Medizin

Berliner Start-up-Firma macht Hautkrebs sichtbar

Das junge Unternehmen Magnosco hat ein Gerät entwickelt, das das bisherige Verfahren zur Diagnose von Hautkrebs revolutionieren könnte.

Magnosco-Chefin Inga Bergen (r.) und Marketing-Leiterin Larissa Middendorf erklären den Laser.

Magnosco-Chefin Inga Bergen (r.) und Marketing-Leiterin Larissa Middendorf erklären den Laser.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Inga Bergen hat einfach „Nein“ gesagt. In den vergangenen Monaten musste die Geschäftsführerin des Berliner Medizintechnik-Start-ups Magnosco gleich mehrere Übernahme­offerten großer Konzerne ablehnen. Immer wieder kommt es vor, dass die weltumspannenden Unternehmen mit dem großen Geld locken, um jungen Gründern aussichtsreiche Ideen abzukaufen.

Doch bei Inga Bergen bissen die Innovations-Jäger auf Granit. Die Magnosco-Chefin will die Erfindung aus Adlershof selbst zur Marktreife bringen. Dafür gibt es gute Gründe. Denn Magnosco hat ein Gerät entwickelt, das das bisherige Verfahren zur Diagnose von Hautkrebs revolutionieren könnte.

So funktioniert die Technik

Der Vorteil der neuen Technik des Start-ups liegt dabei auf der Seite der Patienten. Bislang ist die Hautkrebs-Untersuchung für viele Menschen vor allem eine unangenehme Angelegenheit. Es gibt zwar auch optische Verfahren, die mithilfe von Software betroffene Hautstellen untersuchen können, doch die Technik ist ungenau. Für eine sichere Diagnose schneiden Mediziner heute Teile der Haut heraus und schicken die Gewebeprobe in ein Labor.

Dank der Magnosco-Technik entfällt die Prozedur. Mithilfe eines Lasers und einer Software untersucht das Gerät die auffälligen Pigmente direkt auf der Haut. Innerhalb von wenigen Minuten können Ärzte dann über einen Bildschirm erkennen, ob es sich um ein gefährliches Melanom, den schwarzen Hautkrebs, handelt.

Das Gerät aus Adlershof funktioniert so: Ein Laser schießt Laserstrahlen auf die Haut, die Software analysiert dann das zurückkommende Licht. „Wir können mithilfe des Lasers den Fingerabdruck des Melanoms erkennen“, erklärt Inga Bergen.

Mehrere Studien – unter anderem mit dem Berliner Klinikum Charité – haben zuletzt die Zuverlässigkeit des Verfahrens bewiesen. In den vergangenen Monaten führte Magnosco in Zusammenarbeit mit Kliniken Untersuchungen an 600 Patienten durch. Fünf Geräte hat das Unternehmen in den Räumen im Adlershofer Gewerbegebiet bereits hergestellt.

In Zusammenarbeit mit der Krankenkasse AOK nahmen die Erfinder zudem weitere Verbesserungen vor. Der Aufsatz etwa, den Patienten vor der Laser-Untersuchung auf die Haut legen müssen, war zunächst aus Silikon. „Jetzt verwenden wir ein Tuch, das wir in Tattoo-Studios gefunden haben“, sagt Magnosco-Chefin Bergen. „So ist es für die Patienten angenehmer.“

Serienproduktion noch in diesem Jahr

Noch in diesem Jahr will das Unternehmen in die Serienproduktion starten und ab 2019 Dutzende Geräte ausliefern. Um die Fertigung stemmen zu können, sucht Magnosco derzeit nach einem Partner, der den Zusammenbau der Technik übernehmen soll. Künftige Kunden stehen bereits Schlange. „Es gibt eine Warteliste“, verrät Bergen.

Arztpraxen sollen das Gerät aber nicht kaufen, sondern leihen. Für jede Untersuchung mit der Magnosco-Technik will das Unternehmen dann Gebühren berechnen. Derzeit müssten Patienten für das neue Verfahren noch selber zahlen. Die Hautkrebs-Diagnose ist noch keine Kassenleistung. Das Medizintechnik-Start-up arbeitet aber daran, das bald zu ändern.

Helfen soll dabei auch Inga Bergen. Die 40 Jahre alte Magnosco-Geschäftsführerin weiß genau, wie die Gesundheitsbranche tickt: Bergen ist mit Medizinern, Krankenhäusern und Kassen bestens vernetzt, ist auch Botschafterin des Gesundheits-Clusters in der Hauptstadtregion. Bevor Bergen als Geschäftsführerin bei Magnosco anheuerte, war sie zudem Chefin der Bertelsmann-Tochter Welldoo. Die Kunden des App-Entwicklers waren vor allem Krankenkassen. Bergen weiß deswegen auch, wie schwer es sein kann, neue Ideen in die Gesundheitsbranche einzubringen.

Eine erste Hürde hat Magnosco aber bereits genommen: Seit Anfang des Jahres ist das Diagnose-Instrument als Medizingerät zugelassen. Damit Patienten die Untersuchung künftig nicht immer aus eigener Tasche bezahlen müssen, arbeitet Bergen auch daran, dass die Krankenkassen das Verfahren anerkennen. Dafür müssen weitere Studien durchgeführt werden.

Bis zu zwei Millionen Euro dürfte die Zulassung als Kassenleistung kosten. Bergen selbst rechnet noch mit mehreren Jahren Überzeugungsarbeit, bis es so weit ist.

Magnosco ist aus dem Berliner Mittelständler LTB Lasertechnik hervorgegangen. Der Physiker Dieter Leupold hatte die Technik entwickelt, die heute das Herzstück des neuen Verfahrens bildet. Um die Erfindung weiter voranzubringen und erste Prototypen zu entwickeln, hat das Start-up bislang rund 5,5 Millionen Euro eingesammelt. Geldgeber sind mehrere Familien aus der Schweiz, die nicht in der Öffentlichkeit auftreten.

Weitere finanzielle Unterstützung

Für die nächsten Schritte, unter anderem die breite Markteinführung, benötigt Magnosco aber weitere finanzielle Unterstützung. Derzeit bereitet das Unternehmen die neue Finanzierungsrunde vor. 2019 will Magnosco dann rund zehn Millionen Euro einsammeln. Das Geld soll die Tür zur Serienfertigung öffnen und auch dafür sorgen, das Verfahren weiter zu verbessern.

In den Magnosco-Räumen ist es dem Forschungsteam bereits gelungen, die Zeit zwischen Laser-Untersuchung und der Diagnose von vier auf eine Minute zu reduzieren. Zudem arbeiten die zwölf Beschäftigten daran, das Verfahren auch auf andere Hautkrebs-Arten auszuweiten.

Chefin Inga Bergen sieht für die Technik zudem auch Potenzial in Auslandsmärkten. Europaweit sterben jedes Jahr rund 22.000 Menschen an einem bösartigen Melanom. Aber auch am anderen Ende der Welt dürfte die Technik aus Adlershof gebraucht werden. Weil in Australien die Ozonschicht besonders dünn ist, erkranken etwa zwei von drei Einwohnern im Laufe ihres Lebens an Hautkrebs.

Je früher die Krankheit entdeckt wird, desto besser stehen die Heilungschancen.

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