Stadtplanung

Was hätte alles aus Berlin werden können

Ein urbaner Schatz: Die Berlinische Galerie zeigt Architekturentwürfe für Berlin, die nie realisiert wurden.

So hätte das Kranzler Eck nach den Vorstellung von Rem Koolhaas

So hätte das Kranzler Eck nach den Vorstellung von Rem Koolhaas

Foto: © Jansch

Ein Badeschiff an der Arena, warum kein Pool am Kudamm? Rem Koolhaas’ Entwurf für das Kranzler Eck war äußerst einfallsreich. Zwischen zwei schwarzen, schlanken Bürotürmen platzierte der holländische Architekt eine Open-Air-Oase: einen frei zugänglichen Pool mit begrüntem „running track“, für alle, die mal kurz zum Joggen wollen. Mit Blick in den Himmel und über die Dächer Berlins. Koolhaas’ Traum davon, „das Ganze wiederherzustellen, das Kollektive neu zu erfinden“. Er mag spielerische Gegensätze, Büros und Geschäfte bauen und sie gleichzeitig in öffentlichen, sozialen Raum zu verwandeln. Gewonnen hat Koolhaas den Wettbewerb nicht - geblieben ist sein Architekturmodell aus den 90er-Jahren.

Der Berliner Architekt Arno Brandlhuber ist gerade dabei, den urbanen Schatz Berlins in der Berlinischen Galerie zu heben. Dass er da auf Koolhaas stieß, war eine Überraschung. Ebenso verblüfft hat ihn der Entwurf von Simon Ungers für das Berliner Holocaust-Mahnmal, 1995 erhielt der Sohn des Architekten Oswald Mathias Ungers einen von zwei ersten Preisen. Keiner der beiden Entwürfe wurde je realisiert - stattdessen ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben. „Von ihm gibt es kaum Modelle, er hat wenig umgesetzt“, weiß Brandlhuber. Ungers jr. brachte sich 2006 um, da war er 47 Jahre.

Zu utopisch waren, zu kostspielig, nicht praktikabel

Die wenigsten wissen, dass das Kreuzberger Museum seit 1990 alle Entwürfe und Modelle von Architekturwettbewerben in Berlin sammelt, die nicht realisiert, also aussortiert wurden. Weil sie zu utopisch waren, zu kostspielig, nicht praktikabel oder schlicht unvereinbar mit den Ideen der Auslober und Investoren. Dabei geht es um Stadtplanung, Fehlentscheidungen, Macht und Politik.

So entstand die Idee zur Ausstellung „The Dialogic City. Berlin wird Berlin“. Eine von vier Ausstellungen zum übergreifenden Thema „Stadt/Bild“, dabei sind neben der Berlinischen Galerie, die Kunsthalle der Deutschen Bank, die Kunstwerke und die Neue Nationalgalerie. Während die anderen Institutionen sich mit der bildenden Kunst beschäftigen, setzt Direktor Thomas Köhler auf Architektur.

Er ist Herr von 3500 verklebten und beschrifteten Papp- und Holzkartons. Aus Platzgründen sind diese im Ullsteinhaus deponiert. Alles, was an Modellen, Entwürfen und Dokumenten dazugehört, wird nun ordentlich archiviert und digitalisiert – mit dem Ziel, ein anderes, ungebautes Berlin zu imaginieren. Das Ergebnis soll später auf der Datenbank der Berlinischen Galerie für jeden einsehbar sein. In diesen Materialien ist Stadtgeschichte eingeschrieben: Sie entsteht in Bildern, in jedem Kopf eine andere. Wer will, nimmt einen der silberfarbenen Reader zu Hand, der sich wie eine eingerissene Mauer an der Wand der Halle hochzieht: Darin befindet sich jede Menge geistiges Futter zur Planungs-und Stadtgeschichte Berlins.

„Wer entscheidet eigentlich, wie eine Stadt aussieht?“

Naheliegend, dass Thomas Köhler auf Arno Brandlhuber kam, der das Projekt zusammen mit Mayfried Hertweck konzipiert hat. Der 51-Jährige zählt aktuell zu den wichtigsten Architekten, die in der Baukunst eine neue Position formulieren. Zu eng, zu kompliziert? Gibt es für ihn nicht. Sein Büro- und Galerienhaus in der Brunnenstraße ist ein radikales Beispiel dafür, wie sich selbst in engsten Häuserlücken ein funktionales Gebäude aus Beton einfügen lässt. Nur wenige Schritte von der Berlinischen Galerie entfernt hat Brandlhuber die Kirche St. Agnes in eine mächtige Galerie transformiert. Einen alten Turm baut er derzeit um, ein „St. Gimignano von Lichtenberg“ soll dort im Industriegebiet entstehen – mit Künstlerateliers und einem Ziegenhof.

„Berlin hat sich maßgeblich verändert“, findet Brandlhuber. Seit Mauerfall, Wiedervereinigung und Hauptstadtplanung ist in letzten 20 Jahren einiges an Wettbewerben zusammengekommen. „Wer entscheidet eigentlich, wie eine Stadt aussieht?“, fragt der Berliner. Soziales Wohnen und wie Architektur dazu beitragen kann – das sind Fragen, die ihn umtreiben.

Für ein Museum wirkt das Arrangement reichlich kurios

Vorne am Tisch in der großen Halle sitzt ein Archivar, der die einzelnen Modelle aus den Kisten packt und die Entwürfe im Computer auflistet. 500 von 3500 nimmt er sich für die laufende Ausstellung vor. Für ein Museum wirkt das Arrangement reichlich kurios. An diesem Vormittag ist er nicht am Platz, immerhin kündet seine Thermoskanne von seiner Präsenz. „Sporthalle Grüntaler Str.“ und „007“ steht auf einem Karton auf dem Tisch. Handgroß ist das Modell, eine Multifunktionshalle mit Oberlichtern, nichts auffallendes, viele grüne Pappbäumchen beleben es. Daneben liegt eine Farbkarte. Orange oder türkis? Interessante Vorstellung für eine Sporthalle.

An der Wand der großen Halle stehen massive Stahlregale, endlos lang, wie man sie eben aus Archiven kennt. 500 Ordner sind dort eingereiht. Nur ein Bruchteil dessen, was noch im Ullsteinhaus untergebracht ist. Nummern kennzeichnen die Mappen mit den Namen „Krematorium Baumschulenweg“, „Breitscheidplatz“ und „Jugendstrafanstalt Plötzensee“.

„Was haben die sich bloß einfallen lassen?“ fragt ein Mann und schaut sich die Akte „Oranienburger Tor“ an. Das ist eigentlich verboten. Hunderte Besucherhände und am Ende gäbe es nur Aktensalat. Das ist natürlich ein wenig absurd, zugerne würde man sich seinen Kiez per Akte rekonstruieren. Immerhin füllt „Kreuzberg“ mindestens neun Ordner. Der Mehringplatz ist auch dabei.

Doch schon greift der Herr den Hefter „Skulpturen am Flughafen Tempelhof“, blättert darin. Lauter schwarze Zeichnungen, schwer, darin eine Übersicht zu bekommen. „Die Terrasse gibt es gar nicht“, sagt er zu seiner Frau. Die Skulpturen hat er auch nie gesehen. „Wie viele Ordner wird wohl mal der BER haben?“, flachst sie.

Am Ende dieser Architektur-Installation steht für Thomas Köhler und Arno Brandlhuber ein ganz praktischer Gewinn: Die unsichtbare „Stadt“ wird wohl dokumentiert sein – ein Ausgangspunkt für neue Metropolen-Recherchen. Mutig aber ist dieses prozesshafte Projekt allemal – ein wenig Neugier muss jeder nämlich mitbringen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Mi-Mo 10-18 Uhr. Bis 21. März. Gespräch: Arno Brandlhuber und Andreas Geisel, Senator für Stadtentwicklung, 22.9., 19 Uhr.