120 Jahre Morgenpost

Honeckers Gendarmenmarkt

Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Das Schauspielhaus.

"Auferstanden aus Ruinen", schrieb Honecker später. Das Bild vom 20. März 1984 zeigt den Französischen Dom und das Schauspielhasus während er Wiederaufbauarbeiten.

"Auferstanden aus Ruinen", schrieb Honecker später. Das Bild vom 20. März 1984 zeigt den Französischen Dom und das Schauspielhasus während er Wiederaufbauarbeiten.

Foto: Gisela Stappenbeck / bpk | Gisela Stappenbeck

Berlin. Einst waren am Gendarmenmarkt die Ställe des berühmten Reiterregiments „Gens d’armes“, das maßgeblich für den Ausgang der Schlesischen Kriege verantwortlich war. In der Folge stieg Preußen zur Großmacht neben Österreich auf, und Frankreich musste zugunsten Großbritanniens seine Vormachtstellung aufgeben. Die Kuppelgebäude links und rechts sind auch das Ergebnis der Glaubensstreitigkeiten, vor allem aber Zeugnisse der preußischen Toleranz unter Friedrich dem Großen. Die aus Frankreich vertriebenen réfugiés, die Hugenotten, bekamen den Französischen Dom, die Lutheraner und Reformierten den Deutschen Dom. Und für die Katholiken ließ Friedrich II. in einiger Entfernung die Hedwigskathedrale errichten. Sie sollte zwar ursprünglich ein Pantheon für alle Religionsgemeinschaften sein, aber der Zuwachs an Katholiken durch die schlesischen Gebietsgewinne verschob das religiöse Gleichgewicht Preußens auch in ihre Richtung.

Zentral in der Mitte des Platzes kam die Unterhaltung zum Zuge. Ursprünglich stand hier das Französische Komödienhaus für die Hofschauspieler Friedrichs II. Aber schon sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. lud eine deutsch spielende Schauspieltruppe ein. Das französische Komödienhaus wurde zum „Königlich preußischen Nationaltheater“. Der berühmte Schauspieler Iffland war einer der ersten Direktoren. Er regte auch den Bau eines neuen Schauspielhauses an. Der Auftrag ging 1820 an Karl Friedrich Schinkel. Beste Voraussetzungen also für ein Theater von Weltruhm auf gleicher Höhe mit dem Wiener Burgtheater. Es kam aber nicht ganz so.

Dass das Schinkel-Gebäude heute immer noch steht, haben wir Erich Honecker zu verdanken. „Er ist es schließlich gewesen, und da muss man der Wahrheit Gerechtigkeit widerfahren lassen, der gegen durchaus vorhandenen Widerstand in seinem Politbüro dafür gesorgt hat, dass aus der Ruine der glanzvolle Bau wieder emporwuchs“, schrieb die Berliner Morgenpost anlässlich einer Besichtigung im September 1984. Der Wiederaufbau des im Krieg zerbombten Hauses gehörte zu den Maßnahmen rund um die 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin. Aber aus dem Schauspielhaus, zu dessen Einweihung Goethe einen Prolog für seine „Iphigenie“ beigesteuert hatte und in dem einst Schiller seine eigenen Stücken gesehen und Fontane als Theaterkritiker gewirkt hatte, wo Paganini und Franz Liszt aufgetreten waren, wo Wagner und Mendelssohn Bartholdy dirigiert hatten und wo zuletzt Gustaf Gründgens Intendant war, ist ein reines Konzerthaus geworden. Das hatte praktische Gründe, denn Ost-Berlin besaß bis dahin zwar einige Sprechtheater, aber kein Konzerthaus. West-Berlin hatte mit Hans Scharouns Philharmonie und dem gerade fertiggestellten Kammermusiksaal einiges vorgelegt.

Die Morgenpost begleitete den ehemaligen Kanzler Willy Brandt nach Ost-Berlin, wo er auch als SPD-Vorsitzender mit allen Ehren eines Staatsmannes empfangen wurde: „Am Nachmittag steht eine Stadtrundfahrt an mit Erich H. als Reiseführer. Und dessen ganzer Stolz wird sichtbar, als er den Gast aus Bonn über die Treppen ins fertige Schauspielhaus führt.“ Links und rechts der Haupttreppe hatte man Tafeln mit Berlin-Zitaten von berühmten Persönlichkeiten ins Pflaster eingelassen. Das von Honecker („Buchstäblich aus Ruinen auferstanden, wird das Berlin von heute immer mehr zum Symbol für den Siegeszug des Sozialismus auf deutschem Boden“) wurde nach der Wende entfernt. Beethovens: „Das ganze Berliner Publikum ist fein gebildet“ steht immer noch da, genauso wie Hegels Satz „Ein Berliner Witz ist mehr wert als eine schöne Landschaft“.

Am 2. Oktober 1984 folgte die feierliche Einweihung mit SED-Politprominenz und der Ouvertüre aus Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“, die 1821 am Gendarmenmarkt uraufgeführt worden war. In West-Berlin stieß die Wiedereröffnung laut Morgenpost auf wenig Interesse: Dort feierte man lieber die Verlängerung der U-Bahnlinie 7 bis zum Rathaus Spandau als „Jahrhundertereignis“. Mit dabei im Gedränge der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl.

Später bahnte sich am Gendarmenmarkt ein kleines Stück Wiedervereinigung an. Ein Baustein fehlte nämlich noch für die historische Rekonstruktion des Platzes vor dem Schauspielhaus, nun Konzerthaus: das Schiller-Denkmal. Genau genommen waren es mehrere Bausteine, in der Nazizeit auseinandergerissen, befanden sie sich unglücklicherweise in West- und Ost-Berlin. Um sie zusammenzubringen, mussten noch die zähen deutsch-deutschen Verhandlungen zum Kulturaustausch abgeschlossen werden.

1986 war es so weit. Das Schiller-Denkmal wurde wiedervereint, restauriert und ein paar Monate vor der deutschen Wiedervereinigung endlich am alten Stammplatz aufgestellt. Da steht der Dichter nun wieder als schöner junger Mann mit Lorbeerkranz und Papierrolle, umringt von vier weiblichen Figuren, den Allegorien für Lyrik, Tragödie, Philosophie und Geschichte. Er könnte, würde er sich umdrehen können, auf den eingelassenen Platten sein eigenes Zitat lesen: „Dass ein längerer Aufenthalt in Berlin mich fähig machen würde, in meiner Kunst vorzuschreiten ..., zweifle ich keinen Augenblick.“ Die Gegenliebe des offiziellen Berlins war allerdings nie bedingungslos. Der preußische König verbot „Die Räuber“, Hitler lehnte „Wilhelm Tell“ ab, und die DDR hatte Probleme mit einem Satz aus „Don Carlos“.

Die Aufstellung des Schillerdenkmals brachte dem Arbeiter- und Bauernstaat letztlich auch kein Glück. Nur wenig später ging sie mit „Freude schöner Götter­funken“ klangvoll unter. Die Aufführung von Beethovens 9. Symphonie am Tag vor der deutschen Wiedervereinigung auf dem Gendarmenmarkt war der letzte offizielle Staatsakt der DDR.

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