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Darum ist Emil die etwas andere Autoversicherung

Kunden zahlen beim Start-up Emil nur, wenn sie auch fahren. Es ist das erste Angebot dieser Art in Deutschland.

Chris Maslowski (l.) und Bastian Knutzen mit dem Kernelement ihrer digitalen Autoversicherung.

Chris Maslowski (l.) und Bastian Knutzen mit dem Kernelement ihrer digitalen Autoversicherung.

Foto: Daniel Schaler

Berlin.  Die Idee ist einfach: Warum soll ein Autofahrer für seine Kfz-Versicherung nicht nur dann zahlen, wenn er auch fährt? Bastian Knutzen (26) und Chris Maslowski (27) jedenfalls sahen einen großen Markt und gründeten Emil. Nach einem Test mit ausgewählten Kunden ist das Angebot seit Oktober im Netz verfügbar. Jetzt können Versicherte zu den Berlinern wechseln oder ihr Auto gleich ganz neu anmelden. Die beiden treten gegen Versicherungsriesen wie Allianz und Huk an.

Vor allem für Wenigfahrer sei die neue Kfz-Versicherung attraktiv, sagt Knutzen. Seine Beispielrechnung: Wenn ein 30 Jahre alter Berliner mit seinem Golf 6 etwa 6000 Kilometer im Jahr fährt, kann er bei Emil bis zu 450 Euro im Vergleich zu klassischen Autoversicherungen sparen. Wie ist das möglich? „Im traditionellen Versicherungsmodell subventionieren die vielen Wenigfahrer das erhöhte Risiko der wenigen Vielfahrer“, erklärt Knutzen.

Der potenzielle Markt für das Unternehmen ist groß

Die Emil-Gründer fanden das nicht fair. Versicherte zahlen bei dem Start-up einen monatlichen Grundbetrag, der sich an Alter, Fahrzeug, Wohnort und Schadenfreiheitsklasse orientiert. Hinzu kommt eine Pauschale je gefahrenen Kilometer. In dem Beispiel würde der 30-jährige Berliner für eine Vollkaskoversicherung 5,85 Euro als monatlichen Beitrag und 1,2 Cent je gefahrenem Kilometer zahlen, insgesamt 145,20 Euro (20,20 Euro Pauschale und 75 Euro für die 6000 Kilometer Fahrleistung).

Der potenzielle Markt für das Unternehmen ist groß. Knapp 26 Milliarden Euro umfasst der Kfz-Versicherungsmarkt in Deutschland. Seit Jahren steigt die Zahl der zugelassenen Autos. Etwa 46,5 Millionen waren es zuletzt. Die Fahrzeuge werden aber immer weniger bewegt. Nach einer Forsa-Umfrage sind es bei 49 Prozent aller Fahrzeughalter weniger als 10.000 Kilometer. Emil kommt das gelegen. Gewissermaßen wird der Tarif, den das Unternehmen anbietet, mit jedem nicht gefahrenen Kilometer günstiger. In den ersten Wochen sei die Rückmeldung der Kunden sehr gut gewesen, sagt Knutzen.

Das Fahrverhalten wird nicht erfasst

Emil-Versicherte können über die eigens entwickelte App ihren Vertrag verwalten, zudem gibt das Smartphone-Programm auch Auskunft über gefahrene Strecken und zurückgelegte Kilometer. Möglich macht das ein schwarzer, rechteckiger Kasten, den jeder Emil-Kunde bei Vertragsabschluss per Post zugeschickt bekommt. Das Start-up verspricht einfache Befestigung. Mit einem Handgriff sei der Stecker an den Diagnoseanschluss im Auto anzubringen, den auch Werkstätten benutzen, um vor einer Reparatur Fehler auszulesen.

Aus dem Fahrzeug sendet die Hardware Daten zu den Fahrten direkt an die Emil-Server. Verbraucherschützer kritisieren, den Trend hin zum gläsernen Autofahrer. Die Berliner setzten die technische Möglichkeit allerdings vergleichsweise zurückhaltend ein. Einige Versicherungskonzerne sind bereits dazu übergegangen, das Fahrverhalten ihrer Versicherten zu analysieren: Je vorsichtiger, desto günstiger der Tarif. Knutzen betont, dass das Fahrverhalten bei Emil keinen Einfluss auf die Versicherungsprämie hat.

Emil ist allerdings nicht allein auf dem digitalen Autoversicherungsmarkt. Auch das Schweizer Start-up Friday bietet seit dem vergangenen Jahr eine Lösung an: Bei Friday schätzt der Kunde anfangs seine jährliche Kilometerzahl. Am Jahresende schickt er dann ein Foto seines Kilometerstandes, dann bekommt er eine Erstattung oder muss nachzahlen. Die Schweizer werden vom Versicherungskonzern Baloise aus Basel unterstützt. Friday visiere ein Prämienvolumen von deutlich mehr als 100 Millionen Euro an, hieß es. Auch Emil hat sich mit einem Partner aus der alten Versicherungswirtschaft zusammengetan. Die Gothaer Versicherung übernimmt als Partner die Schadensregulierung.

Knutzen und Maslowski sind aber auch in der Berliner Gründerszene bestens vernetzt. Einen einstelligen Millionenbetrag haben die Unternehmer für ihr Start-up bereits eingesammelt, ein Großteil davon kommt von lokalen Geldgebern. Zu den Investoren zählen unter anderem Getyourguide-Gründer Johannes Reck und Verena Pausder von Fox & Sheep.

Für Knutzen und Maslowski ist Emil ein persönlicher Neustart. 2015 hatten sie den digitalen Umzugsservice Movinga gegründet, den sie im Sommer 2016 verlassen mussten. Vertriebsmitarbeiter hatten Wachstumszahlen manipuliert. „Movinga hat sich rasant entwickelt, das ist uns über den Kopf gewachsen“, sagt Knutzen heute. Binnen weniger Monate hatte das Start-up damals mehr als 500 Mitarbeiter, musste binnen eines Jahres sieben Mal umziehen. Vertrieb und Finanzen schienen ungeordnet.

Bei Emil soll nun alles anders werden. „Wachstum steht nicht an erster Stelle. Wir wollen vor allem, dass unsere Kunden zufrieden sind“, sagt Knutzen. Um zu zeigen, wie er sich das vorstellt, holt er sein Smartphone aus der Hosentasche und öffnet die Emil-App. Mit einem Finger tippt er dann auf Chat und schreibt einem seiner Mitarbeiter, der innerhalb einer Minute zurückschreibt. So gehe es auch echten Emil-Kunden, verspricht der Gründer. Das junge Start-up hat derzeit 16 Mitarbeiter. Platz für Wachstum wäre da: Im 270 Quadratmeter großen Büro in Mitte sind noch einige Stühle unbesetzt.

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