„Abgerissen“

Diese Berliner Gebäude sind für immer verschwunden

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Annette Kuhn

Früher kannte sie jeder, dann wurden sie abgerissen: Das Buch des Kunsthistorikers Arnt Cobbers erinnert an markante Gebäude, die einst das Stadtbild prägten - und die heute nicht mehr existieren.

Manchmal ist es Glück, dass ein Gebäude über Jahrzehnte oder Jahrhunderte bleibt, wo und wie es ist. Dass es als architektonisch wertvoll angesehen wird. Dass es politischen Ambitionen oder wechselnden Moden standhält. Manchmal haben Gebäude aber auch Pech, etwa während des Zweiten Weltkriegs, wenn sie von Bomben getroffen wurden.

Viele hatten das aber auch danach – sie wurden abgerissen, obwohl die Bausubstanz gut genug für einen Wiederaufbau gewesen wäre. Und mancher Nachkriegsbau steht ebenfalls nicht mehr, weil er nicht mehr gewollt war.

Der Kunsthistoriker Arnt Cobbers hat in seinem Buch „Abgerissen“ zu 51 markanten Bauten recherchiert, die einst das Berliner Stadtbild prägten, aber heute verschwunden sind. Er beschreibt dabei vor allem drei Wellen, in denen die Abrissbirne über der Stadt kreiste: beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 60er- und 70er-Jahren, als Wohnraum gebraucht wurde und Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schossen. Und nach der Wiedervereinigung, als sich das vereinte Berlin im Osten der Stadt von vielen baulichen Altlasten der DDR-Zeit befreien wollte und im Westen ebenfalls Nachkriegsbauten dem Bau-Boom zum Opfer fielen.

Cobbers richtet seinen Blick dabei nicht nur auf große, bekannte Bauten, sondern erzählt auch die Geschichte von Gebäuden, die vielleicht nie im Fokus standen, mit denen für viele Berliner aber doch Erinnerungen verbunden sind. Zum Beispiel das Schloss Brüningslinden in Kladow, das bis 1972 ein beliebtes Ausflugslokal war. Als der Besitzer in Schwierigkeiten geriet, wurde das Schloss abgerissen. Stattdessen steht nun dort eine Reihenhaussiedlung.

Das Ende des Sportpalastes

Und da war der Sportpalast an der Potsdamer Straße, der 1910 als „größter Eispalast der Welt“ mit Beethovens 9. Sinfonie eröffnet wurde. In ihm wurden neben Eislauf auch Sechstagerennen und Boxveranstaltungen gezeigt. Dort rief Joseph Goebbels 1943 zum „totalen Krieg“ auf. Nach dem Krieg fanden hier legendäre Konzerte statt. Vor allem das von Bill Haley ist in Erinnerung geblieben, das zu einer Randale ausartete, bei der ein Sachschaden von 30.000 D-Mark entstand. 1973 starb der letzte Geschäftsführer des Sportpalastes bei einem Autounfall. Es bedeutete auch das Aus für das Haus. Heute steht hier der „Sozialpalast“. Nur noch eine Gedenktafel erinnert an das Vorgänger-Gebäude.

Manch einer wird allerdings froh gewesen sein, als der zum Schluss heruntergekommene Sportpalast abgerissen wurde. Und sicher ist es nicht immer ein Verlust, wenn ein Gebäude aus dem Stadtbild verschwindet. Das Kudamm-Eck an der Ecke Joachimsthaler Straße hatte zum Beispiel Zeit seines 27-jährigen Lebens nie eine große Anhängerschaft. Viele Berliner waren auch froh, als 2009 das Schimmelpfenghaus dem „Zoofenster“ weichen musste. Doch hier waren die Meinungen schon viel gespaltener. Immerhin stand der Gebäuderiegel über der Kantstraße ja auch unter Denkmalschutz. Doch das ist nicht der einzige Fall, in dem der Denkmalschutz aufgehoben wurde und ein Haus verschwand.

Ein solches Schicksal ereilte auch das „Ahornblatt“. 1971 war es als Selbstbedienungsgaststätte an der Gertraudenstraße in Mitte errichtet worden und erhielt wegen seines blattähnlichen Daches seinen Namen. Als sich nach der Wende jahrelang kein neuer Betreiber für die Gastronomie fand, wurde das Haus an einen Investor verkauft. Der bekam die Zusicherung, hochgeschossig bauen zu dürfen. Im Umkehrschluss hieß das: Das bestehende, flache Gebäude durfte abgerissen werden, der Denkmalschutz wurde kurzerhand aufgehoben – trotz Protesten und einer Unterschriftenaktion der Berliner Architektenkammer. Heute, so beschreibt es Cobbers, steht anstelle des Ahornblatts „berlin-typische Naturstein-Dutzendware“.

Politischen Motiven unterworfen

Wie sehr Architektur nicht nur den Geschmack der Zeit spiegelt, sondern auch politischen Motiven unterworfen ist, zeigt die Geschichte der Bauakademie in Mitte, mit der gleich zwei Abrisse verknüpft sind. Der Schinkelbau war in den 1830er-Jahren errichtet worden. In seiner schlichten, fast schmucklosen Gestaltung wirkte das Gebäude auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts modern und zukunftsweisend. In den letzten Kriegstagen brannte die Akademie bei einem Bombenangriff aus, doch die Bausubstanz war nicht gefährdet, und die DDR-Führung setzte den Schinkelbau daher auf die Liste der wiederherzustellenden Bauten. 1951 wurde er auch zum Sitz der neugegründeten Deutschen Bauakademie bestimmt. 90 Prozent des Rohbaus waren bereits abgeschlossen, als es 1956 auf einmal nicht mehr weiterging auf der Baustelle. Es gab neue Pläne für den Werderschen Markt.

1958 wurde ein „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Stadtzentrums“ ausgerufen, bei dem offenbar auch frei mit der Bauakademie verfahren werden durfte. Die Ausschreibung war eine Antwort auf den „Hauptstadt-Wettbewerb“, der zuvor im Westteil der Stadt initiiert worden war und der auch die historische Mitte Berlins umfasste – obwohl die ja im Ostteil der Stadt lag. Nicht wirklich überraschend war es vor diesem Hintergrund, dass beim Siegerentwurf des Ost-Wettbewerbs die Bauakademie dem neuen DDR-Außenministerium weichen musste. 1961 wurde der historische Bau daher abgetragen.

Am „falschen“ Ort stand zu DDR-Zeiten auch die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße. Sie hatte den Krieg unversehrt überstanden und musste trotzdem 40 Jahre später weichen. Die Kirche störte, weil sie genau auf dem Todesstreifen stand und die Sicht versperrte. Ein christliches Bauwerk an dieser Stelle musste sowieso wie eine Provokation im atheistischen Staat gewirkt haben. 1985 wurde sie gesprengt. Im Jahr 2000 wurde eine kleine, schlichte Kapelle an dieser Stelle errichtet.

Arnt Cobbers: „Abgerissen“, Jaron Verlag, 12,95 Euro