Clever Shuttle

Berliner Start-up greift Taxi-Riesen Uber an

Clever Shuttle will die Mitfahrzentrale neu erfinden – mit Smartphone-App, künstlicher Intelligenz und Elektroautos.

Slava Tschurilin, Bruno Ginnuth und Jan Hofmann (v.l.) haben den Mitfahrgelegenheitsdienst Clever Shuttle gegründet

Slava Tschurilin, Bruno Ginnuth und Jan Hofmann (v.l.) haben den Mitfahrgelegenheitsdienst Clever Shuttle gegründet

Foto: BM

Berlin.  Das Prinzip ist bekannt: Der erste Fahrgast will von Charlottenburg nach Prenzlauer Berg, der zweite von Mitte nach Pankow. Also sammelt der Fahrer beide der Reihe nach ein und lässt sie an ihren Zielorten aussteigen. Mitfahrgelegenheit nannte man das früher, als es noch kein Internet gab. "Ride pooling" heißt das heute. Anders als früher werden Auto und Fahrgast nicht von einer Telefonistin, sondern mit der künstlichen Intelligenz eines Computerprogramms zusammengebracht, das die optimale Auslastung des Fahrzeugs und die kürzesten Wege errechnet. Das Auto wird per Smartphone-App bestellt.

Und wenn das Ganze dann noch im CO2-neutralen Elektroauto stattfindet, geht der Transport nicht nur umweltfreundlich, sondern auch weitgehend geräuschlos vonstatten. Bruno Ginnuth, Jan Hofmann und Slava Tschurilin haben sich das Projekt ausgedacht, ihm den Namen "Clever Shuttle" verpasst und es zunächst in München und Leipzig auf die Straße gebracht. Seit September fahren sie mit zehn weißgrünen Elektrofahrzeugen Nissan "Leaf" auch durch Berlin – "gesetzeskonform", wie Bruno Ginnuth betont. "Wir halten uns an alle Regeln." Das ist ihm wichtig – anders als dem großen Mitbewerber Uber aus den USA, dessen Dienst Uber Pop an allen deutschen Standorten nach Gerichtsverfahren verboten oder proaktiv vom Markt genommen wurde. Für CleverShuttle sei nicht leicht gewesen, die Behörden zu überzeugen, vor allem in Berlin. Doch es habe geklappt. Jedenfalls für die ersten zehn Autos, sagt er

Clever Shuttle ist rechtlich gesehen ein Mietwagenunternehmen. Alle Fahrer sind fest angestellt und erhalten Stundenlöhne, je nach Einsatzort, zwischen zehn und 15 Euro. Sie verfügen wie Taxifahrer über eine Lizenz zur Personenbeförderung – kurz P-Schein genannt. Das bedeutet, dass sie ein Führungs- und ein Gesundheitszeugnis vorweisen können sowie über entsprechende Sachkunde verfügen.

Neun bis zwölf Standorte in anderen Städten angepeilt

Anders als der umstrittene Fahrdienst Uber sieht sich Clever Shuttle nicht als Plattform, die (selbstständige) Fahrer und Fahrgäste gegen Gebühr vermittelt, sondern als Beförderer. Uber musste sich deshalb mehrfach vor Gericht verantworten. Der Dienst Uber Pop, der dieses Konzept am konsequentesten verfolgt, ist praktisch in ganz Deutschland verboten worden. Zurzeit ist eine Klage am Europäischen Gerichtshof anhängig, bei der es um die Frage geht, ob Uber ein Vermittler oder ein Beförderer ist. Am Ende des Gerichtsverfahrens, das in einigen Monaten erwartet wird, könnte das Ende des Uber-Konzepts in Europa stehen. Denn ein Beförderer muss seine Fahrer einstellen, und das will Uber vermeiden.

Das könnte auch der Grund sein, warum Uber seinen Dienst Uber Pool noch nicht nach Deutschland gebracht hat. Er funktioniert ähnlich wie Clever Shuttle, nur dass auch bei Uber Pool die Fahrer Selbstständige sind. Die Plattform ist damit in den USA sehr erfolgreich. "Wir sehen uns vom Uber-Erfolg nicht bedroht, sondern bestätigt", sagt Bruno Ginnuth.

Das Bundesverkehrsministerium hat das Unternehmen mit ihrem Mobilitätspreis ausgezeichnet. Interesse zeigt unterdessen die Deutsche Bahn: Sie und sich an einer Finanzierungsrunde beteiligt. "Unsere Dienstleistung schließt die Lücke in der Reisekette", sagt der Gründer. Mit Clever Shuttle lasse sich die erste und die letzte Meile einer Reise bewältigen. Bahn-Chef Rüdiger Grube sieht das ähnlich: "Unsere Kunden wünschen nahtlose Reiseketten, dafür bieten digitale Technologien neue Chancen", wird er in einer Konzernmitteilung zitiert. Der Verkehrskonzern hält 19 Prozent der Anteile.

Bruno Ginnuth und sein Team, das auf dem Euref-Campus am Schöneberger Gasometer arbeitet, wollen zunächst ihre Fahrzeugflotten in den einzelnen Städten ausbauen. Sie wollen ihren Dienst ferner in andere Städte bringen. Für das Jahr 2017 haben sie neun bis zwölf Standorte eingeplant. Um das zu realisieren, haben die Gründer eine weitere Finanzierungsrunde geplant.

Konkret ist bereits die Erweiterung nach Hamburg und Frankfurt: Ab Sommer ist Clever Shuttle auch in der Hansestadt unterwegs. Zu Beginn stehen Hamburgern 15 Nissan "Leaf" samt fest angestellten Fahrern für Sammelfahrten zur Verfügung, wie das Unternehmen in Berlin mitteilte. Ab Sommer stehen auch in Frankfurt 15 Fahrzeuge zum RideSharing bereit. Danach sollen Dresden und Stuttgart folgen.

Ihre große Vision ist ein "Clever Bus", der entlegene Dörfer in schwach besiedelten Gegenden verbindet. "Diese Idee könnte man dann an lokale Verkehrsunternehmen lizenzieren", sagt Ginnuth. Der Kunde würde per App seinen Bus bestellen, der an einer virtuellen Haltestelle vor der Haustüre hält. "Ich sehe da ein sehr großes Potenzial", sagt der Gründer. Dieses Konzept scheiterte bislang an einem geeigneten Elektrofahrzeug mit sieben Sitzen.

Gründer haben die Vision der nahezu autofreien Stadt

Die Fahrten mit Clever Shuttle (innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings sonntags bis donnerstags, 18 bis 1 Uhr, freitags und sonnabends bis 4 Uhr) sind 40 bis 60 Prozent billiger als vergleichbare Taxifahrten. Eine Tour vom Görlitzer Park zum Tempelhofer Feld kostet knapp vier Euro, eine Fahrt vom Zoo zum Mauerpark 6,50 Euro. "An einigen Tagen fahren wir schon profitabel", berichtet Gründer Ginnuth. Bei einem Drittel der Fahrten werde unterwegs ein weiterer Fahrgast eingeladen. Die Sharing-Quote steige.

Wenn es flächendeckende Netze für das Teilen von Verkehrsmitteln gibt, brauchen die Menschen kein Auto mehr, ist der Berliner Gründer Bruno Ginnuth überzeugt. "Das Auto wird zunehmend zu einem Hindernis in der Stadt."

Und einen positiven Nebeneffekt hat das Pooling auch: Das geteilte Auto wird zu einem Ort der Begegnung. "Die Kunden finden das klasse", sagt der Gründer und berichtet von der Lovestory zweier Fahrgäste in einem seiner schlauen Shuttles.

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