Adventskalender

Im Café "Katulki" gibt es Süßes mit Mohn

Im Café "Katulki" in Neukölln backt Justyna Giersch täglich köstliche Brioches, Kuchen, Torten und polnische Spezialitäten.

Die gefüllten Teigtaschen Pierozki, bei uns bekannt als Piroggen, gehören zum Standardprogramm der polnischen Adventszeit. Das „Katulki“ ist eines der wenigen Restaurants in Berlin, in denen sie frisch hergestellt werden.

Die gefüllten Teigtaschen Pierozki, bei uns bekannt als Piroggen, gehören zum Standardprogramm der polnischen Adventszeit. Das „Katulki“ ist eines der wenigen Restaurants in Berlin, in denen sie frisch hergestellt werden.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Selbst zur Winterzeit steht ein Tisch mit zwei weiß gestrichenen, schmiedeeisernen Stühlen auf dem breiten Trottoir vor dem Café „Katulki“ an der Friedelstraße. Die Ost-Süd-Ausrichtung der Gehwegterrasse ermöglicht es ganz Hartgesottenen, selbst im Spätherbst dick eingepackt vor dem Café zu sitzen oder eine kurze Zigarettenpause einzulegen. Drinnen erinnert die Einrichtung an West-Berliner Teestuben Ende der 70er-Jahre. Es ist eine wilde Mischung unterschiedlicher Stühle, alter Sofas und Sessel, die mit bunten Decken verhüllt sind. Vintage heißt das auf Neudeutsch und ermöglicht Gastronomen preiswerte Einrichtungen. Wichtig ist dabei, mit einigen wenigen Accessoires wohlige Gemütlichkeit zu schaffen.

Säfte, Smoothies und ausgesuchte Tees im Angebot

Das ist Justyna Gierlach augenscheinlich gelungen. Beim Besuch sind gut die Hälfte der rund 30 Plätze besetzt. Die jungen Gäste, in der Mehrzahl Frauen, starren auf Notebook-Bildschirme. Sind das digitale Nomadinnen? „Ja, einige arbeiten hier“, erzählt die 33 Jahre alte Chefin, „aber viele kommen auch mit ihren Kindern und treffen sich mit anderen Müttern.“ Ein weiterer Teil der Gäste sind Rentnerinnen, die sich zu sehr guten, moderat preisigen Kaffeespezialitäten und Gebäck auf einen Plausch treffen. Natürlich sind auch Säfte, Smoothies und ausgesuchte Tees im Angebot. „Die Konkurrenz im Kiez nimmt ständig zu, da müssen auf jeden Fall die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen“, berichtet die Betreiberin des Café „Katulki“.

Den Namen wählte sie mit ihrer ursprünglichen Partnerin aus, mit der sie 2013 an den Start ging. Er stammt aus einem Roman des polnischen Autors Tomasz Różycki. In dem beschreibt er, wie seine Großmutter Piroggen herstellt, auf Polnisch Pierozki. „Den Rest des Teiges vermischte sie zu einer kleinen Kugel, die dann entweder gebraten oder gedämpft wurde. Im Buch heißt diese Kugel Katulki. Der Autor schreibt, wer in seinem Leben keine von den Händen der Großmutter geformte Katulki gegessen habe, der kenne nicht die Liebe der Großmütter zu ihren Enkeln. Diesen Namen fanden wir passend“, sagt Justyna Gierlach. Sie betont, selbst viele Polinnen und Polen würden den Begriff gar nicht kennen.

Die 33-Jährige kam 2011 nach dem Studium der Soziologie und Familien­hilfe nach Berlin. „Eigentlich wollte ich nur einen Monat bleiben, aber die Stadt hat mich sofort in ihren Bann gezogen. So viele Leben, so viele unterschiedliche Kulturen, das kannte ich aus meiner südpolnischen Heimat gar nicht.“ Sie jobbte als Babysitter und buk einmal die Woche Kuchen für einen polnischen Buchladen. Dort lernte sie einen Mann kennen, der den Besitzer eines Hauses an der Friedelstraße kannte. Nach der Schließung eines Friseurgeschäftes wollte er die Räume an eine Café-Betreiberin vermieten.

Justyna Gierlach überlegte ein Weile, kalkulierte und sprang dann mit einer Bekannten ins kalte Wasser. Größte Herausforderung war die Einrichtung einer Küche, die vom Gastraum getrennt sein sollte, aber einsehbar. Mit einem guten Tischler und viel Material aus dem Bauhaus gelang eine Konstruktion mit Fenstern und Schwingtür, die aussieht als sei sie seit der Gründerzeit vorhanden.

Auch Klassiker der polnischen Küche wie Borschtsch und Bigos werden angeboten

Nach der Trennung von ihrer Partnerin begann für die junge Frau eine harte Zeit, 12- bis 14-Stunden-Schichten waren an der Tagesordnung. Mittlerweile arbeitet eine Küchenhilfe aus Spanien in der blitzblanken großen Küche. Aufgrund der starken Konkurrenz, kürzlich haben schräg gegenüber und zwei Blocks weiter erfolgreiche Kaffee-Ketten kleine, modern eingerichtete Cafés eröffnet, sah sich Justyna gezwungen, ihr Konzept zu erweitern.

„Wir bieten jetzt neben Piroggen mit unterschiedlichen Füllungen wie Käse, Zwiebel, Sauerkraut, gekocht oder gebraten, auch Klassiker der polnischen Küche wie Borschtsch und Bigos an, das in Polen beliebteste Kohlgericht mit Fleischeinlage. Entsprechend der Einstellung unserer Gäste kochen wir allerdings ohne Fleisch, nur vegan und vegetarisch“, so die Chefin. Neben dem beliebten Borschtsch gibt es täglich eine weitere Suppe, im Winter meistens Eintopf. Großer Beliebtheit bei den Gästen erfreuen sich die Gemüsepuffer Platzki.

Am meisten verbreitet ist der mit Mohn und Nüssen gefüllte Hefestrudel Makowiec

In der Kuchenvitrine wartet täglich ein halbes Dutzend Kuchen und Torten auf die Bestellung. Zu Advent und Weihnachten wird in Polen viel Mohn verarbeitet. „Das hat bei uns Tradition und gehört in jedes Gebäck meiner Großmutter und Mutter“, führt die Café-Betrei­berin aus. Am meisten verbreitet sei der mit Mohn und Nüssen gefüllte Hefestrudel Makowiec. „Meine Großmutter buk außerdem schon Mitte November Lebkuchen, klassisch aromatisiert mit Nelken, Zimt, Muskatnuss, Zitronenschalenabrieb und Vanille, glasiert mit Puderzucker und Eiweiß. Die mussten einige Wochen liegen, damit sie durchzogen und weich wurden“, so Justyna Gierlach. „Meine Großmutter dekorierte immer mit Wal- oder Haselnüssen, davon gibt es in Polen im Spätherbst große Mengen.“ Ebenfalls zur Adventszeit gehören der Käsekuchen Sernik und Keks, ein stollenähnlicher Kuchen mit kandierten Früchten, früher hauptsächlich Aprikosen und Kirschen, heute mit Orangeat, Zitronat und gehackten Nüssen.

Die adventlichen Pierozki gehören ebenfalls zum Standardprogramm polnischer Adventszeit. „Sie sind aber heute nicht mehr so beliebt, weil die Herstellung wegen der verwendeten kalten Butter, die unter Mehl und Zucker gebettet werden muss, ziemlich anstrengend ist“, sagt Justyna Gierlach.

Polnische Küche findet man in Berlins Gastronomie kaum

Die polnische Gemeinde ist nach der türkischen Community die zweitgrößte nicht-deutsche Bevölkerungsgruppe in Berlin. Allerdings findet man die polnische Küche im Stadtbild kaum. Die beliebten Piroggen würden meistens zu Hause in Polen gekocht und fertig mitgebracht oder in polnischen Geschäften gekauft. Warum so wenig polnische Restaurants in der Berliner Gastronomie-Szene zu finden seien, kann sich die Café-Betreiberin auch nicht so recht erklären. „Ein gutes Dutzend, mehr gibt es nicht.“ Erfreulich sei, dass es mittlerweile Zutaten wie den polnischen Frischkäse Twarog, der beispielsweise bei den süßen Pirogen verwendet wird, bei Discountern zu kaufen sei. Die für das Foto-Shooting produzierten Pierozki waren danach so schnell ausverkauft, dass sie bis Heiligabend im Angebot des „Katulki“ bleiben sollen.

Katulki, Friedelstraße 40, Neukölln, Tel. 20 62 90 96, Mo.-Fr. 10-19, Sbd.+ So. 10-20 Uhr, über Facebook

Rezept

Zubereitungszeit: ca. 90 Minuten

Zutaten für den Teig:

250 Gramm Butter

100 Gramm Crème fraîche

500 Gramm Mehl

3 Esslöffel Zucker

1 Würfel Frischhefe

2 Eier und 1 Eigelb zum Bestreichen

Für die Füllung:

150 Gramm gemahlener Mohn

150 Gramm Twarog (poln. Frischkäse)

125 Milliliter handwarme Milch

1 Ampulle Rumaroma

3 Esslöffel Zucker

Zubereitung Teig: Für den Teig die Butter und das Mehl sorgfältig verkneten. Den Zucker mit der Hefe mischen und zehn Minuten ruhen lassen. Anschließend im Teig eine Mulde bilden, die Hefe mit dem Zucker vermischt, Crème fraîche und 2 Eier in die Mulde geben. Mit den Händen gut verkneten bis das Ganze einen elastischen Teig ergibt. 30 Minuten ruhen lassen.

Zubereitung Füllung: Für die Füllung wird der Mohn mit handwarmer Milch übergossen. Anschließend werden Twarog, Zucker und Rum-Aroma hinzugefügt. Alles gut vermengen.

Fertigung der Teigtaschen: Nachdem der Teig etwas aufgegangen ist, wird er auf einer bemehlten Fläche recht dünn ausgerollt. Mit einem großen Wasserglas aus dem ausgerollten Teig kreisförmige Teilstücke ausstechen. Jeweils einen gehäuften Teelöffel der Füllung in die Mitte der ausgestochenen Teigkreise geben. Dann den Teig umklappen und die Füllung in der Form eines Halbmondes umschließen, dabei die Ränder sehr gut andrücken. Zum Schluss werden die Pierozki mit dem Eigelb bestrichen und noch mit ein wenig Mohn verziert. Bei 180 Grad im Ofen 15 Minuten backen und warm oder kalt servieren.