120 Jahre Morgenpost

Die Welt am Abgrund während der Kuba-Krise

Im Jahr 1962 berichtete die Morgenpost über die Ereignisse, die beinahe einen Atomkrieg ausgelöst hätten. In Berlin blieb man ruhig.

23. Oktober 1962: Die amerikanische Flotte kreuzt vor Kuba

23. Oktober 1962: Die amerikanische Flotte kreuzt vor Kuba

Foto: Getty Images / Gamma-Keystone/Getty Images

Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Die Kuba-Krise.

Im Falle eines weltweiten Atomkriegs wäre es zwar relativ egal, ob man in einem Loft in Prenzlauer Berg lebt oder als Selbstversorger in einer Datsche, es wäre auch gleichgültig, ob man an der Schwarzmeerküste Familienurlaub macht oder in Florida die Rente verdöst. Aber als die Menschheit tatsächlich einmal sehr knapp vor einer nuklearen Katastrophe stand, dürfte es sich besonders unbehaglich angefühlt haben, in Berlin zu wohnen. Hier scheuerten die weltpolitischen Kontinentalplatten sowieso schon aufeinander.

Im Herbst 1962 kommt es, wie die Berliner Morgenpost am Mittwoch, dem 24. Oktober auf ihrer Titelseite schreibt, zur „größten Kraftprobe zwischen Ost und West“, zur bislang gefährlichsten Konfrontation der Großmächte USA und Sowjetunion. Die Eskalationsstufen der Kubakrise gingen so: Im Vorjahr hatten Castro-feindliche Exilkubaner versucht, die Insel zu unterwandern. Daraufhin stationierte der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow auf Kuba Mittelstreckenraketen. Diese hätten Washington und den Panamakanal erreichen können. Amerika fragte mehrmals nach, ob das stimme, die Sowjets dementierten beharrlich. Doch Mitte Oktober gelangen US-Aufklärungsflugzeugen eindeutige Luftaufnahmen.

Eine davon ist am 24. Oktober auf der Titelseite der Morgenpost zu sehen: Vier weiße Pfeile markieren Torpedoboote an Deck des sowjetischen Frachters „Kolchosnik“, der Kurs auf Havanna nimmt. Die Morgenpost schreibt: „In aller Welt wurden die amerikanischen Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das bezieht sich auch auf das mit Atomwaffen ausgerüstete strategische Bomberkommando der US-Luftwaffe und auf die Truppen in Westeuropa und West-Berlin.“

Blitzumfrage der Morgenpost: Berliner bleiben ruhig

Unter der Überschrift „Trotz Warnung: Sowjetkonvoi steuert Kuba an“ beschwor die Morgenpost einen bedrohlichen Countdown: „Nach letzten Meldungen befindet sich ein sowjetischer Konvoi nur noch wenige Stunden von den kubanischen Gewässern entfernt. Die Entscheidung könnte möglicherweise also bereits binnen 48 Stunden fallen.“ Entscheidung? Das Wort „Atomkrieg“ schimmert unausgesprochen zwischen den Zeilen. Wird aus „könnte“ und „möglicherweise“ Gewissheit? Und was würde „die Entscheidung“ für Berlin bedeuten?

Doch dann folgt eine Art Beruhigung an die Berliner: „In seiner Rede hatte Kennedy ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die USA ihren Verpflichtungen in Berlin voll nachkommen würden. Das Verteidigungsministerium in Washington hob hervor, dass die US-Luftwaffe auf alles, auch auf eine Luftbrücke, vorbereitet sei.“ Aber die Berliner und Panik? Bei einer Blitzumfrage der Morgenpost gab zumindest der Rentner Georg K. zu Protokoll: „Dem Russen jehört mal eene uff die Schnauze.“ Ob er keine Angst habe? „Nee, det ham nur die Westdeutschen. Wir Berliner ham uns det Fürchten allmählich abjewöhnt.“

Und auf Kennedy ist Verlass. Seine Berater schlagen mehrheitlich eine Invasion Kubas und Luftangriffe vor. Doch beides lehnt der Präsident ab. Zum einen, weil er nicht sicher ist, ob aus der Luft wirklich alle Raketen zerstört werden könnten – eine einzige intakte hätte ja trotzdem noch genügt, um amerikanische Ziele zu erreichen. Zum anderen wollte Kennedy verhindern, dass die Sowjetunion im Gegenzug West-Berlin besetzt. Kennedy musste Unnachgiebigkeit demonstrieren, gleichzeitig aber die nukleare Katastrophe verhindern. Er setzt eine Seeblockade durch. Wie die Morgenpost schreibt, gilt der Befehl: Sowjetische Schiffe, die nicht abdrehen, dürfen beschossen werden.

Geheimtreffen von US-Präsident Kennedy und sowjetischem Botschafter

Es kommt immer wieder zu Zwischenfällen, die geeignet sind, das Fass zum Überlaufen zu bringen: So wird am 27. Oktober über Kuba ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug abgeschossen, der Pilot kommt ums Leben. Doch Kennedy untersagt einen Gegenangriff ausdrücklich und erklärt sich zu weiteren Verhandlungen bereit. Ein Geheimtreffen zwischen Robert F. Kennedy und dem Sowjetbotschafter Anatoli Dobrynin am selben Tag bringt den Durchbruch: Spät in der Nacht zum 28. Oktober entscheidet Chruschtschow, die Raketen aus Kuba abzuziehen.

Was da im Hintergrund im Einzelnen genau verhandelt wurde, haben Historiker teilweise erst Jahre später herausgefunden. Das Zugeständnis an die Sowjets, die US-Raketen aus der Türkei abzuziehen, hatte John F. Kennedy zum Beispiel vor den meisten seiner Berater geheim gehalten. Und erst 1990 erfuhr die Öffentlichkeit, dass Nikita Chruschtschow Fidel Castro, der vom „großen Bruder“ den nuklearen Erstschlag einforderte, in einem Brief mit den Worten zurückpfiff: „Dies wäre nicht ein einfacher Schlag, sondern der Beginn des nuklearen Krieges. Lieber Genosse Castro, ich halte Ihren Vorschlag für unkorrekt.“

„Die Welt ist von einer Stunde zur anderen anders geworden“

Mit ihrer Überzeugung, dass Machtbalance – wenn schon nicht Frieden – vielleicht doch ein erstrebenswerterer Zustand sei als Krieg, und in Distanz zu vielen ihrer säbelrasselnden Berater und Mitstreiter schaffen es Kennedy und Chruschtschow also, die Kubakrise zu überwinden. Und können gleichzeitig zu Hause ihre Sympathiewerte steigern: Kennedy gilt als Hardliner, der sich nicht hat in die Knie zwingen lassen, und auch Chruschtschow konnte sein Gesicht vor der heimischen Bevölkerung wahren – schließlich hat er ja den so gut wie sicheren US-Luftangriff verhindert.

„Die Welt ist von einer Stunde zur anderen anders geworden“, kommentiert die Morgenpost 1962. Auf jeden Fall hat sich aus heutiger Sicht bestätigt: Die Kubakrise führte zur Entspannungspolitik zwischen den Großmächten, und zu einer wichtigen Neuerung; Kennedy beschloss nämlich, dass das US-Militär nie mehr eigenständig über die Atomwaffen verfügen sollte. Er führte einen nuklearen Freischaltcode ein, den sogenannten Atomkoffer. Jeder US-Präsident muss ihn seitdem ständig bei sich tragen. Es gab also einmal eine Zeit, in der es eine gute Idee war, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika ausschließlich der Präsident die Macht über die zerstörerischste Waffe der Welt besaß.

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