Berliner Luft

Wie die Flugpioniere vom Tempelhofer Feld starteten

Weltrekorde, Abstürze und Frauen in einer Männerdomäne – der ehemalige Flughafen Tempelhof erzählt viele Geschichten der Luftfahrt.

Blick vom Zeppelin auf das Tempelhofer Feld (im Vordergrund die Motorgondel mit zwei Rundfunkreportern bei einer direkten Radioübertragung) im Jahr 1933

Blick vom Zeppelin auf das Tempelhofer Feld (im Vordergrund die Motorgondel mit zwei Rundfunkreportern bei einer direkten Radioübertragung) im Jahr 1933

Foto: Ullstein Bild

Sie fliegen immer noch. Hoch in die Luft geht es über dem Tempelhofer Feld. An manchen Tagen ist so viel Flugverkehr, dass es zu kleineren Kollisionen kommt. Meist sind es keine schwerwiegenden Unfälle, meist bedarf es nur einer Entwirrung von Schnüren. Die Flugkörper, die heute über dem ehemaligen Flughafen kreisen, sind lautlos, dafür leuchten sie bunt. Besonders schön ist das beim Drachenfest im September zu erleben.

Bereits im 19. Jahrhundert ließen die Menschen Drachen auf dieser 300 Hektar großen Freifläche in die Luft steigen. Auch damals war das ehemalige Ackerland, das zu einem Teil als Parade- und Manöverplatz von Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. genutzt wurde, ein beliebtes Ausflugsziel inmitten der wachsenden Großstadt. Doch dann begann Ende des 19. Jahrhunderts die Zeit der großen Flugpioniere. Berlin war ein Zentrum dieser Bewegung. Wurde doch in Tempelhof mit dem deutschen Verein zur Förderung der Luftschifffahrt 1881 die erste luftfahrttechnische Organisation Deutschlands gegründet.

Der Traum vom Fliegen ist alt. In der griechischen Mythologie sind es Dädalus und sein Sohn Ikarus, die mit Flügeln aus Federn und Wachs durch die Lüfte schweben. Das ging bekanntlich nicht lange gut, weil sich Ikarus zu sehr der Sonne näherte, die das Wachs am Flügel zum Schmelzen und ihn zum Absturz brachte. In den Jahrhunderten danach gab es immer wieder Versuche, die ähnlich erfolglos waren.

"Grober Unfug" über der Stadt

Dennoch, die Begeisterung fürs Fliegen brach nicht ab und erfasste auch Menschen, die beruflich gar nichts mit der Fliegerei zu tun hatten. Zum Beispiel den Schweizer Maler Arnold Böcklin. Er hatte ein motorloses Flugzeug gebaut, das er 1883 auf dem Tempelhofer Feld erstmals vorführen wollte. Doch der Flugversuch scheiterte und er widmete sich wieder seiner Staffelei.

Nach Böcklin gab es viele waghalsige Flugversuche in Tempelhof, die aber meist mit einem kaputten Apparat endeten und am 12. Juni 1897 sogar zum ersten tödlichen Unfall führten, als das Luftschiff "Deutschland" in 1000 Metern Höhe explodierte. Mit ihm stürzte auch sein Erbauer, der Leipziger Verleger Friedrich Hermann Wölfert, ab. Im selben Jahr musste das erste Metallluftschiff bei seinem Jungfernflug in Tempelhof notlanden – und zerschellte am Boden.

Doch es gab auch Erfolgsmeldungen. Nachdem ab 1885 die Heeres-Luftschiffer am Rande des Tempelhofer Feldes einen Übungsplatz erhielten, kamen Erfinder gern hierher, um dem Militär ihre Flugkörper vorzuführen. Richtig spektakulär wurde es 1909, als zunächst im August das Luftschiff von Ferdinand Graf von Zeppelin über dem Tempelhofer Feld kreuzte, dann Orville Wright seine Flugrekordversuche hier begann und schließlich der Franzose Hubert Latham während der "Großen Berliner Flugwoche" mit einem Eindecker zum ersten Überlandflug startete. Der Berliner Polizei soll diese Pionierleistung allerdings nicht gefallen haben. Sie soll von Latham wegen "groben Unfugs" eine Strafe von 150 Mark kassiert haben.

Große Zeit beginnt nach dem Ersten Weltkrieg

Richtig los ging es aber erst nach dem Ersten Weltkrieg. Dann wurden auch die Luftschiffe zunehmend von Motorflugzeugen ersetzt. Und in dieser Zeit traten auch immer mehr Frauen als Flugpionierinnen hervor. Noch 1910 titelte die "Berliner Zeitung": "Das Fliegen erfordert die psychischen Kräfte eines Mannes". Doch viele Frauen widerlegten diese chauvinistische Behauptung. Schon 1911 machte Melli Beese in Johannisthal als erste Deutsche den Pilotenschein. Ein hürdenreiches Unterfangen, schon allein deshalb, weil kaum ein Lehrer sie als Frau unterrichten wollte.

Der erste war der Ansicht, dass "Frauen im Flugzeug Unglück bringen", der zweite Lehrer tat Sabotage-Akte männlicher Mit-Flugschüler von Beese ab als ein "Streich von Männern, einer Frau gespielt, die unerlaubt in ein Männern vorbehaltenes Revier eingedrungen ist". Abgelegt hat Beese ihre Prüfung dann aber trotzdem – und danach sogar eine eigene Flugschule gegründet. Beese wurde zum Vorbild. Und auch Käthe Paulus. In einem richtigen Flugzeug hat die nie gesessen, sie war Luftschifferin, Fallschirmspringerin und Luftakrobatin. Die Luft war vor allem vor und während des Ersten Weltkrieges ihr Zuhause. Und wie viele andere Flugpionierinnen lebte sie in Berlin.

Für Flugbegeisterte war die Stadt ohnehin genau der richtige Ort, besonders nachdem in Tempelhof im Jahr 1923 der erste deutsche Flughafen eröffnete. Frauen durften allerdings zunächst keine Passagierflugzeuge lenken, das war nach damaligem deutschen Gesetz eben nur den Männern vorbehalten. Pionierin Liesel Bach etwa musste sich deshalb mit Sport- und Kunstfliegerei begnügen – hängte da allerdings die männliche Konkurrenz oft genug ab.

Marga von Etzdorf, die mit ihrer gelb lackierten Junker-Maschine "Kiek in die Welt" für Aufsehen sorgte, wurde bei Lufthansa zumindest als Copilotin eingestellt. Mit der "Kiek in die Welt" gelang ihr dann 1931 der erste Alleinflug als Frau von Europa nach Japan. Der Hinflug dauerte nur zwölf Tage, zurück brauchte sie fast ein Jahr: Erst im Sommer 1932 landete sie nach einer Bruchlandung mit Totalschaden ihres Flugzeuges und einem wochenlangen Krankenhausaufenthalt wieder in Tempelhof.

Elly Beinhorn im Alleinflug um die Welt

Ebenfalls 1931 machte sich auch Elly Beinhorn bereit für ihren Alleinflug um die Welt. Auf vielen Flughäfen, auf denen sie landete, war sie die erste weibliche Pilotin überhaupt. In der ganzen Welt war sie bekannt als das "hübsche Mädchen in der fliegenden Kiste". Und im Gegensatz zu ihrer Kollegin Etzdorf kehrte sie 1932 auch mit ihrer eigenen, unbeschädigten Maschine nach Berlin zurück. Anfang der 40er-Jahre hörte sie allerdings auf zu fliegen, sie wollte sich politisch nicht vereinnahmen lassen und auch nicht wie ihre Kolleginnen Hanna Reitsch, Beate Uhse und Melitta von Stauffenberg für die Luftwaffe fliegen.

Hanna Reitsch galt als Lieblingspilotin von Hitler, der sich überhaupt gern mit den Flugpionierinnen schmückte – auch wenn die eigentlich so gar nicht zu dem Bild von der Frau als Mutter passten, das in der Nazi-Zeit propagiert wurde. Mit 20 Jahren machte Hanna Reitsch ihren Flugschein, mit 25 führte sie über Tempelhof als erste Frau in einem Hubschrauber einen Rekordflug vor. Im Zweiten Weltkrieg testete die nur 1,55 Meter große Frau neue Maschinen für die Luftwaffe, auch die bemannte V1-Rakete, und noch kurz vor der Kapitulation 1945 flog sie in einem Himmelfahrtskommando in das brennende Berlin.

Wer heute seinen Drachen über dem Tempelhofer Feld in die Luft steigen lässt, denkt vielleicht auch an diese vielen Geschichten, die der ehemalige Flughafen zu erzählen hat. Auch die, als während der Zeit der Luftbrücke über Tempelhof das Überleben von West-Berlin gesichert wurde, oder als 1983 der 100-millionste Fluggast begrüßt wurde.

Und präsent ist natürlich auch immer der 30. Oktober 2008, als von Tempelhof aus die letzten beiden Maschinen abhoben und das Tempelhofer Feld als Flughafen Geschichte wurde.

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