Anzeige
120 Jahre Morgenpost

Tod an der Berliner Mauer: Die Flucht des Peter Fechter

Peter Fechter wurde bei einem Fluchtversuch aus DDR angeschossen. Auf der Ostseite kam keine Hilfe, im Westen war man machtlos.

Auf der Westseite wurden zum Gedenken an Peter Fechter regelmäßig Blumen abgelegt. Ein Schild forderte ein Mahnmal. Heute erinnert eine Stele an der Zimmerstraße an den Toten

Foto: Getty Images / Alinari/Getty Images

Anzeige

Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Schüsse an der Mauer.

Heinrich Albertz war kein Mann martialischer Ankündigungen. Angesichts der Geschehnisse am 17. August 1962 aber, mitten im Zentrum Berlins an der Mauer, mitten am Tag, war bei ihm die Zurückhaltung vorbei. Die Berliner Morgenpost berichtete tags darauf: „Innensenator Albertz sagte vor Pressevertretern, er bedauere es, zu spät gekommen zu sein, sonst wäre er selbst mit einer Fahne des Roten Kreuzes auf die Mauer gestiegen, um dem Verwundeten zu helfen.“

Entsetzen breitete sich aus in Berlin am Nachmittag jenes Freitags. Eigentlich ein schöner Sommertag mit Aussicht aufs Wochenende, doch daran dachte da niemand mehr, der irgendwann Radio gehört hatte. Ein knappes Jahr nach dem Bau der Mauer wurde den Menschen in der Stadt endgültig klar, zu welcher Grausamkeit das Grenzregime in Ost-Berlin bereit war, um Menschen vor der Flucht nach West-Berlin abzuschrecken. Der Verwundete, von dem Albertz sprach, war Peter Fechter. Grenzsoldaten hatten ihn angeschossen und ließen ihn im Todesstreifen liegen, um Hilfe flehend, bis er verblutet war, eine knappe Stunde lang, vor den Augen vieler Dutzend entsetzter Menschen auf beiden Seiten der Mauer.

Zwölf Menschen fielen Mauer bereits zum Opfer

Peter Fechter war nicht der erste Tote an der Berliner Mauer. Schon vor den Schüssen auf ihn waren zwölf Menschen – Flüchtlinge und Fluchthelfer – von Gewehrkugeln getötet worden, meist irgendwo am Rand der Stadt, im Grünen, in Kanälen, auf Eisenbahngleisen, nachts, ohne Zuschauer. Auch einige Grenzsoldaten selbst waren bereits umgekommen. Doch das, was sich nun an der Grenze in der Zimmerstraße, zwischen Charlotten- und Markgrafenstraße abspielte, ließ Peter Fechter schon bald zum bekanntesten aller Opfer der Mauer werden, bis heute. „Helft mir doch, helft mir doch“, seine Rufe, die im Laufe der 50 Minuten immer leiser wurden, bevor sie ganz verstummten, klangen noch wochenlang in den Ohren nach, im Geiste auch bei denen, die darüber nur gelesen hatten, etwa der Morgenpost:

„Eine halbe Stunde lang gellten seine Hilfeschreie über die Mauer. In ohnmächtiger Erbitterung standen dort die Westberliner, die Zeuge des Verbrechens geworden waren. Auf östlicher Seite kümmerte sich zunächst niemand um den aus mehreren Wunden blutenden jungen Mann. Verbandszeug, das ihm über die Mauer vom Westen aus zugeworfen worden war, half ihm nichts mehr. Er war schon zu schwach, um sich noch selbst versorgen zu können.“

Peter Fechter war nicht allein in Richtung Mauer gestartet. Gemeinsam mit einem Freund war er durch ein Haus in der parallel laufenden Schützenstraße auf den bewachten Todesstreifen gelangt, der auf der Zimmerstraße verlief. Sie hatten angenommen, an der Stelle zumindest für einige entscheidende Sekunden außerhalb des Blickwinkels der Grenzer zur Mauer vordringen zu können. Dem Begleiter gelang dies auch, und als dann die ersten Schüsse fielen, konnte er in den Westen springen. Fechter selbst schien dagegen in dem Moment so geschockt gewesen zu sein, dass er sich sogar umdrehte – sein Verhängnis.

Befehl für US-Soldaten: Nicht eingreifen

Sowohl im Osten wie auch im Westen konnte man die Schüsse hören, die etwa zehn Sekunden andauerten, auch in der unmittelbar daneben liegenden Druckerei des Axel-Springer-Verlags. Dorthin brachte sich Fechters Freund in Sicherheit und erzählte, was geschehen war. Der Betriebsarzt rannte zur Mauer und warf einen Verbandskasten hinüber. Genauso wie Polizisten, die am Checkpoint Charlie Dienst hatten, doch Fechter konnte da schon nichts mehr damit anfangen.

Polizisten hangelten sich an der – zu der Zeit noch längst nicht so hohen – Mauer hinauf, hielten sich oben an den Metallpfosten des Stacheldrahts fest, fotografierten mit den Kameras, die ihnen herbeigeeilte Fotografen hinaufreichten, den sterbenden Flüchtling. Weitere Polizisten beobachteten die Situation von einem Holzgerüst, wie sie damals entlang der Innenstadtstrecken der Mauer auf ihrer Westseite errichtet wurden.

Auch im Osten regte sich einiges, außerhalb des Blickfeldes der Grenzsoldaten, in den Fenstern, die über den Todesstreifen blickten. Frühzeitig signalisierte dort zum Beispiel eine ältere Frau mit ihrer Hand den anrückenden Menschen aus dem Westen, die helfen wollten, wo der Angeschossene lag. Ein paar Fenster weiter nahm ein zufällig anwesender Fotograf heimlich die Szene auf.

Sie alle waren zur Untätigkeit verdammt. Schon kurz nach den Schüssen waren Augenzeugen zu den am Checkpoint Charlie stationierten US-Soldaten geeilt, die im Rahmen des Viermächtestatus theoretisch Zugang zu ganz Berlin gehabt hätten, Ost wie West. Doch die hatten bereits den Befehl erhalten: Nicht eingreifen. Passanten, die sie dennoch zur Hilfe drängten, mussten sich deutlich abweisen lassen. Die Amerikaner beschränkten sich darauf, aus einem Hubschrauber alles von oben zu beobachten.

Warum griffen die DDR-Grenzsoldaten nicht ein?

Und warum griffen die Grenzsoldaten der DDR nicht ein, warum holten sie Fechter nicht und fuhren ihn ins Krankenhaus? Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff, die 2012, zum 50. Jahrestag der Schüsse, für ihr Buch „Mord an der Mauer. Der Fall Peter Fechter“ die dramatischen Szenen, ihre Vor- und Nachgeschichte detailreich recherchiert hatten, gingen auch dieser Frage nach.

Laut der Protokolle erstatteten die Grenzer nach ihren Schüssen umgehend telefonisch Meldung an ihren Vorgesetzten in Rummelsburg. Der befahl auch, den Verletzten sofort zu bergen. Doch der Zugführer an der Grenze verweigerte dies, mit der Begründung, er habe von seinem Beobachtungsstand auf der Westseite bewaffnete Polizisten gesehen, die ihm zugerufen hätten, sie würden sofort schießen, sollten sie den Verletzten bergen wollen. Ob er das wirklich fürchtete oder sich einfach nicht offen zeigen wollte – an seiner Behauptung war nichts dran.

Spätere Rekonstruktionen ergaben, dass im Gegenteil alle Anwesenden, auch die Polizisten, die Grenzer immer wieder aufforderten, dem Flüchtling zu helfen. Doch die Märchen der Ost-Presse von aggressiven Ordnungshütern im Westen hatten offenbar so weit verfangen, dass der Hauptmann in Rummelsburg seinem Mann vor Ort glaubte.

Er eilte zum Tatort, und erst nach seiner Ankunft wurde Peter Fechter geborgen, 50 Minuten nach den Schüssen. Nicht ohne vorher noch Nebelgranaten zu werfen, um die Sicht aus dem Westen zu behindern. Fechter war nicht mehr zu retten. Das Foto, das bei der Bergung einen Grenzer zeigt, der mit angsterfülltem Gesicht Richtung West-Berlin schaut, konnten die Nebelgranaten nicht verhindern. Zwei von ihnen werden 1997 wegen Totschlags zu Bewährungsstrafen von 20 beziehungsweise 21 Monaten verurteilt.