Start-ups

Start-ups flüchten aus Mitte an den Berliner Stadtrand

Weil die Mieten in den Berliner Innenstadtlagen für junge Firmen schwer zu bezahlen sind, ziehen immer mehr Start-ups in Randgebiete.

Markus Kröger ist mit seinem Unternehmen Heycar noch neu am Leopoldplatz in Wedding.

Markus Kröger ist mit seinem Unternehmen Heycar noch neu am Leopoldplatz in Wedding.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe / Jörg Krauthöfer

Berlin.  Heycar zieht in die Start-up-Wüste, verkündete die Tochterfirma des Volkswagen-Konzerns Mitte November. Rund 2000 Quadratmeter am Leopoldplatz in Wedding sind seitdem die Heimat des Gebrauchtwagen-Portals. Jetzt steht Heycar-Chef Markus Kröger in seinem neuen Büro und sagt: „Seit Jahren sagen die Leute ‚Der Wedding kommt‘. Wir glauben wirklich daran.“

Kröger, ein schlanker Mann mit dunkelblonden Haaren und Kapuzen-Pulli, hat das junge Unternehmen vor einem Jahr in Berlin aufgebaut. Zunächst war ein kleines Büro am Hackeschen Markt in Mitte das Zuhause. Doch die Geschäfte liefen gut. Kröger musste mehr und mehr Mitarbeiter einstellen. Heute hat Heycar 85 Beschäftigte.

Mehrere Monate lang hat Kröger nach einem neuen Büro für seine Firma gesucht. Obwohl das junge Unternehmen von der Volkswagen-Konzerntochter Volkswagen Financial Services finanziert wird, war er nicht bereit, Unsummen auszugeben. In den begehrten Lagen etwa rund um den Rosenthaler Platz in Mitte werden teilweise Spitzenmieten von bis zu 30 Euro pro Quadratmeter fällig.

Weniger als zwei Prozent der Büroflächen stehen leer

Doch auch mit dem nötigen Kleingeld fällt es Firmen schwer, Büroflächen in Berlins begehrten Lagen zu finden. Nicht nur Start-ups müssen immer mehr Geduld aufbringen. Der Standortvermarkter Berlin Partner beziffert den derzeitigen Büroflächen-Leerstand auf unter zwei Prozent, Lageberichte diverser Immobilienfirmen zeichnen ein ähnliches Bild. „Innerhalb des S-Bahn-Rings ist der Markt wie leer gefegt“, erklärte zuletzt auch der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Jan Eder.

Berlin Partner könne zwar die Nachfrage nach Flächen in Innenstadtlagen noch bedienen, allerdings führt der geringe Leerstand dazu, dass sich die Umzugspläne von Unternehmen in die Länge ziehen, so ein Berlin-Partner-Sprecher. Viele Start-ups können nicht darauf warten – und schauen sich verstärkt in Randgebieten um.

„Berlin besteht nicht nur aus Mitte oder Kreuzberg“

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) findet das gut. Die Attraktivität der gesamten Stadt nehme zu, wenn Firmen sich auch in den äußeren Ortsteilen ansiedelten, so die Senatorin. „Berlin besteht nicht nur aus Mitte oder Kreuzberg. Natürlich ist das gewachsene Ökosystem in Mitte stark, aber für Innovatoren und Start-ups ist insbesondere der Standort Berlin von Bedeutung“, sagt Pop.

Auch die Randbezirke hätten starke Zentren mit guter Infrastruktur und böten oft noch günstigere Mieten und Freiräume zum Ausprobieren an, als es in der verdichteten Mitte noch möglich sei, so die Politikerin. Zuletzt seien diese dezentralen Orte stärker in den Fokus gerückt, etwa durch die Eröffnung der Factory in Treptow oder zuletzt durch die Ankündigung von Siemens, in Spandau einen Innovationscampus aufbauen zu wollen. „Von dieser Entwicklung können künftig auch Bezirke und Quartiere wirtschaftlich profitieren, die weiter weg von der klassischen Mitte liegen. Dies ist ganz im Sinne einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung, die die ganze Stadt am Wachstum teilhaben lässt“, sagt Pop.

Heycar hat dem Leopoldplatz bereits neues Leben eingehaucht. Bevor das Start-up kam, stand die Fläche im ehemaligen Quelle-Kaufhaus leer. Um das neue Büro nach seinen Vorstellungen umzubauen, hat das Unternehmen viel Geld in die Hand genommen. Jetzt sind die Räume groß, es gibt Platz für kreatives Arbeiten, aber auch Rückzugsräume, in denen die Mitarbeiter in Ruhe nachdenken können. Unten im Haus ist die U-Bahn, gegenüber Karstadt, rundherum gibt es kleine Geschäfte und einige Imbissbuden. Andere Start-ups hat Markus Kröger in der Umgebung aber noch nicht entdeckt. „Es ist halt nicht die hippe Gegend“, sagt er.

Start-ups werten die Gebiete auf

Angesichts der zahlreichen Obdachlosen und Drogenabhängigen rund um den Leopoldplatz waren auch die Heycar-Beschäftigten zunächst wenig von der neuen Heimat begeistert. Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) hat deswegen sogar das Gespräch mit der Belegschaft des Start-ups gesucht. „Ich war dort, um den Mitarbeitern die Angst zu nehmen“, sagt von Dassel.

Für den Politiker sind Unternehmen wie Heycar ein wichtiger Baustein bei der Aufwertung der Gegend rund um den Leopoldplatz. Bäckereien, Coffeeshops oder Metzgereien würden davon profitieren, wenn Firmen mit zahlungskräftigeren Mitarbeitern in die Umgebung ziehen, so von Dassel. Diese Entwicklung müsse weiter vorangetrieben werden. „Der Wedding verträgt noch einiges an Kaufkraft“, sagt der Bürgermeister.

Welchen Einfluss der Zuzug von jungen Unternehmen auf einen Ortsteil haben kann, zeigt auch das Beispiel Goerz­werk. Im Südwesten Berlins, unweit der brandenburgischen Landesgrenze, hat Silvio Schobinger 2015 ein altes Fabrikgebäude zu modernen Loftbüros umgebaut. Mittlerweile sind 110 Firmen Mieter im Goerzwerk. Weil der Quadratmeterpreis bei vergleichsweise günstigen zehn Euro liegt, zieht es auch Start-ups nach Lichterfelde. Bevor Schobinger an die Goerzallee kam, war das Industriegebiet fast zur Brache verkommen. Ein großer schwedischer Konzern war aus dem Industriedenkmal ausgezogen, danach stand es nahezu leer. Rundherum machten dann auch ein Produktionswerk und ein Logistiker dicht.

Es gibt schon weitere Interessenten

Heute ist das Goerzwerk zwar noch immer weit entfernt von der Mitte Berlins, gibt auch Schobinger zu. „Es gibt aber immer mal wieder Anfragen von Firmen, die aus der Innenstadt verdrängt werden“, sagt er. Weil Flächen im Berliner Stadtgebiet begehrt sind, liegt derzeit auch der Leerstand in dem alten Indus­triedenkmal, das Schobinger gemeinsam mit seinem Bruder Mario betreibt, nur noch bei fünf Prozent. Durch die neuen Mieter und ihre Mitarbeiter hat die Gegend aber wieder an Attraktivität gewonnen. Seit Jahresanfang gibt es in dem Industriegebiet wieder eine Tankstelle.

Und auch Silvio Schobinger hat investiert: In dem „Club Goerzwerk“ können jetzt Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen durchgeführt werden. Eine Kantine und ein Fitnessstudio gehören bereits seit Jahren zu dem Gewerbezen­trum. Schobinger will seinen Mietern demnächst noch weitere Angebote machen. So könnten bald noch mehr Start-ups den Weg von Mitte ins weit entfernte Lichterfelde finden.

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+++ Berlin-Podcast +++ In der aktuellen Folge „Molle und Korn“: Ein Besuch an der Berliner Kult-Raststätte an der Avus – natürlich mit dem Auto. Auf der Hinfahrt diskutiert im „Verkehrsspezial“: Gefährliche Radwege, Abbiege-Assistenten, Beifahrer-Pflichten und Erinnerungen an das erste Auto.

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