Ein Jahrhundertmann

Richard von Weizsäcker war ein deutscher Glücksfall

Bundespräsident Richard von Weizsäcker beeindruckt – vor allem mit seiner Rede zum 8. Mai 1985, das als ein befreiendes Gewitter für Deutschland wirkte. Teil 2 unserer Serie.

Foto: Martin Athenstädt / dpa

„Spätlinge müssen sich anstrengen“ schreibt Walter Henkels, legendärer Bonner Hauptstadt-Chronist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als Richard von Weizsäcker 1969 als fast 50-Jähriger ins Bonner Parlament einzieht. Und rät dem noblen Freiherrn, auch mal die Ellenbogen zu gebrauchen. Heute kaum noch zu glauben, dass der es erst im dritten Anlauf schafft, das höchste Staatsamt zu erklimmen.

1968 unterliegt Weizsäcker schon in der parteiinternen Kandidatenkür dem konservativen CDU-Granden Gerhard Schröder (der gegen den SPD-Kandidaten Gustav Heinemann verliert), 1974 tritt er als „Zählkandidat“ gegen den auf eine sichere SPD/FDP Mehrheit bauenden Walter Scheel an. Selbst der dritte Versuch wäre gescheitert, hätte er nicht, wie ihm Walter Henkel empfahl, seine Ellenbogen eingesetzt. Nicht auf offenem Markt. Nobler hinter den Kulissen versteht sich.

Helmut Kohl will ihn, seit 1981 Regierender Bürgermeister Berlins, unbedingt in der Stadt halten. Den Berlinern andererseits hat Weizsäcker versprochen, in der Stadt „meine Lebensaufgabe“ gefunden zu haben. Als er das in einem „ZEIT“- Interview verspricht, geht er allerdings noch davon aus, dass Präsident Karl Carstens für eine zweite Amtszeit kandidieren würde.

Weil der darauf verzichtet, die Union gleichzeitig in der Bundesversammlung die Mehrheit hat, ist er entschlossen, sich seinen Lebenstraum von der Villa Hammerschmidt zu erfüllen. Als selbst CSU-Chef Franz-Josef Strauss der Kandidatur ein ok signalisiert, gibt Kohl auf und preist den nicht mehr Freund als einen künftigen Bundespräsidenten, der die Fähigkeit habe, „Verständigung zu schaffen und in der Suche nach Orientierung voranzugehen.“ Wie wahr.

Sätze wie Donnerhall

Welch Glücksfall ein Bundespräsident Richard Freiherr von Weizsäcker für Deutschland ist, stellt sich schon am Ende des ersten Amtsjahres heraus. Seine Rede am 8. Mai 1985 im Bundestag ist nicht nur millionenfach nachgedruckt, sie ist Geschichte geworden. Wie ein befreiendes Gewitter löst er mit ihr jahrzehntelange Verkrampfungen der Deutschen im Umgang mit ihrer dunkelsten Vergangenheit. Obwohl mit sonorer Stimme und wohl dosiert vorgetragen, sind es Sätze wie Donnerhall. Jeder habe in der Zeit des Nationalsozialismus wissen können und müssen, „dass die Deportationszüge rollten.“

Dann das befreiende Bekenntnis 40 Jahre nach der totalen Niederlage . Er nennt den 8. Mai einen Tag der Befreiung auch für Deutschland. „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Aber er sagt auch: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück.“ Dann noch dieser Satz: „Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.“

Die Rede wird in konservativen Kreisen nicht gleich verstanden als das, worauf sie in ihrer Tiefe abzielt: Katharsis, Läuterung nach allem angerichteten Unheil. Eine Selbstbefreiung letztlich auch für den Präsidenten, der als Wehrmachtsoffizier selbst verstrickt war.

Die Rede ist Weizsäckers präsidiales Meisterstück. Das Wort, die mächtigste Waffe des deutschen Staatsoberhaupts, weiß er fortan trefflich einzusetzen. Nach und nach kann er auch die meisten Kritiker in der sogenannten „Stahlhelm-Fraktion“ seiner Partei überzeugen.

Geschliffene Wortwahl, klare Analysen, bisweilen auch unbequeme Wahrheiten weit jenseits der eigenen Partei, oft mit einem Bonmot und hintergründigem Lächeln garniert, beeindrucken die Bürger. Dazu kommt sein Auftreten, das Glanz und Würde zugleich ausstrahlt. Und er kann höchst charmant sein. Den einen oder anderen beeindruckt auch noch der adelige Freiherr im Namen. So entwickelt sich Weizsäcker zur anerkannten moralischen Instanz der west- deutschen Republik. Weil er vom Scheitel bis zur Sohle Glaubwürdigkeit ausstrahlt. Nicht nur nach innen, auch nach außen.

Er wird zum geschätzten Deutschen in aller Welt. Als erster Bundespräsident besucht er nach seiner 8. Mai Rede noch im selben Jahr Israel, bei weiteren heiklen Staatsbesuchen in Warschau, Norwegen oder den Niederlanden bestätigt er seine Rolle als geschätzter Botschafter eines weiter geläuterten Deutschlands.

Euphorie der Wiedervereinigung

Kein Wunder, dass bei der Wiederwahl 1989 auch große Teile der Opposition für ihn stimmen. Dass er, der immer am verfassungsmäßigen Gebot der Wiedervereinigung festgehalten und während seines kirchlichen Engagements engen Kontakt zu den Menschen in der DDR gehalten hat, erstes gesamtdeutschen Staatsoberhaupt wird, empfindet er als besonderes Geschenk. Unvergessen sein erster Gang durch die Mauer am Potsdamer Platz, als ihm ein Grenzsoldat meldet: „Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Präsident!“

Zwar rückt Weizsäcker in der ersten Wiedervereinigungs-Euphorie ein wenig in den Schatten des Einheit-Machers Kohl. Doch schnell findet er zur Rolle eines Mahners, ja Anwalts der DDR-Bürger vor überstürzten Entscheidungen. Eine Hinwendung, die das erkaltete Verhältnis zwischen ihm und dem Kanzler endgültig gefrieren lässt. „Sich zu vereinen heißt teilen lernen“, mahnt Weizsäcker schon beim Staatsakt am 3. Oktober 1989. Später fordert er einen neuen Lastenausgleich zu Gunsten der Menschen in Ost-Deutschland, warnt vor der Vereinnahmung der DDR oder und davor, die D-Mark zum „Maßstab aller Dinge“ zu machen.

Besuche von Staatsgästen verbindet er so oft wie wie möglich mit Abstechern in die neuen Bundesländer. Schon früh reist er mit Mitterrand nach Weimar oder der niederländischen Königin Beatrix nach Potsdam. Um für die neuen Länder zu werben und gleichzeitig den Nachbarn die Sorge vor einem vereinten Deutschland zu nehmen. Ein Präsident aller Deutschen eben.