8. Mai 1945

Kindheit in Ruinen - So erlebte ein Berliner Junge das Kriegsende

| Lesedauer: 14 Minuten
Aufgezeichnet von Uta Keseling

Foto: Manfred Rettig

In Wannsee hat der frühere Berliner Polizist Manfred Rettig seine Kindheit verbracht. Bei Kriegsende war er zehn Jahre alt. Der Berliner Morgenpost erzählt er seine Erinnerungen.

Der Krieg ist auf einmal wieder da. Wie eine Bildstörung blitzt die Erinnerung an Bomben, Soldaten und Tod durch das Alltagsbild aus zischenden Autos auf der regennassen Chausseestraße in Wannsee. Wir schauen auf ein Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, weißer Putz, roter Klinker, es ist frisch saniert. Im ersten Stock hat Manfred Rettig seine Kindheit verbracht.

Er deutet auf die Fenster links oben. Von dort rief ihn die Mutter nach Hause, wenn die Sirenen wieder heulten. Manfred Rettig ist 79 Jahre alt. Er war neun, als der Krieg endete. Er sagt über sich selbst: er habe eine gute Kindheit gehabt. Geboren im Juli 1935, vier Jahre vor Kriegsbeginn. Aber Wannsee lag auch nicht im Zentrum der Kämpfe und Bombardierungen, die vor 70 Jahren in ihre Endphase gingen.

In Manfred Rettigs Erinnerung ist der Krieg nur bis zum Nachbargrundstück gekommen. „Bis dorthin drangen manchmal die Geschosse.“ Jetzt erfahren wir: Auch direkt unter den Fenster seiner damaligen Wohnung ist damals eine Granate eingeschlagen. Sie hat dort bis vor kurzem als Blindgänger gelegen und wurde erst bei einer Sanierung gefunden. Das erzählt uns eine junge Bewohnerin des Hauses, als wir den Ort für unser Foto besuchen.

Rettig begutachtet die Fundstelle, die längst wieder zugepflastert ist. Und sagt dann: „Wenn die hochgegangen wäre, stünden wir jetzt nicht hier.“ Mehr sagt er nicht. Manfred Rettig war mehr als 40 Jahre lang Polizist in West-Berlin. Vielleicht hat er aus diesen Zeit den reduzierten Ton bewahrt, dem man braucht, um über Dinge zu berichten, die eigentlich zu schlimm sind, um sie in Worte zu fassen. Über den Krieg, sagt er, habe er lange nicht gesprochen. Über vieles nie. Wir haben ihn gebeten, sich zu erinnern. Und wollen Ihnen damit Mut machen, sich an die eigene Vergangenheit zu wagen.

Manfred Rettig erzählt

Meine Eltern wohnten in Wannsee zur Miete, an der Chausseestraße im alten Dorf Wannsee. Ich bin direkt gegenüber zur Schule gegangen. Das Haus, in dem wir wohnten, steht noch, ebenso die Schule. Ich habe den Krieg an sich relativ wenig gespürt. Allerdings war am Ende die direkte Begegnung mit den russischen Soldaten schlimm. Doch davon später.

Das Bild, das mir aus dem Krieg am lebhaftesten vor Augen steht, ist die Nacht des 14. April 1945. Es war der große Bombenangriff auf Potsdam. Ein Teil Potsdams wurde vollkommen zerstört. Die Einschläge waren bis in den Keller unseres Mietshauses zu spüren, der als Luftschutzkeller diente. Nachdem in jener Nacht der Bombenalarm vorbei war, standen wir in unserem Garten. Es war taghell. Babelsberg brannte. Das Feuer loderte so stark, dass man im Freien hätte Zeitung lesen können.

Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus. Es gab einen Blockwart, der immer kontrollierte, ob beim Fliegeralarm auch alle im Keller waren. Wenn noch irgendwo Licht brannte, brüllte er: „Licht aus!“ Wenn der Alarm für Potsdam oder Berlin kam, wurde das im Radio immer mit demselben Spruch angekündigt: „Feindliche Bomberverbände im Angriff über Braunschweig auf die Reichshauptstadt.“ Den Satz habe ich bis heute im Ohr. Wannsee wurde zum Glück nicht sehr stark bombardiert, weil es bei uns wenig Militär und es Industrie gab.

Weg zur Schule zu gefährlich

Nach den großen Angriffen war dann meist ein paar Tage Ruhe, dann ging es wieder los. Mit der Zeit haben wir gelernt, dass nachts immer die Engländer kamen und tagsüber die Amerikaner. Wir Kinder konnten die Flugzeuge bald an den Motorengeräuschen auseinander halten. In der Schule lernten wir, die unterschiedlichen Sirenensignale zu unterscheiden. Damit man wusste, ob es noch 15 Minuten bis zum Angriff waren oder 30.

Das war wichtig für mich, denn ich ging nach den Sommerferien 1944 in Babelsberg zur Schule. In Berlin gab es ab da keinen Schulunterricht mehr. Meine Mutter wollte aber, dass ich einmal was werde und meldete mich in Babelsberg an. Ich brauchte mit dem Fahrrad für den Schulweg eine halbe Stunde, da war es wichtig zu wissen, ob man es rechtzeitig vor dem nächsten Angriff schaffte. Nach dem Bombenangriff vom 14. April wollte meine Mutter dann nicht mehr, dass ich nach Babelsberg fuhr. Es war zu gefährlich.

Bei uns im Haus wohnten nur noch Frauen und Kinder. Die Väter waren fast alle im Krieg. Auch viele Kinder wurden aus Sicherheitsgründen aufs Land geschickt. Mein Vater war Schmiedemeister. Auch er wurde zur Wehrmacht eingezogen, zu den sogenannten V-Waffen, den Raketen, die auf England abgeschossen wurden. Er hatte insofern Glück, weil diese Truppe immer als erste von der Front zurückgezogen wurde. Er war dort Schirrmeister, also für den Fuhrpark zuständig.

Die Grundausbildung machte er in Dahme im Spreewald. Dort habe ich ihn mit meiner Mutter besucht. Es gibt ein Foto von uns, er trägt die Wehrmachts-Uniform, 1942 oder 43. Später war er in Holland stationiert. Er hat nie darüber gesprochen, was er dort eigentlich erlebt hat. Meine Mutter wollte später immer gern einmal die Tulpenblüte in Holland besuchen sehen, aber er weigerte sich. Er sagte, er schäme sich zu sehr für das, was die deutschen Soldaten angerichtet hatten.

Soldaten selbst fast noch Kinder

Uns Kinder nervte der ständige Bombenalarm. Viel Schlimmer als das waren aber die direkten Kämpfe um Wannsee. Hier wurde bis zur letzten Patrone gekämpft. Das russische Militär stand auf der anderen Seite der Havel und des Wannsees und schoss mit Artillerie hinüber zu uns, aber es gelang ihnen nicht, nach Wannsee hineinzukommen. Auf deutscher Seite kamen immer wieder neue Soldaten dazu. Viele hatten sich aus Potsdam nach Wannsee abgesetzt, aus Angst, den Russen in die Hände zu fallen. Viele waren sehr jung, 17, 18 Jahre alt.

Bis dahin hatten wir Kinder meistens im Wald gespielt, oder auf den Straßen. Jetzt passten unsere Mütter höllisch auf, dass wir nicht raus liefen. Sie hatten ja recht. Aber wir waren neugierig und taten es trotzdem.

Einmal sprachen wir mit einem jungen Soldaten. Er schenkte uns, was damals absolut unvorstellbar war, Schokolade. Einige Tage später habe ich den Soldaten dann auf der Straße gefunden. Er war tot. Ich war allein unterwegs. Es kamen dann Männer aus der Nachbarschaft und kümmerten sich um ihn. Er wurde auf dem Friedhof beerdigt. Er war nicht älter als 16 oder 17. Ich habe nie erfahren, wie er hieß.

Es war nicht der erste Tote, den ich gesehen habe. Ab und zu fielen auch in Wannsee Bomben, am Schäferberg zum Beispiel, dort stand Flakartillerie. Bei dem Angriff wurden auch Panzer getroffen, und wir wollten uns das ansehen. Wie Kinder eben so sind. Der Anblick war grausam. In einem abgeschossenen Panzer sah man den verbrannten Körper eines Soldaten am Steuer.

Nie über die schlimmen Erlebnisse geredet

Mit Erwachsenen haben wir über diese traumatischen Bilder eigentlich nie gesprochen. Wenn, dann wurde unter den Kindern darüber geredet. Man verarbeitet das nicht, man verdrängt es.

Zum Schluss wurde der Beschuss ganz schlimm. Mehrere Male waren haben wir auch die sogenannten Stalin-Orgeln erlebt. Geschütze, die auf einen Lkw montiert waren. Sie konnten etwa 50 bis 80 Schüsse abgeben. Die machten ein heulendes Geräusch, deswegen hieß es ja so, das war fürchterlich. Unser Haus wurde nicht getroffen, aber die Einschläge kamen manchmal bis auf das Nachbargrundstück.

An den 8. Mai, die Kapitulation, kann ich mich nicht konkret erinnern. Ich weiß aber noch, um ehrlich zu sein, dass ich es als Kind nicht gut fand, dass wir den Krieg verloren hatten. Wir waren keine Nazis, mein Vater war nicht in der NSDAP, aber die Propaganda hatte eben auch bei uns Schülern gewirkt. In der Schule mussten wir jeden Morgen den Arm zum Hitlergruß heben und „Die Fahne hoch“ singen. Das Horst-Wessel-Lied, das Kampflied der SA. Es gab Lehrer, die genau guckten, wer da mitsang. Die Propaganda in den Schulen, in der Zeitung und im Radio hatte dafür gesorgt, dass in unseren Augen die Juden schlecht aussahen, auch die Polen, die Amerikaner und Engländer. Und vor allem die Russen.

In den Wochenschauen im Kino wurde gezeigt, wie Russen die deutsch besetzten Orte zurückeroberten. Wie sie töteten und plünderten. Die russischen Politiker wurden zitiert: Jeder Deutsche ist zu töten, es gibt keinen vernünftigen Menschen unter ihnen. Da blieb natürlich in unseren Köpfen etwas hängen.

Vom politischen Berlin bekamen wir an sich nichts mit. Wir wohnten ja im Dorf Wannsee, nicht in den Villen am See, wo 1942 bei der Wannsee-Konferenz der Massenmord an den Juden beschlossen worden war. Wenn Hitler nach Potsdam fuhr, wurde alles weiträumig abgesperrt. Anfangs wusste ich als Kind auch nicht, wer Hitler war. Später, als ich ihn in den Wochenschauen sah, fragte ich mich, wie die Deutschen sich von so einem Schreihals verführen lassen konnten.

Am 2. oder 3. Mai 1945 türmten bei Wannsee viele Wehrmachtssoldaten. Sie versuchten, noch rechtzeitig zu den Amerikanern überzulaufen, um nicht in russische Gefangenschaft zu kommen. Die meisten wurden dabei aber getötet. Einige Überlebende habe ich später noch einmal wiedergetroffen.

Die Bilder verfolgen das Kind von einst bis heute

Traumatisch waren für uns die Wochen nach Ende des Krieges. Überall wurden Frauen und Mädchen vergewaltigt. Alle hatten Angst. In unserem Haus wohnte eine junge Frau, die während des Krieges zum BDM, Bund Deutscher Mädel, aufs Land zu Bauern eingezogen worden war. Sie kehrte kurz vor Kriegsende wieder zurück.

Dann zogen russische Soldaten durch die Häuser. Die erste Kampftruppe, die die Straßenzüge einnahm, hatte keine Zeit für so etwas. Aber die nachfolgenden Soldaten suchten in den Häusern gezielt nach Frauen oder Mädchen. Sie zerrten auch unsere Nachbarin in den Keller, in den Nachbarraum des Luftschutzraums. Uns Kinder nahmen sie mit. Sie schoben sie regelrecht nach vorn. Wir sollten sehen, was sie dort taten. Dann vergewaltigten sie sie. Diese Bilder sind es, die mich bis heute verfolgen.

Manche Väter kamen nicht wieder

Dann begann die Zeit, in der die einen zurückkehrten und die anderen nicht. Ein Schulfreund hat sich im Sommer 1945 aus der Kinderlandverschickung aus Schlesien allein bis Berlin durchgeschlagen. Auch mein Vater kam schon 1945 wieder nach Hause, zum Glück. Viele Wehrmachtssoldaten wurden ja in den ehemaligen Konzentrationslagern interniert, viele kamen nach Sachsenhausen.

Als mein Vater zurück war, versteckte er sich nachts anfangs immer im Bettkasten der Schlafcouch im Wohnzimmer. Mehrmals wurde nach ihm gesucht. Nachbarn hatten ihn verraten, es waren Kommunisten, die unter den Nationalsozialisten zu leiden gehabt hatten. Sie hatten seine Uniform gesehen.

Ich hatte es an sich gut, im Gegensatz zu vielen anderen. Mein Cousin Kalle hat seinen Vater nie kennengelernt. Meine Tante und er wohnten bei uns im Haus. Kalle wurde 1943 geboren. Ein Kriegskind. Seine Eltern haben nicht mehr geheiratet. Sein Vater fiel in der Schlacht bei den Seelower Höhen. 1945 kam einer seiner Kameraden zu uns, Kalles Vater hatte ihm noch die Adresse von uns gegeben. Mit der Bitte, die Todesnachricht zu überbringen. Das war schlimm.

Ein Freund aus Kinderzeiten hat seinen Vater in den letzten Kriegstagen verloren. Es war wohl ein Missverständnis. Der Vater war bei der Feuerwehr, die damals schwarze Uniformen hatte. Auch die SA-Uniformen waren schwarz. So haben russische Soldaten den Vater für einen SA-Mann gehalten, ihm die Pistole an den Kopf gehalten und abgedrückt. Es war direkt vor dem Wohnhaus der Familie. Mein Freund hat drinnen den Schuss gehört. Er war acht Jahre alt.

Einer meiner Schulfreunde wurde von seinem eigenen Vater getötet, als dieser sich und die ganze Familie in den letzten Kriegstagen umbrachte. Das war ein hochrangiger Nazi, die Familie war bekannt in Wannsee. Diese Geschichte ging herum wie ein Lauffeuer.

Nach dem Krieg wurde über all das schnell nicht mehr gesprochen. Viele meiner Erinnerungen sind heute verblasst. Anderes kommt seit ungefähr 15 Jahren wieder. Möglich, dass das auch daran liegt, dass heute im Fernsehen die Bilder von damals wieder gezeigt werden. Vielleicht liegt es auch am Alter, dass man sich fragt, was war. Ich habe inzwischen auch versucht zu rekonstruieren, was in Wannsee damals militärisch passiert ist, denn bei Kriegsende war ich ja erst neun Jahre alt. Vieles hat man nicht verstanden. Und unsere Eltern haben zeitlebens einen Bogen um das Thema gemacht.

Foto: Uta Keseling