Start-up

Wie drei Worte künftig komplette Adressen ersetzen könnten

„Standort.eindeutig.bestimmen“ – Revolution des Straße-Hausnummer-Systems? Drei Worte reichen, um jede Adresse der Welt zu beschreiben.

In der Mongolei sind die Wort-Adressen schon im Einsatz. Das ist bei wechselnden Wohnorten besonders nützlich.

In der Mongolei sind die Wort-Adressen schon im Einsatz. Das ist bei wechselnden Wohnorten besonders nützlich.

Foto: what3words.com

London.  "Erdkunde.wecker.popmu­sik" markiert das nördliche Ende der Düsseldorfer Einkaufsmeile Kö, "offener.daheim.geistesblitz" ist der Standort der Siegessäule in Berlin, "piepen.binden.satt" beschreibt die Lage der Rheinbrücke bei Karlsruhe.

Eindeutig und einprägsam – das waren die entscheidenden Kriterien für Chris Sheldrick, als der Mittdreißiger auf der Suche war nach einem vollständig neuen Adresssystem für den ganzen Globus. Das Resultat seiner Idee ist What3Words, ein Start-up mit Sitz in London, das ein Gitternetz von 57 Billionen drei mal drei Meter großen Quadraten über die Erde gelegt hat.

Verwechslungsgefahr vermeiden

Jedes dieser Quadrate wird mit drei Wörtern eindeutig beschrieben. Um Verwechslungen zu vermeiden, sind ähnlich klingende Adressen möglichst weit voneinander entfernt: So liegt "erdkunde.wecken.popmusik" im Osten Südafrikas, Tausende von Kilometern von Düsseldorf entfernt. Und "offener.zuhause.geistesblitz" nicht in Berlin, sondern nordwestlich von Peking.

Das System hört sich bizarr an – aber weltweit gibt es laut UN-Statistik vier Milliarden Menschen, die keine Adresse haben, sei es weil sie in überfüllten Slums leben oder in ländlichen Gebieten, für die nie Straßennamen vorgesehen wurden.

130 Staaten mit lückenhaftem Adresssystem

"Diese Menschen sind in vielerlei Hinsicht praktisch unsichtbar", sagt Sheldrick. Sie können keine Post bekommen, werden in vielen offiziellen Statistiken nicht erfasst und haben große Probleme, ein Gewerbe anzumelden. Schätzungen sprechen von mehr als 130 Staaten weltweit, deren Adresssystem lückenhaft ist.

Sheldrick hat seine ganz persönlichen Erfahrungen damit gemacht. Jahrelang war er als Veranstaltungsmanager in der Musikindustrie tätig und hatte in dieser Zeit immer wieder damit zu kämpfen, Band und Material zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bekommen. "Eine Weile haben wir GPS-Koordinaten benutzt – um dann die gesamte Ausstattung für ein Konzert eine Stunde südlich von Rom stattdessen nördlich der Stadt vorzufinden, weil der Fahrer zwei Ziffern der langen Koordinaten vertauscht hatte", sagt er und lacht.

Neues Adress-Konzept gibt es in elf Sprachen

Seine Drei-Wort-Methode macht dagegen ganz eindeutige Treffpunkte möglich. Der Eingang zu dem Bürogebäude im Westen Londons, in dem die What3Words-Mitarbeiter sitzen, liegt bei "welche.tischtennis.bekannte". Bis zu Sheldricks Büro geht es durch eine Reihe von Quadraten bis nach "zimt.reihe.zeit".

Inzwischen existiert das Konzept in elf Sprachen, von Englisch über Finnisch bis Deutsch. In jeder Sprache sind alle globalen Adressen verzeichnet. Acht weitere sollen bis zum Jahresende dazukommen. Das hat schon eine Reihe von Kunden überzeugt, die das System für die professionelle Navigation einsetzen.

Mongolische Staatspost führt Drei-Wort-Adressen ein

Der größte Erfolg: ein im Sommer abgeschlossener Vertrag mit der mongolischen Staatspost. In Kürze sollen dort drei Worte genügen, um einen Brief in dem Drei-Millionen-Einwohner-Staat zum Empfänger zu bringen. In dem ostasiatischen Land gibt es zwar in der Hauptstadt Ulan-Bator eine Reihe klassischer Adressen, doch im Rest des sehr dünn besiedelten Landes sind sie die Ausnahme.

Während sowohl die App als auch die Nutzung der Kartenfunktion für private Nutzer kostenlos sind, zahlen kommerzielle Nutzer eine volumenabhängige Lizenzgebühr. Ihnen ist es auch möglich, mithilfe eines Datenbankzugriffs in großem Stil klassische Adressen umzukodieren.

Orientierungshilfe für die Armenviertel in Rio de Janeiro

Carteiro Amigo, ein genossenschaftlicher Zustelldienst in den Favelas von Rio de Janeiro, nutzt das Konzept schon seit einigen Monaten, um Briefempfänger in den dicht bebauten Gassen ausfindig zu machen. Auch das Logistikunternehmen Aramex aus Dubai hat das System schon im Einsatz. Die Aramex-Führung ist so angetan von der Drei-Wort-Idee, dass der Konzern bei der jüngsten Finanzierungsrunde über 8,5 Millionen Dollar die Führung übernommen hat. Auch der IT-Konzern Intel und die Investmentfirma Horizon Ventures des chinesischen Milliardärs Li Ka-shing sind an What3Words beteiligt.

Doch Sheldrick betont, dass die Nutzung keineswegs auf Logistik beschränkt ist. So nutzt derzeit die Filmcrew des Steven-Spielberg-Science-Fiction-Films "Ready Player One" das System, um sich zuverlässig an Drehorten zu finden. Die Vereinten Nationen haben vor einer Weile eine App vorgestellt, die das System bei Naturkata­strophen einsetzt, um die Aufenthaltsorte von Personen zu bestimmen und Rettung zu schicken. Unter anderem in Haiti, Pakistan und Thailand war What3Words dafür schon im Einsatz.

Der Code basiert auf 40.000 Wörtern

Nun werkeln Sheldrick und seine derzeit 22 Mitarbeiter an weiteren Sprachversionen. Dafür wird nicht einfach übersetzt, sondern in jeder Sprache ein Pool von 40.000 geeigneten Wörtern identifiziert.

Norwegisch, Griechisch und Arabisch sind in Arbeit, vier indische Sprachen sollen bis zum Jahresende folgen. "Außerdem optimieren wir gerade die Spracheingabe weiter", sagt Sheldrick. Damit der Nutzer in Bälde seine Smartwatch nach dem Weg zu "aufsatz.solange.mütze" fragen kann – und direkt bis zum Gipfel der Zugspitze geleitet wird.

Auch "standort.eindeutig.bestimmen" ist tatsächlich eine reale Adresse – sie liegt im Norden Brasiliens an der Grenze zu Guyana.

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