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120 Jahre Morgenpost

Der Bau der Berliner Mauer: Ein Schnitt durch die Stadt

Der 13. August 1961 ging als Tag des Mauerbaus in die Geschichte ein. Die Morgenpost hielt ihre Leser auf dem neuesten Stand.

Wenige Tage nachdem am 13. August 1961 die Grenzen mit Stacheldraht abgesichert worden waren, begann der Bau der Mauer

Foto: Getty Images / Gamma-Keystone/Getty Images

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Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Der Bau der Berliner Mauer.

Schon am ersten Tag, dem 13. August 1961, spielten sich an den hermetisch abgesicherten Grenzen dramatische Szenen ab: „Am Bahndamm hinter der Kopenhagener Straße in Reinickendorf wird um 16 Uhr eine männliche Person beobachtet, die nach einem Disput mit der ‚Volkspolizei‘ einem der Vopos den Karabiner entreißt. Der Mann flüchtet in Richtung West-Berlin. Er wird von drei Vopos verfolgt. Auf West-Berliner Gebiet erhält er einen Stich ins Kniegelenk. Der Verwundete schleppt sich in eine Laube und wird von der Feuerwehr ins Humboldt-Krankenhaus gebracht. +++ Bernauer Straße, 16.00 Uhr: Ein Ost-Berliner Personenauto durchbricht die Stacheldrahtsperre und erreicht West-Berliner Gebiet. +++ Kreuzberg, Bethaniendamm, 15.30: Ein ‚Volkspolizist‘, der einen angeblich betrunkenen Ost-Berliner bis in den Westsektor hinein verfolgt, wird von etwa 300 Jugendlichen angegriffen und schwer zusammengeschlagen. Mehrere Vopos eilen ihrem Kameraden mit gezogenen Bajonetts zu Hilfe. Die Jugendlichen lassen von ihrem Opfer ab, nahmen jedoch dessen Mütze mit.“

Sie kam an einem Sonntag und ohne Ankündigung, die größte Zäsur in der Berliner Nachkriegsgeschichte. Die Berliner Morgenpost hielt ihre Leser dennoch zügig auf dem Laufenden. Um halb drei Uhr früh hatten Baubrigaden unter strengster Bewachung durch Ost-Militärs begonnen, die Grenzen rund um West-Berlin zu versperren. Am Morgen desselben Tages schon wurden zwischen Frohnau, Staaken und Rudow die „Morgenpost“-Extrablätter dazu verteilt. Am Abend dann lag bei den Straßenverkäufern und an den Kiosken eine vierseitige Sonderausgabe mit den wichtigsten Neuigkeiten aus, auch die oben angeführten Vorkommnisse. Für 15 Pfennige, genauso viel wie die reguläre Ausgabe kostete, die an jenem Tag auch noch erschienen war, die aber kaum an Beachtung fand, weil das dramatische Geschehen erst nach Redaktionsschluss seinen Lauf nahm.

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Von allen möglichen Baumaßnahmen ist in den Sonderausgaben die Rede, von Stacheldraht, Spanischen Reitern, Betonpfosten, Zäunen und aufgerissenen Straßen, nur von einem nicht: Von einer „Mauer“. Der 13. August 1961 ging zwar in die Geschichte ein als der Tag des Mauerbaus, doch die Bauarbeiter mit Mörtel und Kelle rückten erst später an.

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Dabei stand der Begriff längst im politischen Raum, spätestens seit Walter Ulbricht zwei Monate zuvor bei einer Pressekonferenz seinen berühmten Satz von sich gab: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Er war der erste, der das Wort in den Mund nahm, es hatte ihn so keiner danach gefragt. Man kann also sagen: Ulbricht hat an jenem 15. Juni 1961 nicht nur gelogen. Er hat sich in seiner Lüge auch noch verplappert. Am entscheidenden Tag selbst sprach jedenfalls niemand von einer „Mauer“. Erst ein paar Tage später, als die Betonziegel aufgeschichtet waren, erinnerte man sich wieder an die Worte des „Spitzbarts“.

Der heutige, rückblickende Leser der Morgenpost-Sonderausgabe, der mit den Besonderheiten von S- und U-Bahn zu Zeiten der geteilten Stadt vertraut ist, staunt, wie schnell noch an jenem Tag die später andauernde Situation eingerichtet wurde. Die U-Bahnlinien 6 und 8 verkehrten auch am 13. August und danach zwischen Moritzplatz und Voltastraße bzw. Kochstraße und Reinickendorfer Straße. Sie hielten aber nicht mehr unter dem Ostsektor. Die Zugänge zu jenen abgedunkelten „Geisterbahnhöfen“ waren versperrt. Einzige Ausnahme: der Bahnhof Friedrichstraße, von dem aus die S-Bahn weiterhin in Richtung Ost und West fuhr, nur nicht mehr durchgehend, und mit strenger Kontrolle zwischen den unterschiedlichen Bahnsteigen.

Der Bahnhof Friedrichstraße war auch einer der Grenzübergangsstellen, durch die an jenem Tag auch die West-Berliner noch in den Ost-Sektor gelangen konnten, was wenig später nur noch den Westdeutschen Bundesbürgern vorbehalten war. Dafür richteten die Ost-Behörden am 13. August noch einige Übergänge ein, die sie wenig später schlossen. In der Wollankstraße, der Puschkinallee und sogar am Brandenburger Tor.

Willy Brandts Reaktion auf den Mauerbau

Vom Brandenburger Tor – mit Vopos – ist auch ein Bild in der Sonderausgabe zu sehen, aufgenommen am frühen Nachmittag, im Vordergrund Willy Brandt. Der Regierende Bürgermeister wollte zu der Zeit eigentlich längst an der Ostsee weilen. Doch seine Fahrt im Schlafwagen von Nürnberg, wo er am Abend des 12. August auf einer Wahlkundgebung gesprochen hatte, nach Kiel endete für ihn um 4.30 Uhr in Hannover. Bahnbedienstete hatten ihn dort nach einem Anruf aus dem Zug geholt. Mit der ersten Frühmaschine der PanAm flog er anschließend nach Berlin, in seine angehende Mauerstadt.

Die ersten Reaktionen Brandts, die schon am Sonntag in der Zeitung zu lesen waren, klangen noch vergleichsweise heftig. Er verglich die Absperrungen mit denen von „Konzentrationslagern“ und wurde „mit erhobener Stimme“ sprechend zitiert: „Ich habe den drei alliierten Kommandanten sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass wir von unseren westlichen Freunden energische Schritte als Antwort auf die Provokation erwarten, die ihre Wirkung nicht verfehlen.“

Doch die Meldung gleich daneben über die Stellungnahme der Westalliierten klang bei Licht betrachtet bereits desillusionierend. Deren Sprecher erklärte, man habe alle Vorkehrungen getroffen für die Sicherheit Berlins und zum Schutz des Flugverkehrs. Da schien die Haltung durch, die die allermeisten Berliner, in Ost wie West, nur wenige Tage später so sehr enttäuschen sollte: Die Alliierten wollten den Status quo des Westteils der Stadt – und auch Deutschlands – absichern. Auch mit der Mauer. Mehr nicht. Am 16. August schon titelte die Bild-Zeitung groß: „Der Osten handelt. Was tut der Westen? Der Westen tut NICHTS“.

Die geteilte Stadt

Man kann lange darüber diskutieren, ob und was der Westen hätte tun können. Dass allerdings selbst Bundeskanzler Adenauer erst neun Tage später, noch nach dem US-Vizepräsidenten Johnson, in die Stadt kam und so das Nichtstun auch noch symbolisch untermauerte, sorgte in der geteilten Stadt für gehörigen Zorn.

Unterdessen gefiel sich der Osten in seinen Propagandatönen: Natürlich, so hieß es im „Radio DDR“ auch am Sonntag, sei die Abriegelung gegen die Wühltätigkeit westlicher Agenten gerichtet, der „Antifaschistische Schutzwall“ ließ da schon grüßen. Doch räumte man – wenn auch verklausuliert – im Gegensatz zu später immerhin ein, dass es darum ging, die Abwanderung zu stoppen. Für Karl Eduard Schnitzler war die „Falltür West-Berlin jetzt dicht gemacht“, und die SED freute sich, dass der „systematischen Abwerbung von Bürgern der DDR“ nun ein Ende bereitet sei.

Abgewandert wurde weiterhin, auch nach dem Mauerbau, wenn auch vermindert. Zwischen 1949 und 1961 waren 2,7 Millionen Menschen in den Westen gegangen, zwischen 1962 und 1988 immerhin noch 625.000, die meisten davon allerdings mit Ausreisepapieren.