120 Jahre Morgenpost

So berichtete die Morgenpost über die Reichspräsidentenwahl

Im Jahr 1925 trat Paul von Hindenburg die Wahl zum Reichspräsidenten als Nachfolger von Sozialdemokrat Friedrich Ebert an - und gewann.

Reichspräsident Paul von Hindenburg

Reichspräsident Paul von Hindenburg

Foto: akg-images/Sammlung Berliner V

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Die Wahl Hindenburgs.

Er war mit 77 schon vier Jahre älter als Konrad Adenauer bei dessen Wahl zum Bundeskanzler und er hatte - ganz im Gegensatz zu dem Rosenzüchter aus Rhöndorf - auch keine Lust mehr auf ein hohes Staatsamt, damals im April 1925. Schon gar nicht auf Wahlkampf oder Parteienstreit. Paul von Hindenburg, siegreicher General im Ersten Weltkrieg, zog es vor, in seiner Villa im Zooviertel von Hannover den Ruhm als "Held von Tannenberg" zu genießen und mit "Bärchen", seinem Dackel, zu spielen. Bücher verschmähte er, wie er selbst mal einräumte, bis auf die Bibel und das Exerzier-Reglement.

Doch der "Reichsblock", eine Sammlung von deutschnationalen, monarchistischen und rechten Parteien, gab keine Ruhe. Seine Strategen wollten den alten Haudegen dazu überreden, als ihr Kandidat bei der zweiten Runde der Reichspräsidentenwahl anzutreten, damals in direkter Wahl vom Volk. Beim ersten Durchgang hatte noch kein Nachfolger die erforderliche absolute Mehrheit erhalten für die Nachfolge des ersten Staatsoberhauptes der Weimarer Republik, Friedrich Ebert. Der Sozialdemokrat war im Februar zuvor gestorben.

Die Berliner Morgenpost berichtete damals, wie die vereinten Rechtskonservativen den Unwilligen herumkriegten: "Sie schickten zu guter Letzt Tirpitz nach Hannover, um Hindenburg umzustimmen. Das ist schließlich auch gelungen." Jenen Großadmiral also, der seit der Jahrhundertwende den Bau eines Großkampfschiffes nach dem anderen dem Kaiser aufgeschwatzt hatte, auch auf Kosten der Ausstattung des Heeres, mithin von Hindenburgs Truppen - er nervte den General nun ein zweites Mal, mit Erfolg.

Morgenpost zweifelt am System

Der Wahlkampf begann, Hindenburg selbst blieb seiner Linie treu und hielt sich weitgehend heraus. Den Kleinkrieg überließ er anderen. Die Berliner Morgenpost aber bezog Stellung, gegen den populären Krieger: "Das Vaterland ist in Gefahr. Die Reichspräsidentenwahl entscheidet über den inneren Frieden Deutschlands. Die Hintermänner des Kandidaten Hindenburg erstreben monarchistische Restauration." In der Tat, Hindenburg wünschte sich den Kaiser zurück auf den Thron, angeblich soll er sich für seine Kandidatur auch telefonisch aus dem niederländischen Doorn das Plazet des abgedankten Wilhelm geholt haben. Dass es dann kein Kaiser sein würde, den Hindenburg 1933 ins Amt rufen sollte, und jene zitierte Gefahr noch ungleich größer war, ahnte da wohl niemand.

Der zweite Wahlgang, gemäß der Weimarer Verfassung, war aus heutiger Sicht merkwürdig. Es handelte sich nicht um eine Stichwahl. Vielmehr lag der Unterschied in den Durchläufen darin, dass im ersten die absolute, im zweiten nur die relative Mehrheit nötig war, um zum Präsidenten vereidigt zu werden. Auch im zweiten konnten mehrere - dabei sogar gänzlich neue - Kandidaten antreten. Der erste, mit einer Vielzahl von Kandidaten, diente so letztlich nur der Klärung der Kräfteverhältnisse der verschiedenen Lager, die sich dann auf ihre jeweils aussichtsreichsten Kandidaten einigten. Von der Mitte bis zur SPD unterstützte man im zweiten Durchlauf den Zentrumspolitiker Wilhelm Marx, die Linke schickte Ernst Thälmann ins Rennen, die Rechte Hindenburg, der bei der ersten Wahl gar nicht angetreten war. Es war die erste Wahl nach diesem Prozedere.

Friedrich Ebert war 1919 noch von der Weimarer Nationalversammlung ins Amt gehoben worden, ein Verfahren, das dem heutigen zum Bundespräsidenten näher kommt. Die Morgenpost beklagte, die direkte Kür durch das Volk habe im Wahlkampf "zu einer Schärfe geführt, die weit über das Maß des Erlaubten hinausging", und machte keinen Hehl aus ihrer Sympathie für ein anderes System: "An der Zweckmäßigkeit der Wahlart müssen, wie an manchen anderen Einzelheiten der Weimarer Verfassung, starke Zweifel obwalten." Doch man hatte wenig Hoffnung: "Dass der Präsident der Deutschen Republik nicht vom Reichstag gewählt wird, daran mag bei der verwickelten und schwerfälligen Konstruktion des Deutschen Reiches kaumetwas zu ändern sein."

Eine verunsicherte Nation

Am Sonntag, 26. April, fand der zweite, entscheidende Wahlgang statt. Hindenburg verbrachte den Sonntag in Groß Schwülper bei Gifhorn, auf dem Gut seines Freundes von Mahrenholtz. Das Ergebnis war etwa um Mitternacht klar. Doch wie die Morgenpost berichtete, ist Hindenburg "das Ergebnis der Wahl erst am Montagmorgen mitgeteilt worden, da er es selbst abgelehnt hatte, so lange aufzubleiben, bis die Resultate vorlagen". Ob er sich dann freute, beim Gabelfrühstück? 14.639.399 Stimmen hatte er auf sich vereinigen können, lediglich 900.000 mehr als sein schärfster Konkurrent, Wilhelm Marx, ein knappes Resultat.

Das Wahlergebnis war Ausdruck auch einer verunsicherten Nation. Tiefe ideologische Gräben durchzogen die Bevölkerung. Monarchisten, Republikaner, Nationalisten, Kommunisten, Sozialisten lagen in erbittertem Streit, der Wahlkampf wurde von Schießereien begleitet. Der Mittelstandwar immer noch erschüttert von einer Inflation mit grotesken Ausmaßen zwei Jahre vorher, es gab Putschversuche, ständige Regierungswechsel, politische Morde, vor allem auch, nur wenige Monate zuvor, eine weitverbreitete feindliche Stimmung gegen den vorherigen Präsidenten, der auch darüber seine Gesundheit verlor - bei alldem suchten die meisten Wähler ihr Heil in einem Greis, weil der mal ein Kriegsheld war.

"Gewalt der Tatsachen"

Die liberale Morgenpost machte in ihrem Leitartikel nach der Wahl kein Geheimnis aus ihrer Enttäuschung: "Legende und Sentimentalität haben über kühle Erwägungen der Vernunft gesiegt." Doch man war bemüht um staatsmännische Miene zumgefährlichen Spiel,wollte die Wogen glätten: "Dem Erwählten gebührt die Achtung und Verehrung, die dem Inhaber des höchsten Amtes in der deutschen Republik geschuldet wird. Sie soll ihm nicht vorenthalten werden. Wollte der Himmel, sie wäre von denen, die jetzt Hindenburg wählten, auch seinem Vorgänger gezollt worden. Dann würde vieles besser stehen." Zu optimistischen Lichtblicken konnte sich der Kommentator nicht durchringen: "Die Bedenken blieben bestehen. Denn die Gewalt der Tatsachen wird durch Gefühle nicht erschüttert."

Hindenburg wurde für sieben Jahre gewählt. Bei der nächsten Wahl, 1932, unterstützten seine Kandidatur dann auch die Sozialdemokraten, um den Mitbewerber Hitler als Reichspräsidenten zu verhindern. Das gelang sogar. Doch hatte da die "Gewalt der Tatsachen" bereits andere Wege eingeschlagen.

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