Wiederaufbau

Wie um das Schloss Charlottenburg gestritten wurde

Ein neues Buch beschäftigt sich detailreich mit dem umstrittenen Wiederaufbau des kriegszerstörten Charlottenburger Wahrzeichens.

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Als der Krieg im Mai 1945 vorbei war, lag die Stadt in Trümmern. Auch das Kulturerbe. Schloss Charlottenburg, einer der herausragenden Bauten der Hohenzollern-Dynastie in Brandenburg-Preußen, war durch Luftangriffe stark beschädigt worden. Das Schicksal der Schlossruine war jahrelang ungewiss.

In der Stadt herrschte Hunger und Wohnungsnot. Die politische und gesellschaftliche Situation war durch die viergeteilte Militärverwaltung bestimmt. Als die Sowjets die Zufahrtswege sperrten, mussten die drei Westsektoren während der Berlin-Blockade vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 aus der Luft versorgt werden. Es gab dringlichere Probleme als den Wiederaufbau eines Schlosses, auch das beschreibt Katharina Steudtner in ihrem detailreichen, auf ihrer Doktorarbeit basierenden Buch "Wiederherstellen oder vollends vernichten?" über die Rekonstruktion des Schlosses Charlottenburg, das am Montag ebendort vorgestellt wurde.

Zwar hatte Stadtbaurat Hans Scharoun schon seit Juli 1945 mehrfach beim Berliner Magistrat beantragt, "Sicherung und Unterhalt der Schlösser in den Westsektoren zu finanzieren". Der Magistrat aber betonte den Vorrang des Wohnungsbaus und lehnte den Antrag mit der Begründung ab, dass es nicht seine Aufgabe sei, "Machwerke, die nur Ausdruck Hohenzollernschen Imperialismus" seien, zu erhalten. Das klang fast so, als ob die Monarchie erst 1945 zusammengebrochen wäre und nicht 1918. Denn mit dem Sturz des Kaisers wurden viele Preußen-Schlösser verstaatlicht und als Museen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Stadtschloss war beispielsweise das Berliner Theatermuseum untergebracht.

Sprengung im Osten, Aufbau im Westen

Schlösser sind nicht nur Herrschaftsbauten, sie spiegeln auch die politische Geschichte wider. Durch den 1950 auf dem III. Parteitag der SED gefassten Beschluss, das Berliner Schloss in der Stadtmitte zu sprengen, manifestierte sich bezüglich des Charlottenburger Ensembles der "unbedingte Wiederaufbauwille", wie Landeskonservator Jörg Haspel bei der Buchpräsentation sagte. Man wollte im Westen "das gute Beispiel geben". Und so wurden zwischen 1952 und 1960 Mauerwerk, Dächer und Fassaden der meisten Gebäudeteile des Schlosses wieder hergestellt.

Bei der Rekonstruktion stark zerstörter Gebäude, die wie das Charlottenburger Schloss von 1695 an über viele Jahrzehnte errichtet und zwischendurch auch mal umgestaltet wurden, stellt sich die Frage, für welche Zeit man sich entscheidet. Die Beantwortung hängt mitunter auch davon ab, welche Planungsunterlagen überhaupt noch vorhanden sind.

Streit um die Kuppel

Während sich die Schlösser- und die Bauverwaltung "in der Frage der Rekonstruktion der Gebäudehülle in einem der Entstehungszeit angenäherten Erscheinungsbild" weitgehend einig waren, entzündete sich an der Gestaltung der Kuppel als weithin sichtbarem Symbol eine Debatte. Berliner Architekten kritisierten in der Zeitschrift "Bauwelt" die Idee, durch eine "künstliche Patinierung des Kupferdaches Alter vorzutäuschen".

Es ist ja eine Grundsatzfrage, wie man mit kriegszerstörten Bauwerken umgeht. Beim Neuen Museum hat sich Architekt David Chipperfield in diesem Jahrhundert dafür entschieden, das Originalmaterial zu erhalten und Einschusslöcher oder die durch Wind und Wetter entstandenen Schäden sichtbar zu lassen. Verloren gegangene Teile ersetzte er durch moderne Elemente. Beim Charlottenburger Schloss entschied man sich 50 Jahre vorher dafür, im Treppenhaus zwar den Wolkenhimmel zu rekonstruieren, aber auf die ursprünglich vorhandenen Götter zu verzichten, wie die Buchautorin sagte. Ein leerer Himmel als Sinnbild für die Lücken, die ein Krieg riss.

Katharina Steudtner: "Wiederherstellen oder vollends vernichten? Theoriebildung und denkmalpflegerische Praxis beim Wiederaufbau von Schloss Charlottenburg", Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016, 512 S., 69 Euro

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