Geschichte

Berlin hatte schon in den Zwanzigern die gleichen Probleme

Schulden, Tempelhofer Feld oder Ratten – alles Probleme, die es schon in den 20er-Jahren gab. Das zeigt das Tagebuch eines SPD-Bürgermeisters.

Ein Tänzchen auf der Liegewiese am Wannsee. Das Foto entstand um 1928

Ein Tänzchen auf der Liegewiese am Wannsee. Das Foto entstand um 1928

Foto: p.a. / BM

Das Tempelhofer Feld als Freifläche erhalten? Darüber wurde in Berlin schon vor 93 Jahren gestritten. Wie heute wurde auch schon 1930 über eine Hochhausbebauung am Alexanderplatz nur geredet, und auch die nicht endende Buddelei auf Berlins Bürgersteigen und Straßen ist ein Jahrhundert-Ärgernis. Auch kein Aufreger allein unserer Tage: 1932 bewegte die Bademode schon einmal die Gemüter – damals war es ein tieferes Rückendekolleté der Badeanzüge, heute ist es der Burkini.

Der Wandel ist eine Konstante in Berlins Geschichte. Auch wenn diese Erkenntnis längst als Gemeingut gilt, ist sie nicht ganz korrekt. Viele unserer heutigen Probleme in und mit der Stadt sind keineswegs so neu, wie wir vermuten. Sie haben fast schon so etwas wie Tradition in unserer Stadt. Wie unverändert berechtigt der so trotzige wie Mut machende Schlachtruf "Berlin bleibt doch Berlin" ist, haben wir dem Tagebuch eines Berliner Lokalpolitikers zu verdanken. Was der in den Jahren zwischen 1920 und 1933 notiert hat, regt zu ernsten wie amüsanten Vergleichen mit der Jetztzeit an. Viele seiner Aufzeichnungen sind zudem von brennender Aktualität.

Der Schreiber heißt Friedrich C. A. Lange, war Jurist und als SPD-Mitglied zunächst Stadtsyndikus, später Stadtkämmerer, ab 1931 Erster Bürgermeister, bis ihn die Nazis seiner Parteizugehörigkeit wegen in Zwangspension schickten. Nach 1945 übernahm er im Berliner Magistrat die Abteilung für Rechtswesen. Das Tagebuch veröffentlichte er 1951 unter dem Titel "Groß-Berliner Tagebuch 1920 bis 1933". Auch wenn es allenfalls noch antiquarisch zu erstehen ist, bleibt es – ob Schuldenpolitik, Verwaltungsreform oder Neubauten – eine anregende Quelle zum Sinnieren für alle heute politisch Handelnden wie für alle Berlinerinnen und Berliner, die auszubaden haben, was im Senat und in den Bezirken angerichtet wird.

Nur wenige Monate nach Ausrufung Groß-Berlins (1. Oktober 1920) schreibt Friedrich C. A. Lange am 8. Januar 1921 das in sein Tagebuch: "Die schlechte Finanzlage zwingt den Kämmerer zur Jagd auf neue Einnahmequellen. Die von ihm vorgeschlagene Hausangestelltensteuer wird zwar den Beifall der Linken finden, aber die Befreiungsmöglichkeiten sind so zahlreich, dass bei dem Ganzen nicht viel herauskommen wird, nicht zu reden von einer weiteren Verschlimmerung der Arbeitslosigkeit …" Eingeführt hatte der Senat da bereits eine "Wohnungsluxussteuer".

Kein Rückgriff auf Perücken- und Jungfernsteuer

Allerdings glaubte auch Lange nicht, dass mit ihr die Finanzprobleme der Stadt zu lösen seien. Dieser Tagebucheintrag endet mit einem nicht ganz ernst gemeinten Hinweis: "Auf die einst von Friedrich I. eingeführte Perückensteuer kann man leider nicht mehr zurückgreifen, auch wohl nicht auf die Jungfernsteuer, die alle unverheiratete Weiblichkeit in Berlin zwang, ihre Jungfernschaft mit vierteljährlich 6 Groschen zu veraccisen."

Das hat natürlich auch dieser Senat nicht im Sinn. Wohl aber sucht auch er nach immer neuen Steuerquellen, um der Schulden der Stadt Herr zu werden. Ähnlich der "Wohnungsluxussteuer" gibt es seit 1997 die "Zweitwohnungssteuer". Und im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag werden weitere neue Steuern gefordert: auf Vermögen und höhere auf Grunderwerb.

Dass Bauten in Berlin immer teurer werden als vorhergesagt, ist dem Eintrag vom 10. Juli 1921 zu entnehmen: "Überhaupt das Stadthaus. Dieser Palazzo, der mit seinen düsteren Quadern inmitten der bescheidenen schönen Bauten der alten Klosterstraße nicht wie ein Bürogebäude, sondern wie eine mittelalterliche italienische Festung wirkt, hat infolge des morastigen Untergrunds und der allgemein kostspieligen Baumethoden seines Schöpfers ungeheure Summen verschlungen, was seinerzeit im Bauausschuss und in der Stadtverordnetenversammlung zu schweren Angriffen gegen den Erbauer geführt hat …" Die Sanierung der Staatsoper und der Bau des BER lassen ebenso grüßen wie die unerwarteten Probleme der Totalrenovierung des Pergamonmuseums.

Erster Rattenkampftag in Berlin

Ratten scheinen sich in Berlin in allen Zeiten wohlzufühlen. "Die Rattenplage ist infolge der in den Häusern immer noch betriebenen Kleintierzucht unerträglich und gefährlich geworden, daher heute erster Rattenkampftag in Berlin." Was unter dem 23. November 1921 nachzulesen ist, wird Ende Oktober 2016 vom Bezirksamt Pankow wieder angekündigt: Kampf den Ratten im Bezirk, was zuvor schon in Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg praktiziert wurde. Heute sind es vor allem Abfälle der Überflussgesellschaft, die Ratten in die Stadt locken und sich vermehren lassen. Aber egal warum – das Problem bleibt wie eh und je.

Am 6. April 1922 ist nachzulesen: "Berliner Wohnhäuser gehen in steigendem Maße in die Hand von Ausländern über. Käufer sind besonders Schweden, Dänen, Schweizer und Holländer." Heute sind Berliner Immobilen für ausländische Käufer erneut höchst interessant. Sie kommen vor allem aus England, Italien, Spanien, USA, Russland, wieder Skandinavien und Arabien.

Am 3. Oktober 1922 kommt Lange auf den Hund. "Debatten in der Stadtverordnetenversammlung über Hundesteuer sind immer besonders reizvoll … Um das Für und Wider Hund wird mit einer Ausdauer und Erbitterung gestritten, die wichtigeren Fragen zu wünschen wäre …" Da kommt einem glatt der Bello-Dialog in den Sinn, angestoßen vom gerade abgewählten Justizsenator Thomas Heilmann.

Straßenbahn zentnerschwere Weichendeckel gestohlen

Dass Bronze- und Metalldiebstähle auf den Friedhöfen nicht erst Untaten unserer Zeit sind, ist unter dem Datum 7. Februar 1923 nachzulesen. Und auch das noch: "Der Straßenbahn stiehlt man die zentnerschweren Weichendeckel." Heute sind es Kupferkabel, die der S- Bahn gestohlen werden.

Tempelhofer Feld und Flughafen beschäftigen Berlin seit Generationen. "Es ist beabsichtigt, den größten Teil des Tempelhofer Feldes als Freifläche für die Bevölkerung zu erhalten", schreibt Lange am 24. Mai 1923 ins Tagebuch. Aber ein Jahr später, am 18. September 1924, ist die Forderung nachzulesen, statt der drei Flughäfen Tempelhofer Feld, Junkerwerke und Staaken einen Zentralflughafen auszubauen. Die Kosten von rund 700.000 Reichsmark sollten sich Deutsches Reich und Berlin teilen. All das erinnert fatal an den Streit darüber, ob Berlin heute mit dem einen zentralen Airport BER auskommt oder Tegel eine Option bleibt. Damals wie heute kann Berlin die Kosten allein nicht schultern.

Bürgersteige "in fröhlichem Nacheinander aufgerissen"

Auch der Verkehr am Boden ist einst wie heute ein Dauer-Aufreger. "In der Presse wird seit Jahren mit Recht über die ewige Bürgersteig-Buddelei geklagt. Von den hier beteiligten Verwaltungen wird das Pflaster in fröhlichem Nacheinander aufgerissen, statt sich alljährlich über ein gemeinschaftliches Arbeiten zu verständigen." Die Beobachtung vom 24. November 1926 könnte heute geschrieben sein.

Acht Jahre nach der Gründung "Groß-Berlins" wird unter dem 18. Oktober die zweistufige Berliner Verwaltung als Problem thematisiert, das bis heute nervt: "Die Erkenntnis, dass eine kommunalpolitische Neugestaltung Groß-Berlins dringend erforderlich ist, hatte den Magistrat im vergangenen Sommer veranlasst, die Vorsitzenden der Bezirksämter aufzufordern, selbst Vorschläge zur Vereinfachung zu machen. Wie zu erwarten, ist es dort zu einer Einigung nicht gekommen."

Randbebauung am Alex war schon 1930 unsicher

Allzu sehr grämen sollten sich die Berliner auch darüber nicht, dass von der vom Stararchitekten Hans Kollhoff geplanten und 2000 vom Senat beschlossenen Hochhausbebauung am Alex noch immer nichts zu sehen ist. Auf die Randbebauung mit Wolkenkratzern an diesem zentralen Platz wartet die Stadt seit mehr als 86 Jahren, wie der Tagesbuchnotiz vom 6. Juli 1930 zu entnehmen ist: "Mit dem Bau des nördlichen Torhauses am Alexanderplatz nach den Plänen von Prof. Peter Behrens ist begonnen worden. Bauherr ist ein amerikanisches Konsortium. Wann es zu der geplanten Randbebauung des Platzes mit achtstöckigen Hochhäusern kommen wird, steht dahin."

Schließlich auch noch das, zu finden ziemlich am Ende des Tagebuchs unter dem Datum 16. Oktober 1932: "Die Preußische Badehosenverordnung, eine Fundgrube für Feuilleton und Kabarett, zieht weiterhin ihre Kreise. Jetzt verhandelt das Innenministerium mit der Badeanzug-Industrie über die Verlängerung des Rückenausschnitts bis zur Gürtellinie. Warum auch nicht. Ein erotischer Eindruck verliert stets seinen Reiz in dem Augenblick, wo er massenhaft in Erscheinung tritt." Das weibliche Badekleid ist überraschend erneut Streitthema geworden. Über das Rückendekolleté von einst lächeln wir nur noch milde. Stein des Anstoßes für viele ist heute der Burkini.

Fazit: Fast alles schon einmal dagewesen – aber leider viel zu wenig daraus gelernt.

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