120 Jahre Morgenpost

„Qualitätsjournalismus wird immer wichtiger“

Die Rede von Chefredakteurin Christine Richter beim Empfang der Berliner Morgenpost.

Zum ersten Mal begrüßt Christine Richter als Chefredakteurin die Gäste beim Morgenpost-Empfang im Restaurant „Neni“

Zum ersten Mal begrüßt Christine Richter als Chefredakteurin die Gäste beim Morgenpost-Empfang im Restaurant „Neni“

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Sehr geehrte Gäste, oder lassen Sie es mich so sagen: Liebe alle, ich freue mich sehr, Sie heute hier bei der Berliner Morgenpost begrüßen zu können.

Die meisten von Ihnen kennen mich ja – es ist ja wahrlich nicht mein erster Empfang mit der Berliner Morgenpost, aber doch ein erstes Mal, denn heute kann ich Sie alle zum ersten Mal in meiner Funktion als Chefredakteurin begrüßen. Und das ist mir wahrlich eine große Ehre – und eine sehr große Freude.

Wie schön, dass Sie alle da sind – an diesem herrlichen Herbsttag, nach diesem herrlichen Sommer, an diesem herrlichen Ort. Ich kann Sie leider alle nicht namentlich begrüßen, auch wenn ich Sie alle gerne miteinander bekannt machen würde – aber gestatten Sie mir eine Anmerkung, bevor ich Sie auf eine kleine Morgenpost-Reise mitnehme.

Ich freue mich besonders, dass Sie, Herr Regierender Bürgermeister, lieber Herr Müller, heute unser Gast sind. Ich freue mich, weil ich weiß, dass ich, dass wir es Ihnen und Ihrem rot-rot-grünen Senat nicht immer leicht machen. Oder besser: ganz schön schwer. Dass Sie dennoch sofort, als Sie die Einladung bekommen haben, zugesagt haben, hat mir imponiert.

Und ich kann Ihnen – zumindest heute – versprechen: Heute kritisieren wir Sie nicht, heute lassen wir Sie einmal ungeschoren, denn heute geht es ausnahmsweise mal um uns, um die Berliner Morgenpost, um ihre 120-jährige Geschichte und um ihre Zukunft. Aber ich kann Ihnen versichern: Wir werden Sie und den Senat und all die großen und kleinen Berliner Landespolitiker gerne begleiten – natürlich liebevoll und kritisch.

Und nein, das ist keine Drohung.

Warum treffen wir uns heute?

Natürlich, weil wir als Berliner Morgenpost eine kleine Tradition begründet haben – und seit ein paar Jahren im September zu einem Herbstempfang laden. Dann, wenn die anderen ihre Sommerfeste gefeiert haben und es bis zu den Neujahrsempfängen noch so lange hin ist. Heute aber auch, weil heute vor 120 Jahren zum ersten Mal die Berliner Morgenpost erschienen ist.

Eine irre, eine großartige Vorstellung, finde ich. Gerade in diesen unseren kurzlebigen Zeiten.

Und wir sind auch ganz schön stolz darauf. Andere Zeitungen feiern in diesen Tagen ihren 70. Geburtstag, denn die meisten von ihnen wurden erst nach der schlimmen Nazi-Zeit, mit der Erlaubnis der Alliierten gegründet. 70 Jahre, auch ein Grund stolz zu sein, im Oktober ist es beim Hamburger Abendblatt so weit. 70 Jahre immerhin, aber dafür findet die Festveranstaltung auch in der Elbphilharmonie statt. Ein bisschen neidisch bin ich schon – aber unser BER ist ja leider noch nicht fertig ... Zum 125. Geburtstag laden wir dann dorthin – ganz bestimmt ...

So war der Herbstempfang der Morgenpost

Der diesjährige Herbstempfang stand unter einem besonderen Motto: 120 Jahre Morgenpost. Gefeiert wurde im "Neni".
So war der Herbstempfang der Morgenpost

120 Jahre – das ist eine verdammt lange Zeit. Die Berliner Morgenpost, von Ullstein gegründet, hat in diesen langen Jahren viel erlebt, oder anders: die Menschen in ihrem so vielfältigen, dem schwierigen und dem schönen Leben begleitet.

1898, das war eine Zeit in Berlin, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Die Industrialisierung war in vollem Gang, Groß-Berlin gab es so noch gar nicht – erst ab 1920. Aber in dieser Zeit entstanden die Bezirke – kürzlich, das erzähle ich Ihnen rasch – beschwerten sich Leser, dass wir immer noch vom „Arbeiterbezirk Wedding“ schreiben würden, das seien sie doch gar nicht mehr, und ob sie als Angestellte viel weniger wert seien als Arbeiter und überhaupt, diese Diskriminierung. Und doch ist es so: In Wedding, heute Teil des Bezirks Mitte, leben immer noch prozentual mehr Arbeiter, der rote Wedding, der entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, dort, wo die großen Firmen sich ansiedelten, die einfachen Mietskasernen entstanden und die Arbeiter für bessere Löhne und bessere Lebensverhältnisse kämpften.

Die Berliner Morgenpost, wir haben es in den vergangenen Wochen in unserer Sonntagsbeilage, der Berliner Illustrirten, dargestellt, gab es all diese vielen Jahre hindurch – mit Ausnahme der schlimmen, wahrlich dunklen Zeit unter den Nazis, während des Zweiten Weltkriegs. Aber danach bekam die Morgenpost wieder eine Chance und knüpfte an die guten Zeiten an, wurde wieder in so vielen Haushalten gelesen. Die Aufbaujahre, das Wirtschaftswunder, der Mauerbau 1961 – die Berliner Morgenpost war immer dabei.

Ich möchte Sie jetzt nicht mit zu vielen Details unserer Geschichte langweilen – das ginge ja auch gar nicht, denn die Geschichte war alles andere als langweilig –, aber nehmen Sie doch nachher, wenn Sie gehen, unsere Jubiläumsausgabe mit. Da finden Sie nicht nur die erste Titelseite vom 20. September 1898, sondern auch viele andere großartige Titelseiten, fast alles über uns und natürlich unsere Redaktion von heute.

Heute – ja, das muss ich Ihnen allen wohl kaum erzählen –, heute, das sind herausfordernde Zeiten. Manche sagen auch: schwierige Zeiten. Schwierig für Print, ja schwierig sogar für unsere Demokratie – wir erleben es nach den Ereignissen in Chemnitz gerade alle miteinander. Und schwierig, ja das leider auch, für den Journalismus. Die Pressefreiheit, sie ist nicht so selbstverständlich, wie wir das all die Jahre über immer gemeint haben. Wenn Journalisten wie in Chemnitz nicht frei arbeiten können, angegriffen und bedroht werden, ja dann ist auch unsere Pressefreiheit bedroht.

Ich bin überzeugt, dass der Journalismus immer wichtiger wird, dass das, was wir alle unter Qualitätsjournalismus verstehen, immer wichtiger wird. Für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie, für unser Miteinander – und für unser Miteinander-Umgehen.

120 Jahre Berliner Morgenpost – auch auf uns kommen große Herausforderungen zu. Ich bin kürzlich in einem Radiointerview – es ging um die Zukunft der Zeitungen, um die Zentralredaktionen, um die vermeintliche Einschränkung der Meinungsvielfalt – gefragt worden, wie lange es denn die gedruckte Ausgabe der Morgenpost noch geben werde. „In 120 Jahren wollen wir auch noch feiern“ – das war meine Antwort.

Nun, ehrlicherweise, hoffe ich, dass wir – also unsere Nachfolger – in 120 Jahren auch noch stolz auf den Journalismus der Berliner Morgenpost blicken können. Ob Print, darauf würde ich heute nicht wetten, wahrscheinlicher ist wohl, dass es den Journalismus online geben wird – und natürlich weiterhin die gedruckten Magazine und für Liebhaber die eine oder andere Zeitung.

Wir, und jetzt sage ich ganz bewusst wir, wir als Berliner Morgenpost werden diese Herausforderung annehmen, wir werden die Transformation von Print zu online angehen, offensiv angehen. Wir werden uns nicht verstecken, wir werden auch um die jungen Menschen werben.

Wir machen natürlich weiterhin die Zeitung, unsere Berliner Morgenpost, die wir über alles schätzen und mögen. Aber auch wir werden uns verändern, auf das veränderte Leseverhalten eingehen. Sie kennen das alle – unter der Woche ist die Zeit zum Lesen knapp, am Wochenende nimmt man sich schon mal mehr Zeit.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon aufgefallen ist, seit einigen Wochen ist der Sonntag in der Berliner Morgenpost wieder gewichtiger geworden – mit großen Lesestücken, gerade im Lokalteil, mit Doppelseiten zu arabischen Clans oder zu den großen Stadtentwicklungen, mit großen, wunderbaren Grafiken über Berlin – über die Fahrradstadt natürlich, am Sonntag ziehen wir dann eine Bilanz des tollen Sommers. Und am Wochenende nehmen wir uns künftig noch mehr Raum für die großen Interviews, auch für die politischen Porträts – Anwesende wissen, wovon ich spreche.

Und wir haben uns noch mehr vorgenommen: Wir sind nah dran – das Motto dieses Empfangs –, das meinen wir ernst. Und zwar gerade in Berlin. Berlin, das sind heute fast vier Millionen Einwohner. Das sind, wir sagen das immer so, zwölf Bezirke – aber eigentlich sind es zwölf Großstädte. Jeder Bezirk besteht aus rund 300.000 Einwohnern, Pankow hat schon über 400.000 Einwohner – und würde damit unter den größten Städten in Deutschland auf Platz 16 stehen –, hinter Duisburg, noch vor Bochum, Wuppertal, Bonn, Karlsruhe oder Mannheim. Nur mal zum Vergleich, weil unsere Verlegerin und unsere Gesellschafter aus Essen heute hier sind: Essen hat 600.000 Einwohner.

Also Berlin wächst weiter – und damit auch das Bedürfnis der Menschen, mehr aus ihrem unmittelbaren Umfeld zu erfahren. So haben wir es in persönlichen Gesprächen gesagt bekommen, denn wir haben in den letzten Wochen anlässlich unseres 120. Geburtstag unsere Leser auch mal zu Hause besucht. Viele Leser hatten sich beworben, bei zwölf von ihnen waren wir zu Hause. Schauen Sie sich gerne unsere kleine Ausstellung an, die wir in der „Monkey Bar“ aufgebaut haben. Und ich sage es Ihnen – diese Besuche haben uns allen Riesenspaß gemacht, und das setzen wir nach unserem Geburtstag auch fort.

Und deshalb wollen wir wieder und noch näher ran: Wir werden also mit unserem 120. Geburtstag wieder zurückkehren in die zwölf Bezirke. Das gab es schon einmal, einige von Ihnen werden sich gut an die Lokalanzeiger erinnern. Wir sind ab sofort wieder in jedem Bezirk mit einem Reporter unterwegs.

Wir sind überzeugt, dass die Menschen gerade in diesen unübersichtlichen Zeiten wissen wollen, was in ihrem Umfeld passiert. Dass sie sich für Berlin, für ihren Bezirk interessieren und nicht nur für Trump, Putin oder den Brexit. Wir waren in den letzten 120 Jahren für die Berliner da, und wir wollen das künftig noch ein bisschen besser sein.

Und damit Ihnen mit der Berliner Morgenpost nicht langweilig wird, werden wir ab kommendem Sonnabend eine neue mehrseitige Beilage veröffentlichen – ab nun jede Woche nochmals mehr aus den zwölf Bezirken berichten. Natürlich mit einem ausführlichen Veranstaltungskalender. Und online gibt’s alle Informationen natürlich auch. Bei uns erfahren Sie täglich, was los ist in den Bezirken. Und glauben Sie mir, da ist eine Menge los.

120 Jahre Berliner Morgenpost – das sind 120 Jahre Berlin. Ich weiß wie gesagt nicht, was in 120 Jahren ist. Aber ich würde mich freuen, wenn Sie der Berliner Morgenpost gewogen bleiben, sie nutzen – ob Print oder bald noch viel mehr online –, um zu erfahren, was in Ihrer Stadt los ist, Sie die Berliner Morgenpost natürlich weiterempfehlen – man kann uns übrigens auch zum Geburtstag oder anderen Anlässen als Abo verschenken –, uns gerne loben und, noch besser, kritisch begleiten – und dann in fünf Jahren wieder dabei sind: zum 125. Geburtstag.

Und weil wir Geburtstag feiern, gibt es nachher auch für Sie alle Geburtstagskuchen – aber nicht so, wie Sie ihn kennen. Und jetzt feiern Sie mit uns! Wir freuen uns, dass Sie unsere Gäste sind. Vielen Dank!

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