120 Jahre Morgenpost

Die Morgenpost begrüßte den millionsten DDR-Flüchtling

1956 brodelte es im Osten. Die Morgenpost berichtete über Aufstände gegen die sowjetische Besetzung in Ungarn, Polen und Prag.

Budapest, 24. Oktober 1956: Menschen versammeln sich um eine gestürzte Statue Stalins, die später mit Schweißbrennern zersägt wurde

Budapest, 24. Oktober 1956: Menschen versammeln sich um eine gestürzte Statue Stalins, die später mit Schweißbrennern zersägt wurde

Foto: dpa Picture-Alliance / Arpad Hazafi / picture alliance/AP Photo

Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Das Jahr 1956.

1956 war ein Jahr voller Dramatik, in dem Axel Springer begann, sich am Ullstein-Verlag zu beteiligen, zu dem auch die Berliner Morgenpost gehörte. Vordergründig ein gutes Geschäft: Das Blatt hatte sich seit seinem Wiedererscheinen 1952 mit einer Auflage von 200.000 an die Spitze der West-Berliner Tageszeitungen gesetzt, Tendenz weiter steigend. Bei der „B.Z.“ (seit 1953) sah es ähnlich aus. Springer erwarb in jenem Jahr 25 Prozent des Verlages. Doch es war gehöriger Mut nötig für diese Investition in der Stadt, die umgeben war vom sozialistischen Teil Deutschlands, jenseits davon auch noch von einem Block ebensolcher Staaten, allesamt unter der Vorherrschaft Moskaus.

Zeitlich befand man sich zwischen der Berlin-Blockade 1948/1949 mit der dazugehörigen Luftbrücke und dem Berlin-Ultimatum, mit dem der sowjetische Parteichef Chruschtschow 1958 West-Berlin politisch und wirtschaftlich von der 120 Kilometer entfernten Bundesrepublik lösen – und mittelfristig in seinen Machtbereich einverleiben wollte. Für Springer war die Beteiligung jedoch nicht nur ein wirtschaftliches Engagement, sondern auch eine Investition in die Hauptstadt eines künftig wiedervereinigten Deutschlands, als die der Verleger Berlin unbeirrt ansah. Im kommunistischen Umland brodelte es derweil, nah und fern.

Am 20. September 1956 meldete die Morgenpost, dass der millionste Flüchtling aus der DDR seit deren Gründung nach West-Berlin gekommen sei. 32.000 von ihnen waren in der Stadt geblieben, der Rest in die Bundesrepublik ausgeflogen, wohin obendrein noch einmal 720.000 Ostflüchtlinge direkt übergelaufen seien (obwohl die „Zonengrenze“ zu der Zeit bereits gut bewacht war). Besonders viele Facharbeiter, Ärzte, Juristen, kaufmännische Führungskräfte und Menschen mit ähnlicher Ausbildung waren darunter, sodass die Abwanderung in der DDR große Lücken riss und deshalb dort seit 1954 mit Gefängnis geahndet wurde, auch schon der Versuch.

Unmut über sowjetische Besetzung in Ungarn, Polen und Prag

Dabei waren die Probleme für die Machthaber in Ost-Berlin fast noch harmlos im Vergleich zu denen in den „Bruderstaaten“, wie sich nur einen Monat später zeigte. Das außerplanmäßige, ausführliche Läuten der Freiheitsglocke, über das die Morgenpost am 25. Oktober auf ihrer Titelseite in einer eher kleinen Notiz berichtete, war eigentlich nur zur Feier ihres sechsjährigen Bestehens gedacht gewesen. Seit 1950 hängt sie im Turm des Schöneberger Rathauses, als Ergebnis einer breiten Spendensammlung in den USA, die der „Vater der Luftbrücke“ in den USA 1949 initiiert hatte. Zur Mahnung für die Freiheit in Zeiten der Unterdrückung im kommunistischen Osteuropa. Doch das Umfeld auf der Titelseite jenes Tages, mit all den anderen Beiträgen, konnte für die Nachricht vom Läuten der Freiheitsglocke nicht von größerer, aktuellerer Symbolträchtigkeit sein: Der Ostblock war in jenem Herbst ein Scherbenhaufen, die Willkür der Herrschenden von Moskaus Gnaden erreichte eine neue Stufe.

„Ungarn kämpft um seine Freiheit“ lautete die Schlagzeile über dem Aufmacherartikel, in dem von einem Bürgerkrieg in Budapests Straßen die Rede war. „Auch Düsenflugzeuge und Panzer griffen in die schweren Kämpfe ein. Die Aufständischen, unter ihnen Studenten, Arbeiter und Soldaten, befolgten nur teilweise ein Ultimatum, die Waffen bis 18 Uhr niederzulegen. Die Zahl der Toten in der schwer beschädigten und teilweise brennenden Hauptstadt geht in die Hunderte.“ Daneben ein Beitrag über Polen, wo der Unmut über die sowjetischen Truppen im Land in Form von Demonstrationen und Kundgebungen immer manifester wurde. Auch in Prag, so konnte man in einem dritten Artikel lesen, war die Situation aufgrund der militärischen Präsenz der Sowjets angespannt. Die Lage hatte sich am Vortag entscheidend zugespitzt.´

Mit Abstand am dramatischsten waren die Vorgänge in Ungarn, wenn auch der Auslöser dafür die antisowjetischen Proteste in Polen waren. Diese hatten am 23. Oktober in der ungarischen Hauptstadt Budapest zu Solidaritätskundgebungen geführt, mit Zehntausenden Teilnehmern. Als Ungarns Parteichef dann am Abend des Tages im Radio eine Rede verlas, in der er keine Hoffnung auf Lockerung seiner kommunistischen Herrschaft aufkommen ließ, da stürmten die Massen das Funkhaus. „Die Polizei wehrte sich zunächst mit Tränengas, dann jedoch mit der Waffe. Es gab die ersten Toten.“

Stalins Denkmal in Budapest wurde "niedergerissen und mit Schweißbrennern zerlegt"

Am nächsten Tag, dem 24. Oktober, stand Budapest bereits in Flammen. Dass am frühen Morgen der erst ein Jahr zuvor als Ministerpräsident gestürzte Stalingegner Imre Nagy wieder eingesetzt worden war, konnte wenig zur Beruhigung beitragen. Wenig später schon wurde das monströse Denkmal Stalins „niedergerissen und mit Schweißbrennern zerlegt“. Drei Jahre nach dem Tod des Diktators hatte es noch vom Rande eines Stadtparks über die Donaumetropole geblickt.

Die Berichterstattung war für die westliche Presse eine Herausforderung. „Seit dem Abend der Solidaritätsdemonstration für Polen „ist Ungarn vom Ausland abgeschnitten“, berichtete die Morgenpost, „der Telefonverkehr ist unterbrochen. Der Eisenbahnverkehr nach Österreich und Jugoslawien wurde eingestellt. Einreisevisa werden nicht mehr ausgestellt, Autoreisende auf dem Weg nach Budapest wieder zurückgeschickt.“ Immerhin: „Aus den Sendungen von Radio Budapest und den Berichten einiger Reisender, die gestern an der österreichischen Grenze eintrafen, ergibt sich jedoch ein klares Bild der dramatischen Ereignisse.“

Am 25. Oktober hieß es im Budapester Rundfunk noch, die Unruhen seien das Werk von Konterrevolutionären, von „Plünderern“ war die Rede, das Standrecht wurde verkündet, die Regierung habe bei den sowjetischen Truppen um Hilfe gebeten. Wenige Tage später aber ging der neue Ministerpräsident Imre Nagy auf die Aufständischen zu. Neben der kommunistischen wurden auch andere Parteien zugelassen und durften sogleich Ministerposten besetzen. Die Regierung erklärte den Austritt aus dem Warschauer Pakt sowie die Neutralität Ungarns und forderte die Sowjetarmee auf, das Land zu verlassen.

Doch Moskaus Panzer und Truppen waren es dann, die bereits Anfang November, nur eine Woche nach Beginn des Aufstands, den Traum beendeten. Nagy wurde festgenommen und János Kádár als Ministerpräsident und Parteichef eingesetzt (was er bis 1988 blieb). Die absolute Herrschaft der kommunistischen Partei wurde wieder eingerichtet, Nagy und Hunderte Aufständische zum Tode verurteilt und hingerichtet. Immerhin: Nur ein Jahr nach Kádárs Sturz fiel die Berliner Mauer. Und dann wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt.

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