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Berliner Start-up plant Revolution für E-Autos

Ubitricity rüstet Laternen zu Ladepunkten um. Die Strom-Abrechnung funktioniert wie bei einem Mobilfunkvertrag.

Gründer Frank Pawlitschek im Ubitricity-Büro auf dem Euref-Campus in Schöneberg

Gründer Frank Pawlitschek im Ubitricity-Büro auf dem Euref-Campus in Schöneberg

Foto: Krauthöfer

Berlin. Frank Pawlitschek hat mehrere Jahre im Silicon Valley in Kalifornien gelebt. In der Heimat von Apple und Google hat er gesehen, wie aus einfachen Ideen milliardenschwere Konzerne geworden sind. Jetzt steht der 43 Jahre alte Jurist in einem Büro auf dem Schöneberger Euref-Campus und will selbst sein eigenes Wunder erleben.

Vor zehn Jahren hat Pawlitschek mit seinem Geschäftspartner Knut Hechtfischer das Unternehmen Ubitricity gegründet. Heute ist das Berliner Start-up für viele Städte und Gemeinden ein gefragter Partner, wenn es darum geht, bestehende Infrastruktur für die Elektromobilität fit zu machen. Zuletzt hatte Ubitricity in zwölf Bezirken Londons sowie in Oxford mehr als 300 Straßenlaternen zu sogenannten Ladepunkten umgerüstet. Auch mit zahlreichen deutschen Kommunen ist das Unternehmen im Gespräch.

Angesichts der Diskussionen um Dieselfahrverbote habe das Interesse der Städte zugenommen, sagt Frank Pawlitschek. Doch weil die Zahl der umweltschonenden E-Autos deutschlandweit noch immer vergleichsweise überschaubar ist, scheuen viele Kommunen die Investitionen in die Ladeinfrastruktur.

Straßenlampen im Blickfeld

Ubitricity will mit seiner Lösung die Ladepunkte vor allem in bestehende Stadtmöbel integrieren. Straßenlampen seien dabei vor allem deswegen im Blickfeld, weil derzeit ohnehin viele Kommunen immer mehr Technik in die Masten steckten, so Pawlitschek. Derzeit würden an den Leuchten vielfach unter anderem Kameras zur Parkraumüberwachung oder Kommunikationssysteme wie Bluetooth oder Wlan integriert werden, so der Ubitricity-Gründer.

Diese Technikoffensive will das Unternehmen auch für seine Idee nutzen. Die Aufrüstung einer Straßenlampe zur Ladesäule ist zudem vergleichsweise günstig: Etwa 1000 Euro pro Laterne kostet Kommunen der Einbau. Eine herkömmliche E-Ladesäule verschlingt dagegen bis zu 15.000 Euro.

Ubitricity geht es aber nicht nur um die Ladeinfrastruktur. In den Büroräumen auf dem Euref-Campus haben Frank Pawlitschek und Knut Hechtfischer auch das Aufladen der Fahrzeuge an sich völlig neu gedacht. Pawlitschek deutet auf ein gelbes Kabel, an dem ein grüner Stromzähler angebracht ist.

Zwei Dinge macht die Erfindung möglich, sagt der Ubitricity-Chef. Erstens könnten Ladevorgänge auf die Kilowattstunde genau erfasst und abgerechnet werden. Zweitens könne für das Kabel ein Stromvertrag abgeschlossen werden, so wie es bislang nur für ein ganzes Haus möglich war. Deutschlandweit machen derzeit neun Anbieter bei sogenanntem Mobilstrom mit, darunter auch die Gasag aus Berlin.

„Das System funktioniert wie ein Mobilfunkvertrag“, sagt Pawlitschek. Kunden könnten ihren gewünschten Vertrag wählen. Je nach Kontrakt kostet das Kabel dann zwischen einem und 400 Euro. Auch eine Flatrate sei generell denkbar, so der Unternehmer. In den Ubitricity-Märkten Deutschland und Großbritannien seien bislang rund 500 Kabel verkauft worden.

Lösung mehrerer Probleme

Für Elektroauto-Fahrer löst die Idee gleich mehrere Probleme. Verbraucher müssen sich nicht mehr mit verschiedenen Abrechnungsmethoden von unterschiedlichen Anbietern herumärgern. Gleichzeitig dürfte das Angebot auch Stadtbewohnern entgegenkommen, die ihren Wagen etwa in einer Tiefgarage parken. „Die Abrechnung des Stromverbrauchs bedeutet keinen Mehraufwand mehr“, erklärt Pawlitschek. Ähnlich sei es auch für Nutzer, die als Firmenwagen ein E-Auto von ihrem Arbeitgeber bekommen hätten und nicht selbst den geladenen Strom bezahlen wollten.

Mit dem Ubitricity-Kabel ist aber noch ein weiteres Modell denkbar: Wissenschaftler sehen in den E-Autos auch mobile Energiespeicher, die je nach Bedarf Strom entnehmen, aber auch ins Netz einspeisen können. Denkbar ist das etwa dann, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht und deswegen die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nachlässt. E-Autos könnten dann für eine kurze Zeit das Stromnetz stabilisieren und Ubitricity-Kunden gewissermaßen auf dem Parkplatz Geld verdienen. Der eingespeiste Strom würde dann auf der monatlichen Abrechnung gutgeschrieben werden.

Frankreich und Belgien als neue Märkte im Visier

Dass die Geschäftsaussichten für das Berliner Unternehmen gut sind, ist auch Investoren aufgefallen. In der Startphase von Ubitricity half die landeseigene IBB Beteiligungsgesellschaft. Mittlerweile sind auch der Industriekonzern Siemens, die Unternehmerfamilie Dürr sowie die französische Elek­trizitätsgesellschaft Électricité de France an dem Start-up beteiligt. Mit dem starken Partner im Rücken will Ubitricity jetzt in Frankreich und Belgien weiterwachsen.

Neben der Aufrüstung von Straßenlaternen hat Frank Pawlitschek zudem weitere Stadtmöbel im Visier, die sich gut als Stromladepunkte eignen würden: Parkscheinautomaten kommen infrage oder auch elektrische Werbeanlagen. Wichtig ist vor allem die Nähe zu Parkplätzen. „Parkzeiten sind Ladezeiten“, sagt Pawlitschek. Geht die Ubitricity-Rechnung auf, dürfte vor allem die Bedeutung von herkömmlichen Tankstellen schwinden.

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