Berlin

Start-ups und Risikokapital schaffen 17.000 neue Jobs

Venture-Capital-Report der Technologiestiftung Berlin: Investoren setzen zwei Milliarden Euro auf digitale Wirtschaft.

Christopher Özbek (l.), Bartosz Kosmecki (m.) und Andreas Reuter (r.) von Scopis

Christopher Özbek (l.), Bartosz Kosmecki (m.) und Andreas Reuter (r.) von Scopis

Foto: Deutscher Gründerpreis /BAERBEL SCHMIDT / BM

Berlin.  Mit Wagniskapital sind in Berlin seit 2011 mehr als 17.000 Arbeitsplätze geschaffen worden. Das geht aus dem ersten Venture-Capital-Report hervor, den die Technologiestiftung Berlin (TSB) am Mittwoch vorgelegt hat. Damit behauptet Berlin die Position als wichtigste Stadt Deutschlands für Risikokapital. Wagniskapital ist eine Wette auf den Erfolg eines Start-ups, das über keine banküblichen Sicherheiten verfügt und deshalb keinen Kredit erhält. Der Kapitalgeber investiert, erhält dafür Firmenanteile und hofft auf eine Wertsteigerung der Firma sowie ihren gewinnbringenden Verkauf.

Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als zwei Milliarden Euro in junge Berliner Unternehmen investiert, das entspricht zwei Dritteln des deutschlandweiten Volumens. "Das ist mehr, als der Berliner Landeshaushalt an Investitionen ausweist, und ungefähr so viel wie die Investitionen des verarbeitenden Gewerbes in Berlin", sagte Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung. "Das zeigt, wie attraktiv die Start-ups der Stadt sind und welche Perspektiven sie bieten."

Augmented Reality in der Endoskopie

Ein Beispiel ist das Medizintechnikunternehmen Scopis, in dessen Räumen die Studie präsentiert wurde: Die Ausgründung der Charité und der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelt chirurgische Navigationssysteme. "Wir sind ein innovatives weltweit agierendes Unternehmen, das Augmented Reality in der Endoskopie nutzt", sagt Gründer Bartosz Kosmecki. Das System ermöglicht minimalinvasive Neurochirurgie, Nasennebenhöhlen-Eingriffe und Operationen der Lunge.

Scopis hat 200 der Systeme zum Stückpreis zwischen 50.000 und 250.000 Euro verkauft und steht vor der Eröffnung eines Büros in Boston (USA). "Die USA und China stehen 2016 und 2017 in unserem Fokus", sagt Kosmecki und ergänzt: "Ohne Wagniskapital würde es uns nicht geben."

Die meisten Empfänger von Wagniskapital stellen nicht so komplexe Systeme wie Scopis her. Mehr als 60 Prozent des Berliner Investitionsvolumens (1,2 Milliarden Euro) entfielen auf Informations- und Kommunikationsdienstleistungen. Zweitgrößter Empfänger von Wagniskapital ist der Onlinehandel.

Berlin liegt bei den Investoren vorn

Berliner Unternehmen gelingt es häufiger als Firmen in anderen Teilen Deutschlands, Risikokapital von internationalen Investoren einzuwerben. "Aber auch bei den Investoren aus der eigenen Region liegt Berlin eindeutig vor Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg. In Berlin entwickelt sich eine eigene Wagniskapitalszene", sagte Nicolas Zimmer. Auch Unternehmensentwickler sind in Berlin häufiger als anderswo vertreten. "Berlin ist die Hauptstadt dieser Acceleratoren und Inkubatoren", sagte Zimmer.

Die TSB-Studie beschreibt "signifikante Arbeitsmarkteffekte" der von Wagniskapital beschleunigten Firmen. "Sie haben in Berlin in den letzten fünf Jahren 17.198 Arbeitsplätze geschaffen – mehr als die Pharmaindustrie mit 13.976", sagte der TSB-Chef. Zum Vergleich: In der Elektroindustrie entstanden 23.482 Stellen, im Fahrzeug- und Maschinenbau 24.631.

"Für das erste Halbjahr 2016 lässt sich erkennen, dass die Zahl der Deals weiter zunimmt", sagte Zimmer. Allerdings habe es weniger große Finanzierungsrunden als im vergangenen Jahr gegeben. "Der Boom kann auch mal zu Ende sein", warnte er. Deshalb sei eine stärkere Verbindung zwischen Start-ups und Mittelstand erforderlich. Wagniskapital könne auch außerhalb der digitalen Wirtschaft eine wichtigere Rolle bei der Finanzierung von Innovation spielen. Umgekehrt müsse der eigenkapitalstarke Mittelstand für seine Chancen als Wagniskapitalgeber sensibilisiert werden.

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