120 Jahre Morgenpost

„Vertrauen ist unsere wichtigste Ressource“

Ein Gespräch mit Verlegerin Julia Becker über die Zukunft des Journalismus und die sozialen Medien.

Julia Becker ist die Verlegerin der Funke Mediengruppe

Julia Becker ist die Verlegerin der Funke Mediengruppe

Foto: Funke Mediengruppe/YouTube / Funke Mediengruppe

Berlin. Es sind bewegte Zeiten, in denen die Berliner Morgenpost ihren 120. Geburtstag feiert. Die Diskussionen über „Fake News“, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland und Europa, die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise, die größere werdende Bedeutung der sozialen Medien, die Digitalisierung – all dies stellt die Verlage vor große Herausforderungen. Auch die Funke Mediengruppe. Ein Gespräch über die Morgenpost, Qualitätsjournalismus und die Zukunft der Zeitungen mit Julia Becker (45), der Verlegerin der Funke Mediengruppe.

Liebe Frau Becker, die Berliner Morgenpost feiert ihren 120. Geburtstag. Ganz schön alt, oder?

Julia Becker: Ganz schön alt, finde ich eine schöne Formulierung. Ehrlich gesagt war ich ein bisschen überrascht und auch kurz erschrocken: 120 ist ja wirklich schon Methusalem, spricht aber auch, wenn man weiter denkt, für das große Pfund in dieser Zeitungsbranche. 120 Jahre mit allen Bewegungen Schritt halten – und vor allem mit einer guten Qualität zu überleben, das ist eine großartige Leistung. Vor allem für eine Zeitung! Denn die Zeitungen haben ja mit dramatisch in den Keller rauschenden Auflagenzahlen zu kämpfen. Insofern ist es wirklich eine Besonderheit, einen 120-jährigen Geburtstag zu feiern.

Vor vier Jahren, 2014, haben Sie, also die Funke Mediengruppe die Berliner Morgenpost und auch das Hamburger Abendblatt von Springer gekauft. Haben Sie die Entscheidung denn inzwischen bereut?

(lacht) Nein. Im Gegenteil. Für uns ist die Berliner Morgenpost eine ganz besondere Zeitung. Als wir die Zeitung vor vier Jahren übernahmen, haben manche gedacht, dass eine so alte Zeitung, also ein Print-Produkt, nicht unbedingt ein Zukunfts-Asset ist – wenn man das mal in Börsensprache ausdrückt. Wir sind damals von vielen belächelt worden für unsere Print-Investitionen, für die wir einen stolzen Preis getätigt haben. Und der eine oder andere hat sicher schon damit gerechnet, dass wir die Einstellungen schon eingepreist hatten ...

Weil Online auf dem Vormarsch war und ist ...

Absolut. Funke, ein Ruhrpott-Unternehmen, bricht auf zu neuen großen Ufern, verschuldet sich immens, um in Print zu investieren – das alles hat uns in den ersten Monaten viel Spott und auch Häme eingebracht. Aber jetzt, vier Jahre später, muss ich sagen: Ich bin so glücklich über die Entscheidung. Und wir Gesellschafter sind alle der Meinung: Das war der richtige Schritt, genau zum richtigen Zeitpunkt.

Ein schwieriges Geschäft ist es aber schon?

Natürlich verändert sich die Medienbranche rasant, wie Sie wissen, haben es leider auch einige Zeitungen nicht geschafft. Die Herausforderungen der Digitalisierung sind immens. So brechen die Werbemärkte weg, weil die Werbung nun im Netz stattfindet. Es hat leider noch keiner den richtigen Schlüssel gefunden, wie man sich diese Form des Qualitätsjournalismus, auf den wir sehr viel Wert legen, auch künftig finanzieren kann.

Hat Print eine Zukunft?

Wir glauben an Print – und ich bin davon überzeugt, dass es gedruckte Zeitungen und vor allem Zeitschriften noch lange geben wird. Aber wir bieten unsere Inhalte natürlich auch digital an. Und, keine Frage, für Nachrichten liegt im Digitalen die Zukunft. Deshalb müssen wir peu à peu die digitale Transformation voranbringen. Wir als Familie, als Gesellschafter wollen mit dem Verlegen von Zeitungen aber nicht nur Geld verdienen, wir wollen auch einen Beitrag zum Fortbestehen der Demokratie leisten. Und wir erleben gerade in der heutigen Zeit, wie unendlich wichtig es ist, diese wirklich tragende Säule der Demokratie – die Pressefreiheit – zu erhalten und zu verteidigen. Ob wir unsere Inhalte in der klassischen Zeitung oder über das Internet zu unseren Leserinnen und Lesern bringen, ist dabei letztlich sekundär.

Ist die Pressefreiheit auch in Deutschland gefährdet – siehe Chemnitz, wo nach der Tötung des 35-Jährigen bei den anschließenden Demonstrationen Journalisten von Rechtsextremen und Neonazis bedroht worden?

Chemnitz hat das auf erschreckende Art und Weise gezeigt. Und auch die nachfolgende Diskussion über Videos und andere Meldungen, die ungeprüft über Twitter oder Facebook verbreitet wurden. Es ist erschreckend, dass wir unsere Journalisten gegen Angriffe verteidigen müssen, dass diese nicht ungefährdet ihrer Arbeit nachgehen können. Wenn Journalisten ihren Job nicht mehr frei und ohne Angst vor Gewalt machen können, dann öffnen wir Tür und Tor für Propaganda. Wer die Pressefreiheit einschränkt, der schränkt die Meinungsfreiheit ein, der will keine Demokratie. Das alles dürfen wir nicht zulassen. Deshalb ist unsere Aufgabe als Zeitungsverleger auch so wichtig: Wir leisten einen wichtigen Beitrag zur freiheitlichen Ordnung.

Sind die Herausforderungen größer geworden? Auch an die Journalisten? Müssen diese besser, noch genauer recherchieren – gerade in Zeiten von „Fake News“? Um auch das Vertrauen der Menschen zu gewinnen oder gar wieder zurückzugewinnen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Noch vertrauen die Menschen, zumindest ein Großteil, uns und unseren Medien. Mit diesem Vertrauen müssen wir sorgsam umgehen, Vertrauen ist unsere wichtigste Ressource. Die gründliche Recherche, das ständige Infragestellen, das klare Trennen von Nachricht und Meinung – das sind wichtige Kriterien des täglichen Zeitungsmachens. Wir müssen der Flut der Falschmeldungen im Netz etwas entgegensetzen. Die Herausforderung ist enorm: Unsere Journalisten müssen so schnell sein wie die sozialen Medien, aber die Nachrichten müssen stimmen. Die Menschen, unsere Leser müssen sich auf uns verlassen können. Das ist essenziell für alles, was wir tun.

Ist das schnelle Tempo ein zunehmendes Problem?

Dieses Tempo der sozialen Medien mitzuhalten, ist nicht einfach. Unsere Journalisten, unsere Teams müssen alle Fakten richtig und auch schnell recherchieren. Und dann ausgewogen berichten. Sie müssen immer beide Seiten der Medaillen kennen, sie müssen – wie im Fall Chemnitz – mit allen geredet haben, und das dann auch so aufbereiten. Klar, das führt natürlich auch zu Diskussionen. Wir wollen nicht die Dinge schönreden oder unter den Teppich kehren. Am Ende ist das Wichtigste, dass die Menschen die Wahrheit erfahren. Und Wahrheit braucht ein komplettes Bild. Und, auch das muss mal gesagt werden, die Suche nach Wahrheit kostet Geld.

Sie hatten es schon angesprochen: Die Auflagen der Zeitungen, auch der Berliner Morgenpost, sinken, die Erlöse ebenfalls. Was kann man dagegen tun?

Schwierige Frage. Eine Antwort darauf hätte ich auch gerne. Man muss sich klarmachen, dass wir diesen Trend nicht aufhalten können. Wir müssen deshalb unsere Inhalte auf allen Kanälen anbieten und die Leser davon überzeugen, dass gute Inhalte eben auch Geld kosten. Wir sehen ja auch: Die Leser greifen auf unsere Produkte zu, weil sie den Qualitätsjournalismus wichtig finden. Und weil sie die Marken – also die Berliner Morgenpost, die WAZ oder das Hamburger Abendblatt – schätzen, ja, manche sogar lieben. Das Einzige, was sich verändert hat, ist das Leseverhalten. Die Praktikabilität von Papier ist gesunken, Smartphones und Tablets sind nun einmal praktischer. Die Menschen sind heutzutage auch viel mehr unterwegs, und sie erwarten eine Berichterstattung rund um die Uhr. Und dies überall. All das müssen wir bedienen und deshalb unsere Inhalte auf allen Kanälen ausspielen.

Das heißt konkret?

Die gute Nachricht ist doch: Wenn der Qualitätsjournalismus stimmt, wenn die Marke das erfüllt, was die Leserinnen und Leser erwarten, dann werden sie auch dabeibleiben. Das zeigt die Berliner Morgenpost doch in ganz wunderbarer Weise. 120 Jahre eine Zeitung in Berlin zu haben, beweist, dass die Berliner Morgenpost einen ganz wichtigen Beitrag für die Menschen in der Hauptstadt, ja, für Berlin insgesamt leistet. Die Qualität stimmt! Die Rückgänge in den Auflagen müssen wir kompensieren durch die entsprechenden Digitalangebote. Das ist nicht ganz einfach, aber es wird funktionieren. Wir sehen: Die Menschen verstehen mehr und mehr, dass gute journalistische Inhalte im Netz Geld kosten. Wir müssen unkomplizierte digitale Abo-Angebote machen. Hier liegt meiner Meinung nach die Zukunft.

Was braucht man – mit Blick auf die Berliner Morgenpost? Noch mehr lokale Inhalte? Noch mehr Interaktiv-Projekte? Noch besser ausgebildete Journalisten?

Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Schauen Sie nur das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost an, das unter Leitung von Marie-Louise Timcke, die ja erst 25 Jahre alt ist, eine tolle Arbeit macht. Ich möchte jedem unserer Journalisten gerne mit auf den Weg geben: Probieren Sie Sachen aus! Wagen Sie crossmediale Projekte! Das kann ich versprechen: In unserem Verlag gibt es eine große Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren.

Die jungen Menschen werden keine Zeitung mehr lesen, sie sind heute schon nur noch digital unterwegs. Kann man sie für die Berliner Morgenpost, für die anderen lokal ausgerichteten Zeitungen der Funke Mediengruppe gewinnen?

Die jungen Menschen wissen doch am besten, dass man für Qualität im Netz bezahlen muss. Sie nutzen Netflix oder Spotify. Auch Amazon und Zalando machen seit Jahren vor, wie man Kunden zu einer schnellen Kaufentscheidung bringen kann. Wenn man bei uns, bei den Verlagen, zehn oder mehr Vorgänge braucht, bis man ein digitales Abo abgeschlossen hat, dann verstehe ich, dass die Leser das nicht wollen. Das muss doch mit einem Klick möglich sein. Und genauso muss es mit einem Klick möglich sein, das Abo wieder abzubestellen. Das war bis vor Kurzem irre kompliziert, wir haben erst jetzt die notwendigen technischen Voraussetzungen geschafften, ärgerlich spät.

War es ein Fehler, dass die Verlage so viele Jahre Qualität verschenkt haben, also digital alle Artikel kostenfrei angeboten haben?

Das war ein Riesenfehler, weil es uns jetzt so unendlich schwerfällt, dieses Rad wieder zurückzudrehen. Sicher war es damals, als man sich über die tollen Reichweiten im Internet gefreut hat, nicht absehbar, welche Geister man gerufen hat. Ich wünschte mir sehr, dass die Verlage in dieser Frage eine einheitliche Linie verfolgen – und eben nicht mehr kostenlos Artikel anbieten. Es ist doch für uns alle das große Problem, dass die Werbeerlöse zu Facebook, Google und Co. abgewandert sind. Und es ist ein großes Problem, dass wir nur noch ein kleines Zeitfenster haben, um verpasste Entwicklungen aufzuholen.

Wird es Journalismus einmal nur noch online geben? Die „taz“ hat ja angekündigt, dass sie die Print-Ausgabe einstellen und nur noch online erscheinen wird.

Mein Verlegerherz blutet allein schon bei der Frage. Ich hoffe nicht, und ich glaube es auch nicht. Auf jeden Fall werden wir alles in unsrer Macht Stehende tun, dass es nicht dazu kommt. Bei den Zeitschriften habe ich da keine Sorge, es wird immer Frauenzeitschriften oder Special-Interest-Magazine geben, interessanterweise auch Programmzeitschriften. Und ich bin überzeugt, dass wir in 20, 30 Jahren viele unterschiedliche Kanäle haben werden – eben auch die Print-Kanäle. Wir werden das Medium Zeitung nicht verlieren, weil das geschriebene Wort – so klischeehaft das klingen mag – so bedeutsam ist, auch, ich wiederhole es gerne, für unsere Demokratie.

Wie wichtig ist es für Sie, für die Funke Mediengruppe, in der Hauptstadt zu sein?

Immens wichtig. Auf die Berliner Morgenpost sind wir schon allein deswegen stolz. Die Nähe zur Politik, die ­kulturelle Vielfalt, das bunte gesellschaftliche Leben – all das gibt es so wohl nur in der Metropole Berlin.

In Berlin arbeitet die Zentralredaktion, die die Mantelseiten, die überregionale Berichterstattung für die Berliner Morgenpost und die anderen Funke-Titel macht. In den letzten Wochen gab es eine Diskussion, dass durch diese Zentralredaktionen die Meinungsvielfalt in Deutschland eingeschränkt wird. Ist das so?

Schon als wir die Zentralredaktion vor drei Jahren gegründet haben, wurden wir heftig kritisiert. Einheitsbrei würden wir produzieren, Zeitungen kaputtsparen, hieß es. Und was ist passiert: Eine neue publizistische Stimme ist entstanden, die die Medienlandschaft in Deutschland bereichert. Mit unseren Tagesszeitungen wollen wir uns auf die lokale und regionale Berichterstattung konzentrieren, da geht unsere Kraft hin, darin sehen wir unsere wichtigste Aufgabe. Überregionale Themen werden von der Zentralredaktion in Berlin geliefert – und zwar in bester Qualität. Sie hält den Redaktionen vor Ort den Rücken frei, damit sie sich auf das Lokale und Regionale konzentrieren können. Jörg Quoos und sein Team machen hier eine hervorragende Arbeit – bester Qualitätsjournalismus mit vielen Exklusiv-Nachrichten. Das macht uns sehr stolz.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie der Berliner Morgenpost zum 120. Geburtstag?

Ich wünsche der Berliner Morgenpost immer einen guten Rückenwind. Ich wünsche den Journalistinnen und Journalisten immer ein offenes Ohr für die Themen, die ihnen jeden Tag begegnen. Ich wünsche ihnen auch immer den richtigen Blick auf die Dinge – also nicht verschleiert, nicht verklärt, sondern den klaren Blick, um die relevanten Dinge zu erkennen und zu spüren, was für die Menschen wichtig ist. Die Berliner Morgenpost sollte immer nah an den Leserinnen und Lesern sein – und auch in der Zukunft immer ausgewogen berichten, immer beide Seiten der Medaille darstellen. Das macht die Berliner Morgenpost seit 120 Jahren aus – und das wünsche ich mir auch für ihre Zukunft. Wir sind als Funke Mediengruppe auf die Berliner Morgenpost und ihren Qualitätsjournalismus sehr stolz. Bleiben Sie so lebendig wie Berlin!

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