120 Jahre Morgenpost

Fluggeschichte: Der Flug über den Atlantik

Im Alleinflug schrieb Pilot Charles Lindbergh Geschichte. Der Pionier flog von New York über den Atlantik bis nach Paris.

Der Pionier Charles Lindbergh (1902-1974) hatte mit der Müdigkeit zu kämpfen

Der Pionier Charles Lindbergh (1902-1974) hatte mit der Müdigkeit zu kämpfen

Foto: Picture Alliance/Associated Press/AP Content

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Charles Lindbergh.

Die Nachrichten kamen an dem großen Tag noch per Morsealphabet über den "großen Teich". Erst ins Telegraphenamt in der Oranienburger Straße, dann in die Redaktion der Berliner Morgenpost. Das erste Telefongespräch von Deutschland nach Amerika fand - über Funk - erst ein Jahr später statt. Und so liefen in jenen Frühlingstagen 1927 die drei-bis viertausend Kilometer langen Kabel auf dem Boden des Atlantiks heiß wie selten zuvor. 61 Jahre nachdem man das erste von ihnen verlegt hatte, war nun, am 20. Mai, eine weitere Verbindung über den Ozean gelegt worden: Der erste Nonstop-Flug von New York nach Paris, ein Einmannunternehmen in einmotoriger Maschine. Über Nacht und im Flug wurde der amerikanische Postpilot Charles Lindbergh zum Volkshelden, in beiden Metropolen.

Am 22. Mai, einen Tag nach der Landung bei Paris, konnte die Morgenpost bereits mit Details ihres New Yorker Korrespondenten aufwarten: "Über Lindbergh vor seinem Start in Amerika werden jetzt nachträglich interessante Einzelheiten bekannt. Lindbergh hat den letzten Abend vor seinem Flug in einem Kino verbracht. Er legte sich kurz vor 11 Uhr abends zu Bett und ließ sich nach zwei Stunden schon wieder wecken. Er hatte, wie es alle Flieger tun, eine kleine schwarze Katze mitnehmen wollen, gab das Tier aber, weil er fürchtete, dass es frieren könnte, vor seinem Abflug einem Freund. Dann aß er ein Sandwich, und bestieg, ohne weitere Erklärungen abzugeben, das Flugzeug." Da war es kurz vor acht Uhr.

Nicht die erste Atlantik-Überquerung

Drei Dinge klingen in diesen Details aus der Ausgabe vom 22. Mai 1927 durch, die den Flug in große Gefahr brachten. Was aber niemand zu lesen bekam, weil es erst später herauskam. Und deshalb in der allgemeinen Jubelstimmung, die die Titelseite der Morgenpost beherrschte, keine Rolle spielte. Dort hieß es: "In 33 Stunden über den Ozean! Der amerikanische Pilot ist genau um 10.20 Uhr abends auf dem Flugplatz Le Bourget gelandet. Er wurde von einer über 100.000 Menschen geschätzte Menge mit tosendem Beifall empfangen … Jeder suchte sich an ihn heranzudrängen, und man hatte Mühe, dem amerikanischen Botschafter, der Wert darauf legte, ihn als erster zu begrüßen, einen Weg bis zu dem Flieger zu bahnen."

Auch über die Feierlichkeiten in New York, wo die Menschen per Kabel sofort von der Landung erfahren hatten, konnten sich die Leser schon in derselben Ausgabe informieren: "Die Sirenen der Schiffe im Hafen stimmten ein Freudengeheul an und das Geschrei der Zeitungsjungen hallte durch die Straßen … Lindberghs Name ist in aller Munde. Der Flug ist nicht nur eine Leistung der Technik vor allem, sondern die Heldentat eines Einzelnen." Damit traf die Zeitung ins Schwarze. Denn was in dem ganzen Trubel unterging: Es war nicht die erste Atlantik-Überquerung, nicht einmal die erste ohne Zwischenhalt in Grönland. Der erste Nonstop-Flug lag bereits acht Jahre zurück, wenn auch nur eine kürzere Strecke von Neufundland nach Irland. Auch der Südatlantik konnte 1926 bereits ohne Zwischenlandung bewältigt werden. Die Technik des Langstreckenflugs war erprobt - von Piloten-Crews.

Lindberghs waghalsige Pionierleistung war der Alleinflug. Die 5800 Kilometer waren eine andere Entfernung als die gut 400 Kilometer von St. Louis nach Chicago, die der Postflieger in der Regel bewältigte. Er hatte in der Nacht zuvor wenig geschlafen, morgens wenig gegessen, und wie man später hörte, dann auch seine Bordverpflegung kaum angerührt. Mit Folgen, die erst Monate später durchsickerten. Schon als er über der Kap-Breton-Insel aufs offene Meer vorstieß, hatte er mit Müdigkeit zu kämpfen. Ein Problem, das ihn bis nach Europa nicht mehr verließ. Vielleicht hätte ihn die Katze, die er dann doch nicht mitnehmen wollte, wacher gehalten. Oder seine Mutter? Denn auch das hatte der Korrespondent der Morgenpost damals berichten können: "Wenn er noch einen Platz im Flugzeug gehabt hätte, wäre ich mitgeflogen", soll sie beim Abschied in New York gesagt haben.

Ein Weiterflug nach Rom hätte Lindbergh das Preisgeld gekostet

Womöglich war es dann ja eine Fliege, die unterwegs unter dem Steuerknüppel aufgetaucht, ihn ab und zu gekitzelt und geweckt haben soll, die ihm letztlich das Leben rettete. Immer wieder ließ die Monotonie des Fluges durch Nacht und Dunst Lindbergh in kurzen Schlaf fallen. Dabei war er ständig gefordert. Musste hier höher fliegen, um dem Nebel zu entfliehen, dort Gewitterfronten ausweichen, da wieder tiefer gehen, um die vereisten Tragflächen zu wärmen. Um wach zu bleiben, riss er nicht nur das Fenster auf, sondern flog auch mal in gefährlich geringer Höhe - in der Hoffnung, dass ihn der Spray des Ozeans munter spritzt. Hier und da litt er unter Halluzinationen. Oder er erschrak darüber, wie nah er schon der Wasseroberflächewar.

Zum Glück flog er gegen die Sonne, sodass der neue Tag bald anbrach. Der Anblick der ersten Fischerboote und dann die irische Küste beendeten die Müdigkeitsattacken. Als er über Frankreich flog, es schon wieder dunkel wurde und er sah, dass er noch genügend Treibstoff hatte, überlegte er sogar schon, ob er nicht gleich nach Rom weiterfliegen sollte, weil es dort dann schon wieder hell sein würde, wie er in seiner Autobiografie schrieb. Das allerdings hätte ihn die 25.000 Dollar Preisgeld gekostet, die der Hotel-Millionär Raymond Orteig auf den ersten Nonstop-Flug zwischen Paris und New York ausgesetzt hatte - für einen Alleinflieger besonders interessant. Der US-Flugzeughersteller Ryan Airlines (nicht verwandt oder verschwägert mit der heutigen Luftfahrtgesellschaft) hatte ihm nur dafür die neue "Spirit of St. Louis" in zwei Monaten entwickelt, gebaut und zur Verfügung gestellt.

Der Eiffelturm mit seiner leuchtenden Citroën-Reklame wies ihm dann den Weg zum Ziel. Wäre er weitergeflogen, hätte er auch Hunderttausende in Paris enttäuscht. Immerhin: Vielleicht wäre es seinem Flugzeug besser bekommen. Die Schaulustigen in Paris bedrängten nämlich nicht nur den Ozeanflieger so sehr, dass die Ordnungskräfte sich mit Bajonetten zu ihm durchschlagen mussten, dann kurzerhand einen anderen Blondschopf rekrutierten und als Double auf den Schultern bejubeln ließen, um Lindbergh seiner verdienten Ruhe zuzuführen (so schreibt es jedenfalls der Luftfahrt-Journalist, Flugkapitän und Anekdotenfreund C.C Bergius). Sie machten sich als Souvenirjäger auch über die "Spirit of St. Louis" her und schnitten munter einen nach dem andern Fetzen aus der Bespannung. Ein kleiner Preis für einen großen Helden dieser Nacht.

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