120 Jahre Morgenpost

Ein Zoo für den Sozialismus

Am 2. Juli 1955 eröffneten der Ost-Berliner Oberbürgermeister und DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck den Tierpark. Ein Rückblick.

Besucher im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde anläßlich der Eröffnung

Besucher im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde anläßlich der Eröffnung

Foto: akg-images / Sammlung Berliner V

Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Die Eröffnung des Tierparks.

Ein wenig klang die Nachricht aus der Berliner Morgenpost vom 2. Juli 1955 nach George Orwells „Farm der Tiere“, die bekanntlich von ihren Bewohnern selbst verwaltet wurde: In Friedrichsfelde, so hieß es an jenem Sommertag auf der Titelseite des Blattes, werde ein „volksdemokratischer Zoo“ eröffnet. Der alte, traditionsreiche Zoo in Charlottenburg sollte also ein Gegenstück, den Tierpark in Ost-Berlin erhalten. Die Zeitung wusste auch von sinnigen Geschenken zur Eröffnung zu berichten: „Der VEB Kältetechnik stiftete Eisbären, das Ministerium für Schwerindustrie die Dickhäuter.“ Auch die Stadt Strausberg war dabei – mit zwei Straußenvögeln. Was nicht in der Morgenpost stand: Die Staatssicherheit, auch „VEB Horch und Guck“ genannt, schenkte dem Tierpark damals ein Paar Brillenbären, ohne Kommentar. Irgendeiner musste bei der Stasi eine selbstironische Ader gehabt haben.

Umsonst bekam die Bevölkerung ihre neue Attraktion nicht. 100.000 Arbeitsstunden mussten die Ost-Berliner von ihrer Freizeit opfern, in den Schulen wurden 125.000 Mark gesammelt, die übrigen Kosten von fünf Millionen Mark übernahm der Magistrat, „der Stadtsowjet“, wie die Morgenpost ihn nannte. Jürgen Mladek, Biograf des Gründungs-Zoodirektors Heinrich Dathe, schreibt: „Was den Magistrat überhaupt dazu bewogen hatte, so eine Anstrengung zu unternehmen, ist bis heute noch nicht genau geklärt.“ Schließlich hätten sämtliche Baubrigaden alle Hände voll zu tun gehabt mit der Trümmerbeseitigung und dem dringenden Wohnungsbau. Und der attraktive, weltbekannte Zoo an der Gedächtniskirche im Westen war noch für alle zugänglich.

Doch genau der Zoo am Bahnhof Zoo könnte letztlich ein Motiv gewesen sein. Der „Stadtsowjet“ wollte die eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit befreien, zu „Knautschke“, „Bulette“ und all den anderen berühmten Vierbeinern in die „Selbständige politische Einheit Westberlin“ zu fahren. Wo ihnen dann bei dem zum Eintritt nötigen Schwarz-Umtausch auch noch die Augen geöffnet wurden, wie wertlos die sozialistische „Aluchip“-Währung gegenüber der harten D-Mark war. Womöglich rechnete man sich auch aus, den „kleinen“ West-Zoo mit seinen 35 Hektar durch die fast fünf Mal so große Fläche in Friedrichsfelde einfach übertrumpfen zu können.

Tierpark sollte Lebensgefühl in der DDR verbessern

Der Beschluss zum Aufbau des Tierparks war zwei Jahre vorher getroffen worden, und deshalb sollten auch die Sowjets dabei eine Rolle gespielt haben. Sie waren es schließlich, die nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 Ulbricht dazu anhielten, etwas für das materielle Wohlergehen der DDR-Bevölkerung zu unternehmen, deren Lebensgefühl zu verbessern. Mit dem Tierpark gelang dies tatsächlich in gewissem Maße, erst recht, als nach dem Mauerbau der West-Zoo unerreichbar war.

Die Ost-Berliner nahmen die Anlage an, sie wurde populär wie auch die wöchentliche Sendung „Im Tierpark belauscht“, die im DDR-Fernsehen jahrelang die höchsten Einschaltquoten erreichte. Die Politprominenz wollte sich dranhängen und ließ sich mit kleinen Tigerbabys auf dem Schoß filmen. Direktor Dathe widerstand dennoch allen Versuchen, ihn in die SED hineinzulocken. Biograf Mladek berichtet von lautstarken Telefongesprächen, bei denen Dathe daran arbeitete, die Stasi aus seiner Anlage fernzuhalten – Erfolg ungewiss. So oder so war er einer der populärsten Ost-Berliner Prominenten, war auch hoch angesehen in der internationalen Zoologen-Szene. All das hinderte den neuen Magistrat kurz nach der Wiedervereinigung nicht, den mittlerweile 80-Jährigen mit sofortiger Wirkung vor die Tür zu setzen – nicht nur die seines Büros, sondern auch diejenige seiner Dienstwohnung auf dem Gelände. Den überaus taktlosen Kündigungsbrief überlebte der Rausgeschmissene gerade mal um einen Monat. Er, der allerdings seit Längerem auch krebskrank war, starb „an gebrochenem Herzen“, zitiert Jürgen Mladek „die, die ihn kannten“.

Eröffnung der Staatsoper Unter den Linden

Das Jahr 1955 brachte den Berlinern an großen kulturellen Einrichtungen nicht nur den Tierpark draußen in Friedrichsfelde. Mitten in der Stadt wurde zwei Monate später, am 4. September, die Staatsoper Unter den Linden wiedereröffnet, quasi als bildungsbürgerliche Ergänzung zum populären Tiergarten. Die feierliche Eröffnungsrede hielt Johannes R. Becher, Kultusminister und Nationalhymnen-Komponist der DDR. Die Berliner Morgenpost ließ es sich nicht nehmen, mit ihrem Kommentar zum Tage gleich mal Wasser in den Premieren-Sekt zu gießen: „Wir freuen uns“, hieß es da, „und ein wiedererstandenes Stück Alt-Berlin erfreut uns ganz besonders“.

Doch dann erinnerte der Autor daran, dass der vorgesehene neue Generalmusikdirektor im Frühjahr kurzfristig abgesagt hatte, weil am Porticus die Inschrift über den Initiator der barocken Oper, Friedrich der Große, entfernt worden war: „Fridericus Rex Apollini et Musis“ (König Friedrich dem Apoll und den Musen). Offenbar hatte die DDR-Spitze 1955 noch nicht ihre später bis hin zum Stechschritt gepflegte preußische Tradition entdeckt. „Die leuchtende Kulturfassade soll die Schatten einer würgenden Wirklichkeit verbergen“, schrieb die Morgenpost und zog Vergleiche zur letzten Wiedereröffnung, nach der ersten Bombennacht 1942, als ebenfalls – wie 1955 – die „Meistersinger“ gespielt wurden. Nur dass damals Hermann Göring und dieses Mal Wilhelm Pieck das Lob vom Aufbauwerk verkündete.

Besonders tief unter das Gebäude dürfte man weder 1942 noch 1955 geschaut haben, sonst wäre man womöglich schon damals alarmiert gewesen durch den flüchtigen Untergrund mit seinen maroden Pfählen im Fundament, die jetzt in unseren Tagen vor der erneuten Wiedereröffnung (mit dem wieder angebrachten Schriftzug „Fridericus …“) die Bauarbeiten so langwierig und teuer gestalteten. Doch auch bei den überirdischen Bauabschnitten hatte man so seine Probleme, wie die Morgenpost damals etwas süffisant erwähnte: So sei aus den Parkettfugen im Erfrischungsraum Teer herausgequollen, der sich dann an den Schuhsohlen festgesetzt und so den hellen Boden verunstaltet habe. „Hoffentlich kann ein VEB-Fleckenwasser den Schaden beheben. Oder sollte es auf einen Schandfleck mehr oder weniger nicht ankommen?“

Eine West-Berliner Stimme 1955 voller Häme gegen Schlamperei in Ost-Berlin, kleine Scharmützel im Kalten Krieg. Doch wie wir heute sehen, sind auch ohne Mauer die Anlässe für gepflegte Häme in den Zeitungen nicht ausgegangen.

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