Architekturfotos

Bildband zeigt Innenleben von Berliner Denkmälern

Ein neuer Bildband zeigt beispielhafte Bauten der Berliner Denkmalkultur, verschweigt aber auch nicht die Katastrophen.

Adrian von Buttlar, Agnete von Specht Wolfgang Reuss und Dietrich Worbs (v.l.)

Adrian von Buttlar, Agnete von Specht Wolfgang Reuss und Dietrich Worbs (v.l.)

Foto: Mauritio Gambarini/dpa

Dietrich Worbs, ohnehin "ein begnadeter Geschichtenerzähler", wie Kunsthistoriker Adrian von Buttlar zu berichten wusste, und Wolfgang Reuss mit seinen "hervorragenden Fotos" sei es gelungen, zu zeigen, wie das Innenleben der Denkmäler aussieht. "Ein spannendes Projekt. Beide haben ein Buchformat erfunden, für das mir kein Vorbild einfällt, etwas Innovatives, eine eigenständige Bildargumentation im Dialog mit dem Text", lobte Kunsthistoriker Adrian von Buttlar, langjähriger Vorsitzender des Landesdenkmalrates Berlin, am Donnerstag das neue Werk. Er lobte, dass auch die Denkmalkatastrophen sichtbar gemacht wurden, beispielsweise mit der Friedrichswerderschen Kirche. Vorgestellt wurde das Buch in den Räumen des Vereins "Denk mal an Berlin" an der Kantstraße. Agnete von Specht, Geschäftsführerin des Vereins, freute sich, es den Mitgliedern vorzustellen.

Für ihren neuen Bildband "Leben im Denkmal – Berliner Bauten, Gärten und ihre Geschichten" haben Wolfgang Reuss (Fotos) und Dietrich Worbs (Texte) 79 Beispiele zusammengetragen. Beide sind frühere Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes und kennen Berlin und die Bauten wie sonst kaum jemand. Aber es geht nicht nur um die Gebäude. "Das Wichtigste an der Architektur sind doch die Menschen, die in ihr leben und arbeiten. Architekturfotos zeigen jedoch oft gar keine Bewohner. Das wollten wir ändern", berichtete Reuss. Dazu haben beide auch ihre persönlichen Verbindungen spielen lassen, denn sie wollten nicht nur das Leben in öffentlichen Bauten, sondern auch in denkmalgeschützten Privathäusern zeigen. Das Buch öffnet den Lesern und Betrachtern der Schwarz-Weiß-Fotografien ein Fenster in diese private Welt. "Die meisten Menschen, die wir gefragt haben, waren einverstanden. Berliner sind offen und neugierig", so die durchweg positiven Erfahrungen, die Architekt und Bauhistoriker Dietrich Worbs bei der Recherche machte.

Bedeutende Bauten zählen zum Unesco-Welterbe

In den Texten zum Bild vermittelt Worbs anschaulich die Gestaltung der Bauten und ihre Bedeutung; künstlerisch, geschichtlich, städtebaulich, kulturell. Berlin mit seinen Bauten hauptsächlich aus dem 19. und 20. Jahrhundert sei eine relativ junge Stadt. Die Zerstörung der Bauten des Barocks und Klassizismus habe schon um 1900 mit der Erweiterung der Stadt von damals 1,5 auf 4 Millionen Bewohnern begonnen. Mit bedeutsamen Bauten aus dem 20. Jahrhundert wie den Siedlungen Weiße Stadt, Siemensstadt oder der Hufeisensiedlung, die zum Unesco-Welterbe gehören, habe die Stadt europäische Architekturgeschichte geschrieben. "Zwischen 1924 und 1930 sind in Berlin 150.000 Wohnungen gebaut worden. Das war eine große planerische Leistung", sagt Worbs. Reuss fotografiert am liebsten mit einem extremen Weitwinkel. So kann er "möglichst viel zeigen", wie er sagt.

Er benutzt eine Plattenkamera. Der Planfilm hat ein großes Format und sorgt für eine hohe Qualität der Wiedergabe. Aber die Kamera erfordert auch bei den zu Fotografierenden Verständnis: Wenn Reuss seine Kamera mit dem Stativ aufgebaut hat und auf den Auslöser drückt, gibt er den Menschen ein Zeichen. "Die Belichtungszeit beträgt zwischen 5 und 15 Sekunden, währenddessen sie sich nicht bewegen dürfen, bei noch längeren Belichtungszeiten entschwinden sie sonst vom Bild", erläutert der Architektur- und Dokumentationsfotograf.

Wolfgang Reuss und Dietrich Worbs: Leben im Denkmal. Berliner Bauten, Gärten und ihre Geschichten. Berlin: Gebr. Mann Verlag 2017, 186 Seiten, 79 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 29 Euro

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