Berlin

Was von der Weddinger Himmelfahrtskirche übrig blieb

Berliner Geheimnisse: Der Turm des Gotteshauses wurde in den letzten Kriegstagen im Mai 1945 gesprengt, der Rest vier Jahre später.

Foto: Eva Maria Bast

Es ist ein spannendes Stück Geschichte, das sich an dem 2015 freigelegten archäologischen Fenster an der Brunnenstraße gegenüber der U-Bahnstation erzählen lässt: Die Geschichte der ersten, von August Orth in den Jahren 1890 bis 1893 erbauten Himmelfahrtskirche.

Von ihrem endgültigen Ende künden winzig kleine Überbleibsel, die man kaum wahrnimmt: In den Steinen des archäologischen Fensters befinden sich mehrere Löcher, die etwa so groß sind wie ein Zweieurostück. Und eine schmale Rille. "Hier kann man erkennen, dass die Kirche gesprengt wurde", sagt Dietmar Arnold, der 1997 den Verein "Berliner Unterwelten" gegründet hat und sich seither mit allem befasst, was sich in der Hauptstadt unterhalb der Oberfläche befindet.

Wie eben auch die Mauern der Himmelfahrtskirche, von der nun Teile ausgegraben wurden. "Die Löcher und Rillen sind die Bohrlöcher, die von der Sprengung übrig geblieben sind", erklärt er. "Durch sie wurden die Sprengsätze in die Mauern geschoben."

Die letzten Kämpfe in Berlin

Als die Kirche 1949 gesprengt wurde, war sie schon sehr verfallen. An ihrem Untergang waren nicht die gegnerischen Truppen des Zweiten Weltkriegs schuld – oder zumindest nur äußerst indirekt –, sondern die Berliner selbst haben den neoromanischen Bau aus gelbem Backstein und Terrakotta beseitigt. Was war geschehen?

"Als die Rote Armee ab dem 16. April 1945 ihre Großoffensive auf Berlin startete, wurde vom nahegelegenen Flakturm gegen die anrückenden Truppen gefeuert", erzählt Dietmar Arnold. "Und der Flakturmkommandant muss ein 150-Prozentiger gewesen sein. Er ließ den Kirchturm heruntersprengen, um ein freies Schussfeld auf die sowjetischen Einheiten zu haben."

Die feindlichen Truppen erreichten den Weddinger Humboldthain, wo die Kirche stand, am 23. April. "Hier waren noch große deutsche Truppenkontingente stationiert, sodass die Sowjets nicht über den S-Bahn-Graben kamen. Die Kämpfe endeten erst am 2. Mai um 11 Uhr mit der Kapitulation Berlins in der Innenstadt, aber am Humboldthain, der letzten Verteidigungsinsel, endeten die Kämpfe erst gegen 14.30 Uhr."

Die Gottesdienste fanden in einer Gaststätte statt

Das Resultat: auch die Kirche, deren Kirchturm der Flakturmkommandant hatte sprengen lassen, war schwer zerstört. Über diese schreibt der Berliner Fritz Koch in seinen Erinnerungen, das Bauwerk sei "mit seinen ockerfarbigen Mauersteinen fast heiter im grünen Humboldthain geborgen" gewesen. Die Mutter, berichtet er, "führte uns Kinder so manchen Sonntag zum Gottesdienst in diese Kirche. Wir bestaunten die vielen Säulen ... Und hoch oben war ein großes blaues Deckengewölbe mit vielen goldenen Sternen. Feierlicher Gesang und die brausende Orgel erfüllten das prächtige Kirchenschiff. Diese schöne Erinnerung ist uns geblieben."

Und nun, 65 Jahre später, ist zumindest ein Teil des Fundaments wieder sichtbar. "Das, was hier freigelegt wurde, ist nur der Nordostteil des Kirchturms", macht Dietmar Arnold deutlich. Warum ein Wiederaufbau damals nicht versucht wurde? "Der Kirchturm war gesprengt, das Dach fehlte vollständig und auch Teile der Mauern waren zerstört worden. Der Schaden war riesig", erklärt er. "Zumal man im so stark zerstörten Berlin anderes zu tun hatte, als Kirchen wiederaufzubauen." Die Gottesdienste der Kirchengemeinde fanden nun in einer Gaststätte statt. Dann gründete sich ein Kirchenbauverein, der sich für die Finanzierung einer neuen Kirche stark machte. Die wurde 1956 geweiht und steht an der Gustav-Meyer-Allee.

Archäologische Fenster freigelegt

Und dann wuchs buchstäblich Gras über die Sprengung; die Fundamente, die noch geblieben waren, verschwanden unter der Erde. Doch nicht jeder hat sie vergessen. "Da muss doch noch was sein, haben wir uns gedacht und 2014 geophysikalische Untersuchungen machen lassen", erzählt Arnold. "Im Dezember 2014 haben wir eine Stichgrabung gemacht und dann das archäologische Fenster freigelegt."

Das meiste bleibt aber unter der Erde verborgen. Und auf dem einstigen Kirchenschiff wachsen jetzt Blumen. Was ja nicht eines gewissen Charmes entbehrt.

So geht's zu den Löchern im Fundament: Das archäologische Fenster der alten Himmelfahrtskirche befindet sich gegenüber der Geschäftsstelle des Vereins "Berliner Unterwelten". Diese liegt an der Brunnenstraße 105 am U-Bahnhof Gesundbrunnen.

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