120 Jahre Morgenpost

So berichtete die Morgenpost, als wir Weltmeister wurden

Die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern konnte Deutschland für sich entscheiden. Das berichtete die Berliner Morgenpost damals.

Jubelnd präsentieren sich die frischgebackenen deutschen Fußball-Weltmeisterspieler am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion den Zuschauern (v.l.): Ottmar Walter (15), Jupp Posipal (7), Toni Turek (1), Karl Mai (8), Werner Liebrich (10), Helmut Rahn (12) und Fritz Walter (16)

Jubelnd präsentieren sich die frischgebackenen deutschen Fußball-Weltmeisterspieler am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion den Zuschauern (v.l.): Ottmar Walter (15), Jupp Posipal (7), Toni Turek (1), Karl Mai (8), Werner Liebrich (10), Helmut Rahn (12) und Fritz Walter (16)

Foto: dpa Picture-Alliance / A000ß_dpa_inp / picture-alliance / dpa/dpaweb

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Das Wunder von Bern.

Wer hat es eigentlich gesagt, damals im Juli 1954? Hat es überhaupt jemand gesagt? Bei Licht betrachtet, wurde es wohl erst Jahrzehnte später als damaliges Gemeinschaftsgefühl in die deutschen Nachkriegsköpfe hineininterpretiert, als Zeichen des Nationalstolzes nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft am 04.06.1954: „Wir sind wieder wer“, das sei damals das allgemeine Gefühl gewesen, heißt es. Eine nette, vielleicht auch etwas nachdenklich stimmende Erinnerung gerade dieser Tage. Doch so oder so: Wenn das damals gestimmt hat, dann müsste jetzt, nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Russland, im Umkehrschluss gelten: „Wir sind wieder ein Niemand.“ Ein Nichts. Sportlich könnte man tatsächlich fast den Eindruck gewinnen –und angesichts der Stimmung im Lande.

Das war damals anders, wie fast alles. Denn so hoch die Erwartungen in diesem Jahr an „Die Mannschaft“ waren, so tief waren sie damals im Vorfeld angesetzt gewesen, hatte die Deutschen 1954 doch niemand als Favorit gesehen bei ihrer ersten WM-Teilnahme, im Anschluss an ihre Zwangspause nach dem Krieg. Schon gar nicht im Finale gegen die Topstars aus Ungarn um Ferenc Puskás. Umso freigiebiger zeigte sich nach dem Sieg die deutsche Wirtschaft, wie die Berliner Morgenpost am 6. Juli berichten konnte. Eine Situation, von der heute der Bundestrainer und seine Spieler, nur träumen könnten: „Eine Bamberger Maschinenfabrik stiftete der Nationalelf und dem Bundestrainer Sepp Herberger je einen 100-Liter-Kühlschrank. Die deutsche Fernsehindustrie spendete den siegreichen Spielern je ein Fernsehgerät. Der Milchverband von Weser-Ems in Oldenburg stiftete für jeden Spieler und Ersatzmann täglich einen halben Liter Milch für ein halbes Jahr.“

Der Bundespräsident verleiht das "Silberne Lorbeerblatt"

Auch die Heimfahrt der Sieger nach ihrem „Wunder von Bern“ war ein Triumphzug. Die Bundesbahn hatte einen Dieselsonderwagen in die Schweizer Hauptstadt geschickt, von wo aus es am Tag nach dem Finale erstmal nach Lindau ging, ihrem ersten Übernachtungs-Stopp. Nicht nur deutsche Schlachtenbummler säumten dabei ihren Weg. „Schon Stunden vor dem angekündigten Eintreffen des mit den Farben Schwarz-Rot-Gold dekorierten Sonderwagens zogen die Massen an die Bahnhöfe. Auf den Feldern ließen die Bauern ihre Arbeit ruhen, und am Schienenweg versammelten sich hier Hunderte, dort Tausende Menschen, die begeistert winkten, in die Hände klatschten und immer wieder die Namen der Nationalspieler riefen.“ Weiter ging es am nächsten Tag nach München, wo die Geschäfte schon am Nachmittag schließen und die Kinder schulfrei haben sollten. Am 17. Juli, dem Tag, an dem sich Bundespräsident Theodor Heuss in Berlin zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten wählen ließ, war am selben Tag anschließend seine erste Amtshandlung, den Spielern im vollen Olympiastadion das „Silberne Lorbeerblatt“ zu überreichen.

Auch das berichtete die Morgenpost am 6. Juli: „Ein 24-jähriger Unteroffizier der ‚Volkspolizei‘ aus Dermbach in Thüringen flüchtete gestern bei Hersfeld über die Zonengrenze und bat um politisches Asyl. Nach seiner Behauptung hatte er mit drei Kameraden auf einem westdeutschen Sender das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft abgehört und bei der anschließenden Siegerehrung das ‚Deutschlandlied‘ mitgesummt. In diesem Augenblick seien sie von einem Vopo-Leutnant überrascht und festgenommen worden. Ihm als einzigem sei noch vor der Vernehmung in voller Uniform die Flucht gelungen.“

Ja, das „Deutschlandlied“ ... Rudi Michel, damals vor Ort als Reporterkollege von Herbert Zimmermann („Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen.“ – „Rahn schießt!“ – „Tor! Tor! Tor!“), schilderte später auch seine Gefühle bei der Siegerehrung, als neben der Fahne von Ungarn und der Fifa die schwarz-rot-goldene einfach fehlte: „Ich fühlte mich diskriminiert und gedemütigt.“ Als dann die Hymne des Siegers erklang und Michel auf den leeren Fahnenmast blickte, „sang ich sie mit – die erste Strophe“. Gegrölt habe sie keiner, meinte Michel später – obwohl die erste Strophe aus den Mündern der Schlachtenbummler während der Siegerehrung laut vernehmbar war und dies daraufhin sogar zu diplomatischer Verstimmung führen sollte. Bundespräsident Heuss musste Tage später im Olympiastadion schlichtende Worte finden.

Fußball spielte für die Öffentlichkeit keine Rolle

Andere gingen damals noch weiter, selbst Funktionäre des Deutschen Fußballbundes spürten regelrechte Revanche-Gelüste, die das Benehmen ihrer Nachfahren jetzt, nach dem Schweden-Spiel 2018, fast schon in den Schatten stellten. Im Münchner Löwenbräu-Keller und über die Radioapparate dröhnte damals DFB-Präsident Peco Bauwens: „Wenn aber andere auf dem Spielfeld herumturnen mit ihren Fahnen vor dem Spiel, dann geht es nicht an, dass unseren Leuten verboten wird, unsere stolze deutsche Fahne zu führen. Das lassen wir uns nicht gefallen. Unsere Mannschaft hat ihnen heute die Quittung gegeben.“ Das konnte vielleicht noch angehen, doch als Bauwens dann fortfuhr und behauptete, der Donnergott Wotan persönlich habe in diesem Sinne den Spieler den Ball geführt – da hatte der Bayerische Rundfunk dem DFB-Präsidenten schon den Saft abgedreht.

Solche Dinge spielten damals in der deutschen Öffentlichkeit keine größere Rolle. Der Fußball-Diskurs, zumal der fußballerisch-gesellschaftliche, war noch längst nicht angepfiffen. Deutschland mag mit der Weltmeisterschaft 1954 den Anschluss an den Weltsport wiedergefunden haben und der Jubel war groß. Doch die feinen Leute im Lande, die heute, da das große Geld im Spiel ist, die VIP-Lounges bevölkern, vor allem aber das Bildungsbürgertum, sie alle konnten mit dem Gekicke damals überhaupt nichts anfangen. Es galt als Proletensport.

Rudi Michel hatte recht, als er später einmal sagte: „Die Intellektuellen ignorierten den Fußball gern. Es gehörte geradezu zum guten Ton, ihn mieszureden. Wer damals gesagt hat: ‚Davon versteh’ ich gar nichts‘, der galt fast schon als Intellektueller – er hat seine Ablehnung demonstriert.“ Eine Distanz, die weit bis in die 60er-Jahre andauerte, und wohl erst in der Generation Beckenbauer überwunden wurde. Umso verbreiteter ist die Debatte heute, da – bei geschätzten 60 Millionen Bundestrainern – sich niemand mehr damit schmücken kann, dass er nichts davon verstehe. Schon gar nicht nach solchen Pleiten, wie wir alle sie gerade erleben mussten. Da wollen sie alle mitreden, Prolet wie Professor, Protz wie Prekariat. Wie schön.

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