Berliner Geheimnisse

10. Geheimnis: Das rote Eckhaus an der Rosenthaler Straße 47

In der Morgenpost-Serie geht es um unbekannte Details in der Stadt. Heute: Ein architektonisches Überbleibsel in Mitte.

Agnes Nöll vor dem Haus Rosenthaler Straße 47

Agnes Nöll vor dem Haus Rosenthaler Straße 47

Foto: BM

Dieses Gebäude ist zunächst mal sehr rot. Das ganze Haus ist in dieser Farbe verputzt und gestrichen. Das ganze? Nein. Wenn man genau hinsieht, nicht.

Hoch oben befinden sich zwei schmale Streifen, aus denen blütenweißer Stuck hervorblitzt. Wie kommen weiße Stuckstreifen an ein glatt verputztes, rot gestrichenes Gebäude? Agnes Nöll, die gerne mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist, hat die Stuckstreifen entdeckt und die Geschichte recherchiert. „Früher war das 1887 gebaute Gründerzeithaus über und über mit Stuck verziert“, erzählt sie.

„Ab den 20er-Jahren sind dann viele Gründerzeithäuser ,entstuckt’ worden, womit man ihnen eigentlich die Merkmale ihrer Erbauungszeit genommen hat. Und wir stehen heute davor und fragen uns, aus welcher Zeit sie sind.“ Dieses Schicksal habe auch das Haus in der Rosenthaler Straße 47 ereilt. Aber nur teilweise.

Soldatenkönig wollte Berlin vergrößern

Die Geschichte des Hauses beginnt schon, bevor es überhaupt stand, im Jahr 1732 und an einem ganz anderen Ort, in der Kochstraße 22. Da bekam Dr. August Buddeus (1696-1753) vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. ein Grundstück geschenkt, auf dem er ein Haus bauen sollte. Der einfache Hintergrund war, dass der Soldatenkönig Interesse daran hatte, die Friedrichstadt auszubauen und Berlin so zu vergrößern.

Dr. August Buddeus, Hofrat und königlicher Leibarzt, baute also sein Haus und beantragte anschließend beim König, darin eine Apotheke einrichten zu dürfen. Der Soldatenkönig erteilte ihm die Genehmigung auf „Anlegung einer Medicin-Apotheke mit dem Materialhandel in seinem Hause auf der Friedrichstadt allhier“.

„Dass er das Privileg erhielt, ist insofern bemerkenswert, als er der Hofarzt Friedrich Wilhelms war. Und auch damals schon galten Recht und Ordnung. Danach durfte ein Arzt eigentlich keine Apotheke betreiben, weil er sich ja dadurch sein eigenes Business schafft“, sagt Agnes Nöll. Deshalb war so etwas in der preußischen Medizinalordnung verboten – die der Soldatenkönig selbst erlassen hatte. „Buddeus muss wirklich außerordentliche Wertschätzung genossen haben!“, schlussfolgert die Berlinerin. Das Privileg sei an die Person und nicht an den Ort gebunden gewesen. Als Buddeus 1753 starb, bat seine Witwe den König – das war dann schon Friedrich II. – er möge ihr das Privileg nicht entziehen, sodass sie es verkaufen könne. Er kam der Bitte nach.

Vor dem Spandauer Tor entstand eine neues Stadtviertel

„Sie hat das Privileg dann für 300 Taler an August Friedemann Thierfelder verkauft. Und der war ein ganz Geschäftstüchtiger“, stellt Agnes Nöll fest. „Vor dem Spandauer Tor entstand nämlich gerade eine Art Neubaugebiet, ein ganz neues Stadtviertel, und da gab es noch keine Apotheke.“ Deshalb habe er den König ersucht, seinen Betrieb dorthin verlegen zu dürfen, und dem wurde stattgegeben. Thierfelder nannte sein neues Geschäft „Rothe Apotheke“. Das war 1758 und „seither ist hier ununterbrochen eine Apotheke, auch wenn die Besitzer häufig gewechselt haben“, erzählt die Stadtführerin.

1863 übernahm Carl Arnold Marggraff und stellte sich der schwierigen Situation, in die die Apotheken zum Ende des 19. Jahrhunderts kamen: Bis in die 1860er-Jahre hatten sie das Herstellungsmonopol für Chemikalien, dieses fiel nun. „Die Drogerien kamen auf und das war natürlich eine große Konkurrenz“, berichtet Nöll. Carl Arnold Marggraff erkannte, dass er sich der neuen Lage stellen musste: „Er ließ das alte Haus abreißen und ein neues größeres, stuckverziertes errichten.“

Einige Jahrzehnte lang habe die Stuckfassade das Stadtbild geprägt, sagt Agnes Nöll. „Dann kamen die 20er-Jahre. Inzwischen war Dr. Wilhelm Wartenberg Besitzer der Apotheke, der Zeitgeschmack hatte sich wieder geändert, und er wollte eine moderneres Äußeres.“

Es folgt eine wechselvolle Besitzergeschichte

Er habe die Fassade für nicht zeitgemäß gehalten und ihr das gleiche Schicksal zuteilwerden lassen, das auch zahlreichen anderen Häusern in den 20er- und später wieder in den 60er-Jahren in beiden Hälften der Stadt widerfuhr. „Aber zum Glück hat er den Stuck nicht ganz abgeschlagen, sondern einfach nur verkleidet.“ Wilhelm Wartenberg war Jude, man zwang ihn im Dritten Reich, die Apotheke zu verkaufen. Es folgte eine wechselvolle Besitzergeschichte. Nach der Teilung Deutschlands und Berlins stand das Haus im Osten, „aber es war ununterbrochen immer eine Apotheke drin“, berichtet die Stadtführerin.

Wartenbergs Enkelin, Carla Wartenberg, hat den Krieg überlebt, wohnt heute in London. Das Haus wurde ihr rückübertragen. Sie ließ es sanieren, wollte im Andenken an ihren Großvater den Stil der 20er-Jahre erhalten, aber trotzdem die Geschichte das Hauses miteinbeziehen. „Deshalb ließ sie das Stuckstück freilegen, um zu zeigen, wie das Haus ursprünglich einmal ausgesehen hat“, erklärt Agnes Nöll.

Und darum lässt sich an den Stuckstreifen – gerade in Verbindung mit der rot verputzten Fassade – ein großes Stück Berliner Apothekengeschichte erzählen. Übrigens: Die „Rothe Apotheke“ war auch die erste, die einen Telefonanschluss bekam.

Zum Geheimnis: Der weiße Stuck befindet sich ganz oben am Gebäude an Rosenthaler Straße 47 zur Ecke Neue Schönhauser Straße.

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