120 Jahre Morgenpost

Von der Fabrik zum Start-up

Heute machen Start-ups ihre ersten Schritte in einem Coworking-Space – gern in Häusern aus der Gründerzeit.

Vor 120 Jahren war am Rosenthaler Tor, dem heutigen Rosenthaler Platz, schon viel los. Damals war auch schon ganz Berlin auf den Beinen. Zur Arbeit ging es meist mit der Pferdebahn – oder zu Fuß

Vor 120 Jahren war am Rosenthaler Tor, dem heutigen Rosenthaler Platz, schon viel los. Damals war auch schon ganz Berlin auf den Beinen. Zur Arbeit ging es meist mit der Pferdebahn – oder zu Fuß

Foto: AKG Berlin / picture-alliance / AKG

Berlin. Peter Strunk hat den Aufstieg des AEG-Konzerns erforscht und die letzten Zuckungen des einstigen Berliner Elektrounternehmens selbst miterlebt. Jetzt steht er auf dem Rathenauplatz in Oberschöneweide. Strunk lehnt auf seinem Fahrrad vor dem Backsteingebäude des alten Kabelwerks Oberspree und sagt: „Früher fuhren die Berliner hierher, um Kaffee zu trinken.“ Ausflugslokale habe es hier gegeben, gleich am Spreeufer. Das war, bevor Emil Rathenau kam und AEG in Oberschöneweide zum Weltkonzern ausbaute.

Der Ortsteil war auch dank AEG Anfang des 20. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Fabrikquartiere Deutschlands. Hier rauchten einst die Schlote. Tausende Mitarbeiter waren in den großen Hallen tätig. „Es war stickig, stinkig und laut. Zeitweise haben mehr als 30.000 Menschen in dieser Gegend gearbeitet“, sagt der Historiker Strunk, der ein Buch über Aufstieg und Fall des AEG-Konzerns geschrieben hat. Eine Zeit lang arbeitete Strunk auch für die AEG-Presseabteilung. Noch vor 120 Jahren schlug in Oberschöneweide das Herz des Unternehmens. Dabei waren die Voraussetzungen, um Berlin zu einem Leuchtturm der Industrialisierung zu machen, in der Zeit von Emil Rathenau eher schlecht.

Berlin hatte keine reichen Kohlevorkommen wie etwa das einige Hundert Kilometer entfernte Ruhrgebiet. Aber der Stadt war es gelungen, zu einem wissenschaftlichen Zentrum im Deutschen Reich zu werden. Immer wieder bekamen Berliner Forscher um die Jahrhundertwende Nobelpreise für herausragende wissenschaftliche Leistungen verliehen. Und Berlin war wie ein Magnet. Menschen aus Pommern, Schlesien und Westpreußen zog es in die Stadt. „Die jungen Leute hatten Erfolgshunger, wollten etwas erreichen“, sagt Strunk. Für Berlin war der Zuzug der Startschuss zur ersten Gründerzeit.

Neue Ideen bringen neuen Glanz in die Stadt

Mehr als 100 Jahre, nachdem Emil Rathenau AEG gründete, in einem anderen Teil Berlins: Anfang der 90er-Jahre war der Rosenthaler Platz in Mitte ein Moloch. Viele Gebäude rund um die Torstraße waren verfallen. Zwischen bröckelnden Altbauten eröffneten illegale Clubs, Imbissbuden und Sexshops. Der Ort hatte damals auch ein Drogenproblem, immer wieder zog es die Junkies vom Weinbergspark auch zu der nahe gelegenen Kreuzung.

Dann kam Ansgar Oberholz. Oberholz ist ein dunkelblonder Mann mit Sechstagebart. 2005 machte er mit seiner Geschäftspartnerin Koulla Louca das „St. Oberholz“ auf.

Innen riecht es nach frisch gemahlenem Kaffee und altem Holzparkett. An langen Tischen sitzen Autoren, Designer, Ingenieure und Informatiker vor ihren Laptops. Manchmal nippen die Gäste an ihren Cappuccinotassen. Nicht selten kommen die Menschen ins Gespräch, reden über die eigenen Projekte und die der Tischnachbarn. Es ist auch der Austausch zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen, der das „St. Oberholz“ zu einem besonderen Ort macht. Viele Start-ups sind in den vergangenen 13 Jahren in dem Haus mit der weißen Fassade am Rosenthaler Platz gegründet worden. Es gibt wohl keinen anderen Coworking-Space in Berlin, den so viele Mythen umwehen, wie das „St. Oberholz“.

Eine Legende, die gerne erzählt wird, geht so: Es gibt in dem Haus eine Stahltreppe. Der Aufgang ist so gebaut worden, dass es unten im Café eine größere Ausbuchtung gibt, ein Rückzugsort, der etwas abseits vom Trubel im „St. Oberholz“ liegt. In dem Bereich hinter der Theke sollen die Zalando-Gründer damals die wichtigste Finanzierungsrunde ihrer noch jungen Firmengeschichte unter Dach und Fach gebracht haben – der Startschuss für den heute milliardenschweren Internetmodehändler. „Es sind Gründungsgeschichten wie diese, die heute unsere Gäste inspirieren“, sagt Ansgar Oberholz. In dem Coworking-Space fanden aber auch die ersten Schritte des Musikdienstes Soundcloud statt, der Shopping-Club brands4friends startete im „St. Oberholz“, ebenso der Kochboxenversender HelloFresh. Ansgar Oberholz hat auf seinem Smartphone eine Liste von Firmen, die hier gegründet wurden. Das Durchscrollen dauert ein paar Minuten.

Rund um den Rosenthaler Platz ist nichts mehr so, wie es einmal war: Die maroden Baracken sind saniert. Aus den Imbissbuden und zwielichtigen Geschäften sind angesagte Bars und Restaurants oder teure Designerläden geworden. Die neue Mitte rund um die Torstraße ist eine der gefragtesten Gegenden Berlins. Das liegt auch am „St. Oberholz“. Das Konzept des gemeinsamen Arbeitens hat dafür gesorgt, Gründer anzuziehen, die dem Moloch mit ihren Ideen Leben einhauchten und neuen Glanz brachten. Viele sehen auch deswegen in dem Gebiet am Rosenthaler Platz das Epizen­trum für die neue Welle von Unternehmensgründungen in Berlin.

Peter Strunk blickt in Oberschöneweide die Straße runter. Auf einem Grundstück gleich neben dem Kabelwerk und hinter Bäumen versteckt, steht die Villa Rathenau. Hier hatte sich AEG-Gründer Emil Rathenau ein Anwesen bauen lassen. Es sieht fast schnörkellos aus, eher funktional. „Rathenau“, sagt Strunk, „war ein eher misstrauischer Mann. Deswegen ließ er sich seine Villa direkt neben das Kabelwerk bauen, um besser kontrollieren zu können, was seine Mitarbeiter so tun.“ Ähnlich ging der Unternehmer auch mit den Banken und Geldgebern um, die den Aufstieg von AEG überhaupt erst möglich gemacht hatten.

Rathenau hatte noch in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts von Thomas Alva Edison die Rechte zur wirtschaftlichen Nutzung der Glühlampentechnologie in Deutschland gekauft. Mithilfe der Geldhäuser gelang es ihm später, sich von Edison zu lösen. Ab 1887 firmierte sein Unternehmen unter dem Namen Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG). Rathenau überzeugte die Banken auch, auf schnelle Rückzahlungen ihrer Kredite zu verzichten. Stattdessen dachte er daran, langfristig neue Geschäftsbereiche aufzubauen – und steckte das freie Kapital deswegen in den Ausbau des Unternehmens. „Rathenau hat erkannt, dass es für AEG nicht nur darum ging, Märkte zu finden, sondern auch neue Kundenbedürfnisse zu wecken“, erklärt Strunk. Die Glühlampenfertigung war später nur noch ein kleiner Teil des AEG-Geschäfts. Rathenau baute mit seinem Konzern bald auch elektrische Bahnen, Batterien und Elektroautos.

AEG wuchs schnell, war zeitweise sogar das größte deutsche Unternehmen. Gemeinsam mit Siemens prägte der Berliner Konzern auch das indus­trielle Gesicht Berlins. Der Erfolg beider Firmen ist vor allem in der Starkstromtechnik begründet. Am Anfang des 19. Jahrhunderts galt die Elektrizität noch als eine wissenschaftliche Spielerei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie hingegen zum Motor der Industrialisierung geworden. Siemens gelang bereits 1886 mit dem Bau der ersten Dynamomaschine der Durchbruch. 1879 fuhr in Berlin die erste elektrische Lokomotive, 1882 die erste elektrische Straßenbahn der Welt. Vor allem in Oberschöneweide, dem Zentrum der sogenannten „Elektropolis“, expandierte AEG. In dem Stadtteil errichtete das Unternehmen ein Bauwerk nach dem anderen. In 25 großen und einer Vielzahl kleiner Fabriken arbeiteten bald 25.000 Menschen. Die Bevölkerung Oberschöneweides stieg rasant an, von gerade mal 500 im Jahr 1895 auf 19.000 (1900) und auf 26.000 im Jahr 1928.

AEG zerschellte an der eigenen Unternehmensgröße

Herzstück des neuen industriellen Herzens in Berlin war das Kabelwerk, das am 3. Mai 1897 in Betrieb ging. 1898 kamen ein Kupferwalzwerk und eine Drahtzieherei hinzu. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 1800 (1898) auf 8000 (1913). Die Kabel wurden immer besser und leistungsfähiger. Nebenan baute die AEG 1895 das Kraftwerk Oberspree, Deutschlands erstes Drehstromkraftwerk. Seit 1899 fertigte die Akkumulatorenwerke Oberspree AG in Oberschöneweide Batterien und Akkumulatoren. 1905 ging das Werk an die Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA), eine Gesellschaft, an der AEG und Siemens beteiligt waren. Wenig später stieg der Elektrokonzern auch in die Produktion von Fahrzeugen ein. Das erste Elektroauto stellte die AEG-Tochter Neue Automobil-Gesellschaft m.b.H. (NAG) 1903 vor. Zwei Jahre später wurde in Oberschönweide das von dem Industriedesigner Peter Behrens entworfene Automobilwerk errichtet.

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die wirtschaftliche Bedeutung der AEG ab. Doch die Zeit blieb in den Köpfen der Konzernspitze. „Auch Jahrzehnte später versuchten sie immer wieder, an die Zeiten alter Größe anzuknüpfen, was schließlich zur Katastrophe führte“, sagt Peter Strunk. Der Industrietanker AEG zerschellte schließlich in den 80er-Jahren an seiner eigenen Größe. Das Wachstum hatte das Management jahrelang über neue Schulden finanziert. Doch es gelang nicht, den Konzern zu ordnen. Tochtergesellschaften machten sich in einigen Geschäftsfeldern sogar gegenseitig Konkurrenz. 1996 wurde die AEG aus dem Handelsregister gelöscht. Heute ist AEG eine Marke des schwedischen Konzerns Elektrolux. Vor allem Hausgeräte werden mit dem Logo auf den Markt gebracht.

In Oberschöneweide hat das Unternehmen dennoch mehr hinterlassen als nur Industriebauten. Aus der 1899 gegründeten Akkumulatorenwerke Oberspree AG, einem weiteren früheren AEG-Zulieferer, wurde die BAE Batterien GmbH, ein Unternehmen, das Batterien für die Computer- und die Solarindustrie herstellt. Unternehmenschef Jan Ijspeert geht in einem Gebäude auf dem Firmengelände die Treppe hinauf. Oben öffnet Ijspeert, der gebürtiger Niederländer ist, eine große Holztür und geht hinein. Dann breitet er die Arme aus und sagt: „Das ist die alte Tischlerei, weil die Batterien früher auch in Holzkisten verschickt worden sind.“ Ijspeert hat das Unternehmen 2005 übernommen und seit 2007 als Geschäftsführer selber aus der Krise geführt. Heute ist BAE als Batteriehersteller wieder weltweit gut im Geschäft. In diesem Jahr hat das Unternehmen etwa große Aufträge in Ägypten und Vietnam an Land gezogen. Die Kunden der Berliner verwenden die Batterien von BAE vor allem als Notstromaggregate. Häufig überbrücken die Akkus die Zeit, bis bei den Geräten der Dieselgenerator anspringt.

BAE stellt die Batterien teilweise noch immer so wie vor 120 Jahren her. „Wir haben ein sehr aufwendiges Produktionsverfahren“, erklärt Ijspeert. Die BAE-Akkus sind deswegen teurer als die mancher Wettbewerber, halten aber auch länger. Viele Kunden hätten die Unterschiede der Berliner Qualität bemerkt und bestellten deswegen jetzt verstärkt. Ijspeerts Firma beschäftigt derzeit 180 Mitarbeiter und rechnet in diesem Jahr mit rund 33 Millionen Euro Umsatz. Natürlich denkt der Firmenchef auch über Innovationen nach. Die BAE-Batterien haben einen Blei-Akku. Demnächst könnte die Produktpalette des Unternehmens aus Oberschöneweide um Lithium-Batterien und Brennstoffzellen erweitert werden. BAE kämpft aber auch mit den Spuren der Vergangenheit: Viele Hallen auf dem Werksgelände sind alt. Für das Instandhalten wird Ijspeert in den kommenden Jahren mehrere Millionen Euro ausgeben müssen.

Doch die Gemäuer, die BAE heute noch nutzt, erzählen auch eine Geschichte: Im Schatten von AEG hatte sich an der Spree in Oberschöneweide ein neues Industriezentrum herausgebildet. Das Großunternehmen zog nicht nur BAE an, sondern auch weitere Firmen und zahlreiche Menschen, die am Standort arbeiteten. Gemeinsam brachten die Talente der „alten“ Start-ups Innovationen auf den Weg – und Berlin eine industrielle Blütezeit.

Berlin hat beste Chancen für einen erneuten Aufbruch

Heute ist die Zeit der rauchenden Schlote und der Tausenden Mitarbeiter in den Produktionshallen zwar vorbei. „Oberschöneweide kann aber wieder zum Industriestandort werden“, sagt Peter Strunk, der derzeit als Sprecher für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof (Wista) arbeitet. Berlin könne heute an Traditionen anknüpfen, die auch vor 120 Jahren schon AEG zum Erfolg verhalfen, so Strunk. Die Stadt verfüge über eine starke Forschungslandschaft, eine gut ausgebaute Infrastruktur und kluge Köpfe, die etwas aufbauen wollten.

Trotz großer Herausforderungen wie steigende Mieten und schwindende Gewerbeflächen ist Berlin im zurückliegenden Jahrzehnt zu Deutschlands Gründerhauptstadt Nummer eins geworden. 40.000 Gewerbeanmeldungen gibt es pro Jahr in Berlin, mehr als 500 Start-ups werden gegründet. Ein Teil der etwa 50.000 neuen Arbeitsplätze, die jedes Jahr in Berlin neu entstehen, werden auch von den jungen Firmen geschaffen. Aus den Unternehmer heißt es, dass es in Berlin besonders leicht fällt, Talente anzuwerben. Gleichzeitig zieht die Stadt auch Experten aus dem Ausland an.

Es ist dieser Kreislauf, der auch das „St. Oberholz“ am Leben hält. Ansgar Oberholz erzählt von zwei Männern, die in den Räumen des Coworking-Spaces ihre eigene Parfümlinie gegründet hätten. Zuvor seien die Gründer in anderen Berufen tätig gewesen, teilweise auch im Ausland. Jetzt hat die junge Firma in den oberen Etagen des Hauses eine kleine Produktionslinie aufgebaut. Bald soll es auch eine St.-Oberholz-Kreation als Duftkerze geben. „Viele Menschen finden das ,St. Oberholz‘ inspirierend. Am Ende ist es dann häufig so, dass der Ort auch wieder in das Produkt einfließt“, sagt Ansgar Oberholz.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.