Trendfirmen

Wenn die Start-ups nach Marzahn ziehen

Der Gewerbehof an der Wolfener Straße in Marzahn entwickelt sich zu einem Zentrum für erfolgreiche Trendfirmen.

Paul Rauhut, technischer Mitarbeiter bei ic! berlin

Paul Rauhut, technischer Mitarbeiter bei ic! berlin

Foto: Anikka Bauer

Das Entrée der Brillenmanufaktur "ic! berlin" entspricht dem Bild eines jungen Berliner Unternehmens, dem viele das Prädikat "hip" zuschreiben würden. Eine Lounge mit Sofas im XL-Format, schwarzem Konzertflügel und Fußballkicker, daneben eine opulente Küche, in der die Mitarbeiter mittags vollwertige Mahlzeiten zubereiten und nicht nur Kaffee kochen. Räume, wie man sie in Mitte erwartet, wo die Manufaktur auch viele Jahre ansässig war. Doch die innovativen Brillen werden inzwischen am Stadtrand produziert, auf einem Gewerbehof an der Wolfener Straße in Marzahn. Und "ic! berlin" ist dort längst kein Exot mehr, der weitläufige Komplex der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft GSG hat sich zu einem Standort für erfolgreiche Nachwuchsbetriebe entwickelt, die zuvor ihr Domizil in Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg hatten. Weil sie dort keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr vorfanden, wagten sie den Umzug. "Go East" lautete die Devise.

"ic! berlin" (sprich: I see Berlin), vor 20 Jahren gegründet, nutzte früher 2400 Quadratmeter in der Backfabrik an der Ecke Torstraße in der Stadtmitte. 2015 war eine Vergrößerung unausweichlich, in Mitte zu akzeptablen Bedingungen aber nicht möglich. Der Chef Jörg Reinhold schaute sich mehrere Standorte an. Marzahn machte das Rennen.

Der Betrieb spart pro Jahr 500.000 Euro

"Die Räume sind genial, wir haben hier tolle Möglichkeiten", schwärmt Reinhold. Zudem spare der Betrieb 500.000 Euro pro Jahr im Vergleich zu einer Standorterweiterung in Mitte ein. An der Wolfener Straße kann sich die Firma nun auf 3600 Quadratmetern weiterentwickeln. Eine vor dem Umzug nach Marzahn gemietete Produktionsfiliale in Moabit besteht fort, ebenso ein kleines "Kreativbüro" an der Linienstraße in Mitte.

Die Tageskapazität liegt bei 1000 Brillen. "ic! berlin" ist inzwischen ein internationales Unternehmen, beschäftigt 200 Mitarbeiter, davon 140 in Marzahn. Geliefert werden die Modelle aus Büffelhorn, Titan oder mit High-Tech-Beschichtung unter anderem in die USA und nach Japan. Die Gestelle sind allesamt aufwändig handgefertigt und kosten zwischen 300 und 2500 Euro.

Natürlich war Jörg Reinhold bei seiner Standortwahl klar, dass es schwer werden würde, die Mitarbeiter von einem Wechsel ausgerechnet nach Marzahn zu überzeugen. Er habe ein Jahr vor dem geplanten Umzug mit allen Mitarbeitern gesprochen und Ausgleichsangebote wie flexible Arbeitszeiten und zwei zusätzliche Urlaubstage gemacht, erzählt der Managing Director. Die ersten Reaktionen seien dennoch herbe ausgefallen: "Da fahr' ich nicht hin" oder "Eine Adresse in Marzahn macht die Marke tot". Am Ende hätten aber nur sechs Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Letztlich überzeugte die meisten Kollegen, dass die Wolfener Straße eben doch nicht am Ende der Welt liegt. Die S-Bahn-Linie 7 (Potsdam – Ahrensfelde) hält direkt vor der Tür. Vom Alexanderplatz braucht man rund 20 Minuten. Zudem hätten alle mehr Platz als in Mitte, das Raumklima und der Lärmschutz seien besser, zählt Reinhold weitere Vorteile auf. Einziger Kritikpunkt: Es gebe zu wenige Parkplätze.

Spirit von Mitte soll weiter die Marke beleben

Auch "Shoepassion" hat seinen Betrieb im Sommer 2015 an die Wolfener Straße verlegt. Auf 2500 Quadratmetern lagern 6000 Paar Schuhe, sind Vertrieb, Marketing, Showroom, Foto-Studio für die Online-Präsentation, Ladenbau und Reparaturwerkstatt untergebracht. Gefertigt werden die ausschließlich rahmengenähten Modelle in Spanien und in der Budapester Manufaktur "Heinrich Dinkelacker".

2009 haben fünf Gründer das Unternehmen als Start-up für Internethandel eröffnet. Heute zähle man 125 Mitarbeiter, sagt Tobias Börner, einer der Gründer. "Shoepassion" sei mehrfach umgezogen, zuletzt sei das Lager in einem staubigen Gewölbe der alten Markthalle an der Ackerstraße in Mitte untergebracht gewesen. Allerdings hat "Shoepassion" seinen Stützpunkt dort nicht komplett aufgegeben. 30 Mitarbeiter sind immer noch an der Ackerstraße tätig, "damit der Spirit von Mitte weiterhin die Marke belebt", wie es Börner formuliert.

Ein drittes Unternehmen, das man vom Image her nicht in Marzahn verorten würde, ist "Proviant". Die 2009 gegründete Fruchtmanufaktur produziert Limonaden und Smoothies. Früher war sie in Kreuzberg beheimatet. Fünf Umzüge in sieben Jahren haben Geschäftsführer Paul Löhndorf und sein Team hinter sich – Wachstumsschmerzen eben. Die Limonaden werden in Nordrhein-Westfalen abgefüllt, aus Marzahn kommen Smoothies in elf verschiedenen Sorten. "Proviant" musste 2015 sein Kreuzberger Domizil verlassen, weil der Betrieb eine größere Abfüllanlage benötigte. Und weil Löhndorf kein anderes Objekt mit geeigneter Zufahrt für 40-Tonnen-Lkw fand, landete die Firma in Marzahn.

Komplex ist fast ausgebucht

Der Hof an der Wolfener Straße habe sich sehr gut entwickelt, berichtet Löhndorf. 2014 hätten noch 50 Prozent der Flächen leergestanden, jetzt sei der Komplex fast ausgebucht. "Eine spannende Entwicklung", sagt der "Proviant"-Geschäftsführer. Es gebe einen massiven Zuzug von Firmen, auch von Start-ups aus dem Kreativ- oder Food-Bereich. Das große Interesse ist vor allem eine Folge der Mietenentwicklung in der Innenstadt. "Proviant" zahlte in Kreuzberg zum Schluss zehn bis elf Euro pro Quadratmeter.

Mit 45 Standorten gehört die GSG zu den größten Anbietern von Gewerbeflächen in Berlin. An den zwei benachbarten Gewerbehöfen Wolfener Straße 32-34 sowie 36 sind rund 150 Mieter auf 100.000 Quadratmetern Gewerbefläche ansässig. Die Auslastung liege inzwischen bei 85 Prozent, sagt Oliver Schlink, kaufmännischer Geschäftsführer der GSG. Die Miete koste vier bis fünf Euro pro Quadratmeter, je nach Ausbauzustand der Flächen. Über Firmen wie "ic! berlin" und "Proviant" freut sich Schlink besonders. Die seien "sexy" und hätten Ausstrahlung auf andere Interessenten. Der Karneval der Kulturen hat dort übrigens auch seinen Sitz.

Den Mietpreis, die gute Anbindung und den dort herrschenden "Hofgeist" nennt Paul Löhndorf als die wesentlichen Vorteile des Standorts. " Und wir haben Eichhörnchen auf dem Hof", berichtet er.

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