120 Jahre Morgenpost

Mit der Droschke vom Wannsee nach Paris

Mit Girlanden geschmückt machte sich der "Eiserne Gustav" in seiner Kutsche von Berlin-Wannsee auf nach Paris.

Von Menschenmassen bejubelt und begleitet: Droschken-Fahrer Gustav Hartmann auf seiner Fahrt von Berlin nach Paris

Von Menschenmassen bejubelt und begleitet: Droschken-Fahrer Gustav Hartmann auf seiner Fahrt von Berlin nach Paris

Foto: DDP Images/DAPD/Archiv Ursula Buchwitz-Wiebach

Berlin/Paris. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Der Eiserne Gustav.

Eine Amazone, hoch zu Ross, und Paris - das war zu viel für den Eisernen Gustav an einem trüben Herbsttag im Jahr 1927, als der 68-Jährige am Bahnhof Wannsee mit seiner Kutsche auf Kundschaft wartete. Madame Dorange soll sie geheißen haben, eine Französin, und obwohl er hoch auf seinem Bock saß, schaute sie ihn dennoch von oben an, vom Rücken eines Pferdes. Wo es hier am schnellsten nach Paris gehe, wollte sie von ihm wissen. Der Kutscher brachte kaum etwas heraus - und da war sie schon weiter galoppiert auf ihrem Hengst. Richtung Paris, hinter sich eine Staubwolke. Verwirrt blickte er ihr nach.

Die flüchtige Begegnung hatte zur Folge, dass die Ehefrau von Gustav Hartmann - so hieß der "Eiserne Gustav" richtig - mit ihm lange kein Wort mehr sprach. Dabei war es weniger die Reiterin, die ihm den Kopf verdreht hatte, als die plötzliche Vorstellung von der französischen Hauptstadt. Am selben Tag beschloss er, es der Reiterin auf seine Art nachzumachen und mit seiner Kutsche nach Paris zu fahren. An seinem nächsten Geburtstag, dem 4. Juni 1928, wollte er die Champs-Élysées hinunterfahren. Seine Marie strafte ihn durch Schweigen. Doch am 2. April 1928 war sein großer Aufbruch, vom Bahnh of Wannsee, seinem Stammplatz.

Berliner Morgenpost sponserte die Fahrt nach Paris

Mit von der Partie war Hans H. Theobald, Reporter der Berliner Morgenpost. Immer wieder sollte er etappenweise hinten auf der Polsterbank mitfahren und von der Reise berichten. Die Zeitung war Sponsor, hatte die Fahrt mit 1000 Mark gefördert. Exklusivrechte erwarb sie so keine. Im Gegenteil. Nicht zuletzt die Berichterstattung der Morgenpost selbst, Theobalds Telefonate zwischen Berlin und Paris, sorgten dafür, dass die Kutsche in jedem halbwegs nennenswerten Ort durch ein Spalier von Menschenmassen rollte.

Vom Abschied mit "Großem Bahnhof", pünktlich um zehn Uhr, berichtete der Chronist: "Die Droschke wurde mit Blumen, Würsten, Paketen beladen und mit Fähnchen und Girlanden geschmückt. Einen stärkenden Cognac lehnte der Eiserne Gustav ab: 'Nix zu machen. So kommt man nicht nach Paris!'" Eine Schnapsidee war die Fahrt ja auch nicht. Hartmann hatte sich seinen Titel "Eiserner Gustav" zuvor durch seine disziplinierte Warterei auf Kundschaft von früh morgens bis zur letzten Zugankunft spät in der Nacht hinein über viele Jahre erarbeitet. Jetzt war er mit einem Banner unterwegs, vorn an seiner Kutsche: "Berlin-Wannsee - Paris/Paris - Berlin-Wannsee. Der älteste Fuhrherr von Wannsee, Gründer der Wannseedroschken, erlaubt sich mit der Droschke 120 die letzte Fahrt Berlin - Paris zu machen, da das Pferde-Material im Aussterbeetat steht."

War die Reise also ein Protest gegen das Sterben der Droschken-Fuhrwerke, die dem Kraftverkehr wichen, und sein Fuchswallach Grasmus auf Solidaritätstour für die letzten, gerade noch 200 Kutschpferde in Berlin (eigentlich hieß er ja Erasmus, aber Hartmann taufte ihn um, "weil er ja aus 'Gras Mus' macht")? Vielleicht, diese Version ist häufig zu lesen. Aber der Eiserne Gustav war an der Verkehrswende selbst beteiligt, er hatte auch zwei Automobile, einen Benz und einen Dürkopp Adler. Oder war es eine Friedensfahrt? Zitiert wird der Pariskutscher mit dem Satz: "Was Stresemann nicht geschafft hat, das schaffe ich." Eine Anspielung auf den deutschen Außenminister Gustav Stresemann und seinen französischen Kollegen Aristide Briand, die mit dem Bemühen um die Aussöhnung nach dem Krieg auf der Stelle traten. Da passte es, dass irgendwann ein Mann sich an den Kutschwagen drängte und laut ausrief: "Es lebe Deutschland, das sage ich als französischer Soldat" - und Theobald dies an die Berliner Morgenpost durchtelefonierte. Hartmann fuhr durch die ehemaligen Schlachtfelder, machte in Verdun bei einem Gefallenendenkmal Halt. Sogar sein Pferd wurde in den Dienst am Frieden eingespannt - auch wenn Ironie im Spiel war, als jemand aus dem Spalier ausrief: "Grasmus ist das Pferd des Friedens. Es hat die Augen von Briand und die Ohren von Stresemann!"

Wunsch nach Frieden, Protest oder Wanderlust?

Die Reise des Eisernen Gustav gehört zu den berühmtesten der 1920er-Jahre, keine Frage. Was genau ihr Hintergrund war, wurde nie richtig klar. War es der Weltfrieden, die aussterbenden Kutschen? War es jene Madame Dorange? Oder wollte der Droschkenkutscher, der im feinen Wannsee weltläufige Prominenz wie den Maler Liebermann, den Bankier Oppenheim und den Industriellen Siemens zur Stammkundschaft zählte, einfach nur auch mal hinter den Horizont schauen?

Im selben Jahr wurde die Flugverbindung von Berlin nach Paris aufgenommen. Die Maschine die morgens um sieben Uhr in Tempelhof startete, war abends um zehn in Le Bourget. War es da etwas Besonderes, die Strecke in zwei Monaten mit der Kutsche zu bewältigen? Es gab auch zu jener Zeit noch Menschen, wie in den Jahrhunderten zuvor, ob es Martin Luther war oder Johann Gottfried Seume war, die unkonventionell und auf die langsame Tour unterwegs waren, ungezählte Unbekannte taten es ihnen gleich. 1933, nur fünf Jahre nach Gustav und Grasmus, ging zum Beispiel der Engländer Patrick Leigh Fermor zu Fuß von Hoek van Holland nach Konstantinopel. Kein Mensch hätte davon Kenntnis erhalten, wäre daraus nicht 44 Jahre später eines der schönsten Stücke aus der Weltliteratur der Fernwanderer geworden ("Die Zeit der Gaben").

Von Menschenmassen bejubelt

Gustav Hartmann hatte den Riecher und lies sich von der Morgenpost sponsern. So war die Öffentlichkeit gesichert, die ihm unterwegs und am Ziel Publikum und Annehmlichkeiten verschaffte. Sein bejubelter Einzug in Paris pünktlich am 4. Juni war für einen Deutschen wohl einmalig. Alle wollten sie ihn haben, die Studenten in ihren Vierteln und Kneipen, der Magistrat im Palast, die legendäre Vergnügungsbranche in den ihren. "Jedes Mal wenn er im Moulin Rouge den Tänzerinnen kräftig aufs Hinterteil schlägt, steigen Wolkenweißen Puders auf", stand in der Zeitung. Spätestens da dürfte wohl seine Frau Marie, die inzwischen auch angereist war und sich von der Weltpresse fotografieren ließ, ihre Sprachlosigkeit überwunden haben.

Hartmann konnte den Glamour nach Berlin hinüberretten. Hunderttausende Menschen sollen am Brandenburger Tor gestanden haben, als er heimkehrte. Beim Festessen im Ullstein-Haus war die Filmdiva Henny Porten seine Tischdame und tat ihm Eisbein auf. Vielleicht war es auch nur eine Wette, die den Eisernen Gustav nach Paris getrieben hatte, die er mit dem Wirt seiner Stammkneipe abgeschlossen hatte, der nicht an den Erfolg geglaubt hatte - und die der jetzt einlösen musste: Ein Sack Hafer für Grasmus. Wir werden es nie erfahren.

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