120 Jahre Morgenpost

Der Neustart der Zeitungslandschaft nach dem Krieg

Die Wiederauferstehung der Berliner Morgenpost fand erst 18 Jahre nachdem sie die letzte unabhängige Ausgabe veröffentlicht hatte statt.

Ab 1952 war die Berliner Morgenpost endlich wieder am Zeitungskiosk erhältlich

Ab 1952 war die Berliner Morgenpost endlich wieder am Zeitungskiosk erhältlich

Foto: ullstein bild

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Wiederaufbau.

„Na endlich …“: Im Herbst 1952 sandten alle Litfaßsäulen der Stadt ein Signal zum Aufatmen. Mit diesen Worten jedenfalls kündigte damals die Berliner Morgenpost ihre Wiederauferstehung an, für den 26. September. 18 Jahre nach der letzten unabhängigen Ausgabe, bevor der Ullstein-Verlag von den Nazis enteignet worden war, und sieben Jahre nach der Einstellung des Betriebes gegen Kriegsende am 25. April 1945. Mit einem Grußwort des Regierenden Bürgermeisters, Ernst Reuter: „Das Alte und das jetzt aus den Trümmern entstehende Neue miteinander zu verbinden, ist unsere Aufgabe, und es wird auch die Aufgabe der alten und doch neuen Berliner Morgenpost sein.“ Noch klangvoller kam am ersten Tag bereits ein Leser zu Wort: „Endlich biste wieder da / Vielgeliebte Morgenpost / Wo ick in der Stadt auch weile / Zieh ick aus der Tasche dir / Les dir bis zur letzten Zeile / Teilst doch Freud und Leid mit mir.“ Es war ein windungsreicher Weg bis dorthin.

Als nach dem 29. April 1945 auch der „Panzerbär“, das letzte Blättchen, mit dem die Machthaber vor ihrem eigenen Ende die Berliner bei Laune halten wollten, nicht mehr erschien, war die Stadt für zwei Wochen verstummt. Kein Radio, keine Zeitung, kein Telefon, keine Post, keine Lautsprecherdurchsagen. Das Nachrichtenwesen bestand nur noch aus Hörensagen, Gerüchten oder Flüsterpropaganda von Tür zu Tür – sofern es noch eine gab.

Berlin war eine Trümmerwüste, besonders im Zentrum, im Zeitungsviertel um die Koch- und Zimmerstraße. Redaktionsräume, Druckerpressen, Setzmaschinen und alles andere Inventar waren weitgehend zerstört oder verschüttet. Kein Wunder also, dass die nachrichtenlose Zeit zuerst draußen in Tegel endete. Von dort übertrug die Sowjetarmee –­ bereits am 13. Mai, fünf Tage nach der Kapitulation – ihre Nachrichtensendung „Hier spricht Berlin“ an alle, die noch einen funktionierenden Volksempfänger und „Saft“ aus der Steckdose hatten.

Demontage des Zeitungsinventars durch Sowjets

Nach der Kapitulation waren die Sowjets für Monate die einzige Besatzungsmacht. Doch ihnen war klar, dass die Stadt bald schon in Sektoren aufgeteilt würde, was sie zu doppelter Eile veranlasste. Zum einen lag ihnen daran, möglichst große Teile des Maschinenparks für die Zeitungsproduktion aus den vier namhaften Verlagshäusern Müller, Mosse, Scherl und Ullstein zu demontieren. Würden doch die beiden letztgenannten Häuser künftig im amerikanischen Sektor stehen, außerhalb ihres Zugriffs. Die spätere Demarkationslinie verlief mitten durch das Zeitungsviertel.

Zum anderen galt es für sie, möglichst viele Zeitungen und Informationsblättchen aus dem Boden zu stampfen, unter eigener Kontrolle, um Marktanteile in ganz Berlin zu erobern. Zunächst, so hatten es die Alliierten vereinbart, sollte jede Besatzungsmacht eine Tageszeitung herausgeben oder herausgeben lassen. So kam unter der Ägide der Sowjets die „Tägliche Rundschau“ an die Kioske. Um darüber hinaus ausufernden Wildwuchs zu vermeiden, sollten lediglich Organisationen Zeitungen herausgeben dürfen. Was die Sowjets veranlasste, zügig eine Vielzahl an Verbänden, Gewerkschaften und Parteien – wenigstens auf dem Papier – aus dem Boden zu stampfen.

Die Demontage des Inventars nahm aufgrund der Eile bizarre Züge an. Da die Maschinen, die noch funktionierten, oft in den oberen Stockwerken installiert waren und keine Kräne zur Verfügung standen, rollte man große Zeitungspapierrollen auf den Hof und schmiss die Gerätschaften, trotz ihres Tonnengewichtes, auf die Rollen hinunter, Verlustquote unbekannt. Besonders erpicht waren die Vertreter der Roten Armee auf jene Druckmaschinen und Papierrollen aus der Herstellung des „Völkischen Beobachters“, da das Format des Nazi-Blattes ziemlich exakt den eigenen bewährten Partei- und anderen Propagandazeitungen in der Sowjetunion entsprach.

Die Medienlandschaft in West-Berlin wuchs

Als die West-Alliierten im Sommer 1945 in Berlin einzogen, bekam die kommunistische Presse mit ihren seitenlangen politischen Erklärungen zügig Konkurrenz. Lesbare Nachrichtenblätter kamen auf den Markt: „Der Berliner“ von der britischen Militärbehörde, die „Allgemeine Zeitung“ von der amerikanischen Armee und der „Kurier“, unter der Lizenz der Franzosen, die erste Zeitung mit einer deutschen Redaktion, als Abendzeitung. Nach und nach lockerte sich die anfängliche Zensur, die Aufsicht der Alliierten. Ab 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik, verzichteten sie ganz auf die obligatorische Lizenz bei einer Zeitungsherausgabe.

Die Medienlandschaft in West-Berlin wurde schon in den ersten Nachkriegsjahren immer bunter, Redaktionen und Herstellung waren dennoch für geraume Zeit konzentriert im damaligen Druckhaus Tempelhof, dem einstigen Ullstein-Besitz am Mariendorfer Damm. Es war lange nicht so stark zerstört wie die Liegenschaften im Zeitungsviertel. Zwar war ein Schwelbrand aus den letzten Kriegstagen in den gelagerten Papierrollen bis Spätsommer 1945 noch nicht gelöscht, doch das hinderte niemanden aus der Belegschaften an seiner täglichen Arbeit.

Der "Tagesspiegel erhielt den Vorzug

Der Wiedereinstieg der Familie Ullstein, bis 1934 Herausgeber der Morgenpost, ins Berliner Zeitungsgeschäft begann in der Nachkriegszeit eher zögerlich. Die Rückübertragung des Verlages stand zunächst nicht zur Diskussion, wurde vom einzigen in Berlin verbliebenen Überlebenden, Heinz Ullstein, nicht mit letzter Kraft betrieben. Lange Zeit galt auch nicht als anerkannt, dass die Ullsteins ihren Verlag 1934 unter Wert hatten abgeben müssen.

Mit dem amerikanischen Presseattaché Peter de Mendelssohn sprach Heinz Ullstein zwar schon 1945 immer wieder über die Gründung einer Tageszeitung, doch ihre unterschiedlichen konzeptionellen Vorstellungen führten dazu, dass der „Tagesspiegel“ in jenem Jahr den Vorzug erhielt. Der Vertreter der älteren Generation der einstigen Verleger, Rudolf Ullstein, hielt sich in den USA mit einer Auto­reparaturwerkstatt über Wasser und bekam von den Amerikanern zunächst auch keine Papiere für die Rückkehr – damals eine nicht unübliche Behinderung für Deutsche, die vor den Nazis über den Atlantik geflohen waren.

Erst als Rudolf Ullstein 1949 nach Berlin zurückkam, im Alter von 75 Jahren, nahm die Verlegergeschichte der Familie wieder Fahrt auf. Der Senior betrieb die Restitution mit Verve und mit Erfolg. Das Unrecht, das der Familie 1934 geschehen war, wurde nicht rückgängig gemacht, weder ideell noch finanziell. Doch es war der erste Schritt für das Wiedererscheinen der Morgenpost 1952, und ein Jahr später der „BZ“. Die Erfolgsgeschichte beider Blätter ging weiter – obwohl ebenfalls 1952 noch eine ganz andere Konkurrenz auf den Medienmarkt gekommen war: Das deutsche Fernsehen.

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