szene aus „Charité“: Robert Koch (Justus von Dohnányi, l.) lässt sich als Selbstversuch Tuberkulin von Paul Ehrlich (Christoph Bach, r.) spritzen

Foto: ARD/Nik Konietzny

Wenn am Dienstagabend die ersten Teile der ARD-Serie "Charité" im Fernsehen laufen, mag sich mancher verwundert die Augen reiben. Warum sieht im Fernsehen die Charité so anders aus? Wo sind die markanten rot geklinkerten Gebäude geblieben, die bis heute unser Bild der Klinik prägen? Stattdessen ein eher heruntergekommener Spitalbau mit langen Gängen, fast wie bei einem Kloster.

Tatsächlich spielt die Fernsehserie "Charité" im Vorgängerbau, in der Alten Charité. Ein spätbarocker Dreiflügelbau, der 1800 errichtet wurde – und damit das noch ältere "Pesthaus" von 1710 ablöste. Erst hundert Jahre später, um 1900, entstehen die Backsteinbauten, so wie wir sie bis heute kennen. Und weil für sie die Alte Charité abgerissen wurde, hat man die Serie einfach in Prag gedreht. Dort steht noch ein ähnlicher Dreiflügelbau wie damals in Berlin.

Worum geht es aber bei "Charité"? Um den Skandal rund um das Medikament Tuberkulin. Und der findet 1890/91 in Berlin statt. Da stand noch kein Neubau.

Bis zu 120.000 Menschen starben pro Jahr an der "Weißen Pest"

Tuberkulose war im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert eine der Haupttodesursachen, nicht umsonst wurde die Krankheit die "Weiße Pest" genannt. Man schätzt, dass im Deutschen Reich pro Jahr 100.000 bis 120.000 Menschen an der Krankheit starben, dazu kamen die vielen Erkrankten. Tuberkulose war eine Krankheit der Städte und der Armut – je überfüllter die Wohnungen in Berlin, mit ihren oft mehrfach genutzten Betten, je schlechter Hygiene und Ernährung, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken. Ein Heilmittel gegen das mycobacterium tuberculosis gab es nicht, in Heilstätten versuchte man, die Menschen zu kurieren. Liegestühle und Freilufthallen waren charakteristisch für diese Sanatorien.

Es gelang dem Bakteriologen Robert Koch 1882, den Erreger zu isolieren und die Stäbchen-Bakterien unter dem Mikroskop sichtbar zu machen. Nun war der Feind identifiziert. Ein ungeheurer Durchbruch in der medizinischen Wissenschaft, der Koch und Berlin schlagartig weltberühmt machte. Das damalige Labor Kochs lag im Kaiserlichen Gesundheitsamt, direkt gegenüber der Charité. Koch, selbst nie bei der Charité angestellt, arbeitete eng mit der Klinik zusammen.

Die Fernsehserie "Charité" setzt im Dreikaiserjahr 1888 ein. In diesem Jahr starb Reichsgründer Wilhelm I., sein Sohn Friedrich III. folgte, ein liberaler Geist, der von 1848ern geschätzt wurde und in den man große Hoffnungen setzte. Doch bei Friedrich III. wucherte im Hals ein Kehlkopfkrebs, er sollte nur 99 Tage regieren, danach starb er, ohne dass die Ärzte ihn retten konnten. Ihm folgte dessen Sohn Wilhelm II. – genau, der Pickelhauben-Wilhelm.

Die Erwartungen an Robert Koch waren hoch

Der junge Kaiser ist ehrgeizig, er will internationale Anerkennung für das noch jüngere Deutsche Reich. Wissenschaftliche Entdeckungen sind in der Gründerzeit sehr populär, die Erwartungen an Robert Koch waren also hoch. Wenn er schon das Bakterium sichtbar machen konnte, konnte doch auch das Heilmittel nicht mehr fern sein! 1890 fand in Berlin, im Zirkus Busch, ein internationaler Ärztekongress statt. Man hoffte, dass Koch dort einen spektakulären Durchbruch präsentieren würde.

Das Thema des kochschen Vortrages klang schlicht: "Über bakteriologische Forschung". Es war schon spät "und da im Saale eine Temperatur herrschte, welche allen Anspruch darauf machen konnte, für eine tropische zu gelten" – wie das "Berliner Tageblatt" am 5. August 1890 schreibt –, waren die Zuhörerreihen schon etwas gelichtet. Doch rund 2000 Anwesende hörten die Sensation, die Koch vorsichtig formulierte. Es gebe eine geheimnisvolle "Substanz", die bei seinen infizierten Meerschweinchen – den Versuchstieren – die Tuberkulose zum Stillstand gebracht habe. Danach ist die Stimmung euphorisch: Ein Heilmittel ist gefunden, jubelte die Presse! Koch dagegen verzweifelte, hatte er das Medikament doch noch nie bei Menschen ausprobiert. Er stand erst ganz am Anfang der Forschung. Seine Ankündigung kam viel zu früh.

Heilende Wirkung bei Meerschweinchen

Schon eine Weile experimentierte Koch mit gefilterten Tuberkulosebakterienkulturen, die er aus der Lymphe infizierter Versuchstiere gewann. Bei den Meerschweinchen zeigte das Extrakt eine heilende Wirkung. Nun, nach der Ankündigung, musste alles schnell gehen. Das neue Mittel testete er an sich selbst und an seiner jungen Geliebten Hedwig Freiberg, um zu schauen, wie es bei Menschen verträglich ist, und um die richtige Dosierung zu finden. Menschliche Versuchskaninchen. Danach begann eine hastig anberaumte Versuchsreihe in den Tuberkulosebaracken der Charité.

Am 11. November 1890 machte die "Frankfurter Zeitung" mit der Schlagzeile auf: "Haut-Tuberkulose mit Koch-Lymphe geheilt!" Im "Berliner Tageblatt" versuchte man einen Tag später zu bremsen: Da werde "von Wunderheilungen berichtet" durch das kochsche Mittel. Aber der Weg vom Laboratorium zur Praxis sei "stets ein weiter". Der Appell verhallte ungehört.

Berlin veränderte sich in den nächsten Wochen – zu Tausenden reisten die Tuberkulosekranken aus dem Deutschen Reich, auch aus dem Ausland an, in der Hoffnung, nun endlich Heilung zu finden. Die Charité wurde regelrecht belagert. "Tuberkulin" heißt das von Koch benannte Medikament, doch die Herstellung war schwierig, brauchte man doch das Blut lebender Tiere. Koch schloss bald einen Vertrag mit Hoechst, die Produktion ging in Serie. Ein Millionenbetrag floss. Doch schon im Januar 1891 kamen erste Zweifel auf – das Medikament wirkte nicht, die Symptome wurden nur kurzzeitig gelindert, die Tuberkulose kehrte um so heftiger zurück. Keine Heilung! Ein riesiger Skandal. Und genau darum dreht sich die TV-Serie "Charité".

Zur Fernsehserie

Als historische Eventserie wird "Charité" angepriesen – ganz in der Tradition von "Weissensee" oder "Hotel Adlon". Sechs Folgen wird sie haben, die ersten beiden Teile laufen kommenden Dienstag, den 21. März, zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Die letzte Folge "Zeitenwende" wird dann am 18. April zu sehen sein.

Für Interessierte folgt nach der ersten Ausstrahlung der Serie am Dienstagabend noch eine rbb-Dokumentation: "Die Charité – Geschichten von Leben und Tod" (21.50 Uhr, auch in der ARD). Gedreht wurde die Serie von Sönke Wortmann - Regisseur vom "Wunder von Bern". Auch die Schauspieler sind namhaft. So wird Robert Kochs Geliebte Hedwig Freiberg von Emilia Schüle gespielt. Und den berühmten Forscher Robert Koch verkörpert in diesem Fall Justus von Dohnányi.

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