Start-up

Unterschätzte Frauenpower in Berlin

Die Start-up-Szene ist überwiegend in Männerhand. Fünf erfolgreiche Gründerinnen aus Berlin erklären, wie sich das ändern lässt.

Sonja Jost hat das Chemie-Start-up DexLeChem gegründet

Sonja Jost hat das Chemie-Start-up DexLeChem gegründet

Foto: p.a. / DORIS SPIEKERMANN-KLAAS TSP / picture-alliance

Berlin.  Gründen ist in Berlin weitgehend Männersache. Nur neun Prozent aller Gründungen von Technologieunternehmen entfallen auf Frauen. Forscher der Universität Hohenheim kommen jetzt zu dem Fazit: "Wenn Frauen die Männer in puncto Gründungen einholen würden, könnten es fast doppelt so viele Gründungen sein." Was läuft falsch in Berlin, wo 2015 schätzungsweise 3000 Tech-Start-ups gegründet wurden? Fünf erfolgreiche Gründerinnen geben Antworten.

Professor Andreas Kuckertz und Elisabeth Berger haben in der Studie, die demnächst veröffentlicht wird, 20 Städte und Regionen unter die Lupe genommen, die als Gründer-Hochburgen gelten. Dazu gehören auch Berlin und das US-amerikanische Silicon Valley. Herkömmliche Wirtschaftsförderung greift bei Frauen nicht, lautet ein Ergebnis der Forscher. "Wir haben festgestellt, dass eine starke politische Förderung keinen Einfluss auf den Anteil der Gründerinnen hat. Im Gegenteil: In Ökosystemen mit wenig politischer Förderung gibt es trotzdem relativ viele Gründerinnen." Frauen werden eher selten von Förderprogrammen angeregt, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Die Ansprache ist zu maskulin. So gehen der Wirtschaft Gründungspotenziale verloren.

Kaum eine Frau studiert Informatik

Sonja Jost, Gründerin und Geschäftsführerin des jungen Chemieunternehmens DexLeChem, das kürzlich sein erstes Patent erhalten hat, schließt sich dieser Erkenntnis an: "In den letzten zehn Jahren wurde in Deutschland vor allem der Aufbau einer IT-Start-up-Szene gefördert", sagt sie. "Aber kaum eine Frau studiert in Deutschland Informatik und genau das spiegelt sich bei den Gründungen wider."

In der Chemie sehe das ganz anders aus. Schätzungsweise 40 Prozent aller aktuellen Start-ups würden von Frauen mitgegründet. "Um mehr Frauen zum Gründen zu bewegen, müssen zum einen mehr Frauen zu einer Ausbildung im IT-Bereich motiviert werden. Zum anderen werden gezielte infrastrukturbildende Maßnahmen in Bereichen, wo es gut ausgebildete Frauen gibt, benötigt." Wie in der Chemie.

"Zum Gründen braucht man Vorbilder"

"Zum Gründen braucht man Vorbilder", sagt Elisabeth Berger, Ko­autorin der Studie. Es sei wichtig, weibliche Vorbilder gezielt ins Rampenlicht zu rücken. "Solche Rollenmodelle könnten eine Leuchtturmfunktion einnehmen", hofft Berger. So sieht das auch Lea-Sophie Cramer, Gründerin und Geschäftsführerin von Amorelie, einem Onlineshop für sinnliche Lifestyle-Produkte mit inzwischen 75 Angestellten: "Ich glaube, dass viele Frauen einfach noch nicht den Mut aufbringen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen." Es fehle immer noch an Vorbildern. Cramer bemängelt weiter, dass ein großes Netzwerk an Gründerinnen fehlt, "bei denen man lernen und sehen kann, wie eine Gründung erfolgreich funktioniert". Die frühere Asien-Chefin des Gutscheinportals Groupon, die dort bereits mit 23 Jahren für 1200 Mitarbeiter verantwortlich war, sagt: "Wir Frauen müssen uns noch mehr unterstützen und so die Ängste und Unsicherheiten abbauen."

Netzwerke schaffen

Auch Franziska von Hardenberg, Gründerin des Online-Blumenversands Bloomy Days, versucht Netzwerke zu schaffen, in denen sich Frauen bei der Gründung gegenseitig unterstützen. "Ich bin der festen Überzeugung, dass man als Unternehmensgründer einen Hang zur maßlosen Selbstüberschätzung braucht. Die Herausforderungen sind oft sehr groß und man muss viel Spaß daran haben lösungsorientiert zu denken." Wenn Frauen gründen, entstehen oft großartige Unternehmen, die mit viel Leidenschaft und Willen zum Erfolg geführt werden, sagt Hardenberg. "Meine These ist, dass zwar weniger Frauen gründen, wenn sie es tun, sind sie aber oft erfolgreicher."

Die promovierte Ingenieurin Claudia Nagel vermutet, dass Frauen weniger risikofreudig als Männer sind. Sie hat das Unternehmen Kiwi.ki mitgegründet. Es hat eine Plattform entwickelt, die mit einem Transponder, einem Sensor und einer Smartphone-App Haustüren öffnet. Die Wohnungsgesellschaft Gesobau gehört zu den Kunden. "Frauen gehen auch eher den Weg des geringeren Widerstandes und das ist sicher nicht der der Gründung", begründet Nagel den niedrigen Frauenanteil. Auch sie wirbt für die Vorteile des Unternehmertums: "Die Gründung eines Unternehmens bringt auch Vorteile mit sich, zum Beispiel Entscheidungsfreiheit und einen großen Gestaltungsspielraum."

Niemals aufgeben

Die Gründerin der Zykluskalender-App Clue, Ida Tin, glaubt dagegen, dass Gründerinnen durch Stereotypen ausgebremst werden: "Die Gründerinnen werden in jeder Phase ihrer Reise genauestens durch mehrere Filter beobachtet. Ist sie überzeugt? Ist sie klug? Kann sie ihre Idee gut verkaufen?" Nach ihrer Erfahrung setzen diese Beobachtungen Frauen nicht nur unter Druck, sondern führen zu einer sehr eingeschränkten Idee von einer intelligenten, selbstbewussten Gründerin. "Ich würde Gründerinnen dazu ermutigen, diese Filter nicht als Grenzen zu sehen, sondern als Motivation, weiter- zumachen, weiter an sich zu arbeiten und niemals aufzugeben."

Frauen bevorzugen die Freiberuflichkeit

Auch eine Studie des Bundesverbands Deutsche Start-ups kommt zu einem negativen Ergebnis: Der Anteil der Gründerinnen ist demnach im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, erreicht aber mit 13 Prozent einen niedrigen Wert. Frauen gründen im Schnitt 2,3 Jahre später als Männer.

Oder sie gehen einen anderen Weg: Wie der Gründungsmonitor der Förderbank KfW zeigt, starten sie eher mit einer freiberuflichen Tätigkeit. Laut Monitor ist die Beteiligung von Frauen an Unternehmensgründungen insgesamt hoch. Seit 2013 machen Selbstständigkeiten von Frauen 43 Prozent aller Existenzgründungen aus. Jedoch sind Frauen in den klassischen Freiberufler-Branchen stärker vertreten. So könnte auch der noch nicht überall vollzogene Wandel der Arbeitswelt ein Grund für die schwach ausgeprägte Neigung von Frauen zur Gründung sein. Selbstbestimmtes Arbeiten mit gering ausgeprägten Hierarchien, Flexibilität bei der Zeiteinteilung und die Produktivitätschancen in der Internet-Cloud stehen in der Generation der Millenials hoch im Kurs – egal bei welchem Geschlecht.

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