Berliner Spaziergang

So kleidet Julia Bösch die Männer bei Outfittery ein

| Lesedauer: 13 Minuten
Jochim Stoltenberg
Outfittery-Chefin Julia Bösch

Outfittery-Chefin Julia Bösch

Foto: Amin Akhtar

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Julia Bösch, Chefin des Onlineshops Outfittery.

Im moosgrünen Jerseykleid, die langen, geröteten Haare vom Fahrtwind noch ein wenig zerzaust, steigt sie vom Rad und kettet es an einen Laternenpfahl. Es ist ein Rennrad. Julia Bösch hat einen ausgeprägten Hang zu Geschwindigkeit. 32 Jahre jung, ist sie mit ihrer Outfittery schon Branchenführerin in Europa, das Rad mit den schmalen Reifen und den 24 Gängen ist für sie bei allem Wetter das schnellste und pünktlichste Verkehrsmittel in der Stadt und das liebste Freizeitgerät, um hochtourig das Berliner Umland zu erkunden. Doch der Reihe nach.

Als Treffpunkt für unseren Spaziergang am späten Freitagnachmittag hat Julia Bösch eher unspektakulär die U-Bahnstation Senefelderplatz vorgeschlagen. Aus ganz pragmatischen Gründen. „Sie liegt auf halbem Weg zwischen meiner Wohnung am Kollwitzplatz und unserem ersten Büro unten an der Schönhauser Allee. Das ist dann gleich auch ein ganz konkreter Bezug zu Outfittery.“ Also machen wir uns auf den Weg runter vom Prenzlauer Berg, im 18. und 19. Jahrhundert Berlins wichtigster Windmühlenpark, zur Wiege ihres Unternehmens.

Doch da gilt es zunächst einmal, die Geschäftsidee zu ergründen. „Wir nehmen Männern, die keine Lust oder keine Zeit zum Shoppen haben, den Einkauf ihrer Kleidung ab. Der Kunde kommt online zu uns, per Fragebogen lernen wir seinen modischen Geschmack kennen. Mit diesen Informationen wählen wir eine dem Kunden persönlich zugeordnete Stylistin aus unserem Team aus, die ein entsprechendes Kleidungspaket zusammenstellt. Die Beratung ist kostenlos, die Preise für die Markenartikel vorzugsweise aus dem mittleren Preissegment sind dieselben wie in einem Ladengeschäft.“ Per Bote kommt die Box dann zum Kunden nach Hause. Und wenn es nicht gefällt, geht alles wieder retour.

Von New York inspiriert, in Berlin umgesetzt

Die Idee dazu kam Julia Bösch während eines Besuchs mit einem Freund in New York. „Ein typischer Mann will immer gut aussehen und abends für die Damen attraktiv sein, aber keine Zeit zum Einkaufen investieren. Dieser Freund hat sich für 100 Dollar pro Stunde einen Personal Shopper geleistet. Der hat für ihn eingekauft und die Kleidung abends ins Hotel gebracht. Der Freund sah zum ersten Mal nach einem Einkauf glücklich aus. Mit meiner Freundin Anna habe ich dann überlegt, ob wir nicht online etwas Ähnliches machen könnten. Aber kostenlos, damit es sich jeder leisten kann.“

2009 hatte die frisch gebackene Betriebswirtin bei Zalando angeheuert, dort Anna Alex kennengelernt und ihre Leidenschaft für Mode entdeckt. Gemeinsam wagten sie drei Jahre später die Gründung ihres Start-ups Outfittery. Wir stehen jetzt in der weiß gekachelten Toreinfahrt Schönhauser Allee 6/7, wo 2012 alles begann.

„Da oben hatten wir für zehn Leute einen 20 Quadratmeter großen Raum. Die ganze Logistik war davor so dicht auf dem Gang gestapelt, dass die Mitarbeiter anderer Unternehmen nicht mal mehr zu ihren Kaffeemaschinen durchkamen. Da haben sie uns rausgeschmissen. Jetzt sitzen wir in Kreuzberg am Leuschnerdamm 31.“

Und wie hat sich das Geschäft entwickelt? Julia Bösch lacht zufrieden: „Wir haben mittlerweile 400.000 Kunden, vorwiegend Männer im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, 300 Mitarbeiter, von ihnen 150 Stylisten, sind in acht europäischen Ländern vertreten und dort jeweils Branchenführer. Neben der Berliner Zentrale haben wir jetzt auch Büros in Düsseldorf und Zürich.“ Der Geschäftsgewinn ergibt sich daraus, dass Outfittery die Kleidung zum empfohlenen Ladenpreis verkauft, aber keine teuren Läden vorhalten muss.

Achterbahnfahrt am Anfang

Aller Anfang war schwer. Erst die Sorge in der Familie und bei Freunden um das Risiko, das Tochter und Freundin eingehen. Dann das Mühen um das erforderliche Startkapital. Schließlich die Suche nach verlässlichen, guten Mitarbeitern. „Man darf den Glauben an sich und seine Sache nicht verlieren,“ sagt sie. Auch diese Gründungsmaxime hat sie aus New York mitgebracht. Dort hat sie ein Jahr studiert. „Da ist jeder überzeugt, dass er es schaffen kann.“

Die ersten Monate haben Julia und Anna ihr Start-up allein finanziert, dann erste Partner aufgenommen, danach dauerte es nicht mehr lang, bis Finanzinvestoren auf sie aufmerksam wurden und mit Venture Capital, also Wagniskapital, einstiegen – auf dass Outfittery weiter wachse. Gut angelegtes Kapital, mit dem sich aus dem Start-up ein veritables Unternehmen entwickelt hat.

Aber die Anfänge sind nicht vergessen und mahnen. „Eine Achterbahnfahrt. Die ersten Kunden waren Freunde und Bekannte. Wer nicht bei drei auf dem Baum war, wurde eingekleidet. Und dann das Problem mit unseren ersten Versandkartons. Die haben wir noch selbst zur Post getragen. Als es dabei das erste Mal regnete, lösten sich die Pappkartons gleichenden Boxen auf. Wir mussten uns ganz schnell was Besseres einfallen lassen, eben unsere schmucken, aber widerstandsfähigen kofferähnlichen Boxen.“

Fröhliche Ösi-Natur und hart im Nehmen

Um Einfälle sind die Freundinnen nie verlegen. Die Kleiderboxen sind nicht nur liebevoll verpackt, ihnen liegt auch ein handgeschriebener Brief bei. In dem wird dem Kunden empfohlen, was er nach dem Öffnen als erstes tun sollte: zu einem Bier aus dem Kühlschrank greifen. Als Rückmeldungen kamen, das empfohlene Auspackungsritual sei mangels Bier im Hause leider nicht zu befolgen gewesen, reagierte Outfittery prompt: In jeder Kleidungsbox liegt nun auch eine Flasche Bier. „Aus einer kleinen österreichischen Privatbrauerei. Als Österreicherin muss ich ja auch ein bisschen für mein Land tun“, gesteht Julia Bösch und kann sich ein herzhaftes Lachen dabei nicht verkneifen.

Von Einfallsreichtum und Originalität der Marketingchefin kündet auch dies: Zum Geburtstag von Thomas Gottschalk im Mai hat Outfittery für ihn eine Kleidungsbox gepackt. „Wir haben uns lange bemüht, etwas Besonderes zusammenzustellen. Das hat viel Spaß gemacht. Mal sehen, ob er unser Kunde wird.“ Er hat also noch nicht reagiert? „Wir warten noch“, kommt die Antwort ohne jeden enttäuschten Unterton, vielmehr in noch immer vergnügter Stimmlage über den Gag.

Halt eine fröhliche Ösi-Natur, obwohl Julia Bösch in Konstanz am Bodensee aufgewachsen ist. Anlass für gleich doppelte Spötterei: „Für die Österreicher war ich ein Piefke, für meine deutschen Schulfreunde in Konstanz ein Schluchtenscheißer.“ Darüber kann sie sich noch immer amüsieren. Wie sie auch den Eltern dankbar ist, ihre Leidenschaft fürs Radfahren geweckt zu haben. „In den Ferien sind wir mit meiner Schwester immer um den Bodensee geradelt. Als ich klein war, hat das Tage gedauert. Später haben wir es an einem Tag geschafft. Mein Vater ist gerade wieder unterwegs. Er fährt vom Nordkap zum Bodensee.“

Die Tochter hat ihn dieser Tage in Flensburg abgefangen, um ihn auf der Route gen Süden ein Stückchen zu begleiten. „Wenn’s mir zu schnell und zu viel wird, hab ich eine gute Ausrede, um auszusteigen: Im letzten Sommer hab ich mir bei einem Sturz am Liegnitzsee in Brandenburg auf regennasser Straße einen Oberschenkelhals gebrochen.“ Hart im Nehmen ist die Frau auch noch.

Apropos toughe Frauen. Start-ups zu gründen gilt ja gemeinhin als Männerdomäne. Wie war das vor vier Jahren, als zwei Frauen sich aufmachten, ihre Geschäftsidee ins Werk zu setzen? Vorurteile, Benachteiligungen, Spöttereien über einen wohl unausweichlichen Zickenkrieg? „Nee, Nachteile haben wir nie gespürt. Aber es war was Besonderes. Wir sind noch immer so etwas wie Paradiesvögel , weil eben mehr Männer Start-ups gründen als Frauen. Es ist schon ein bisschen witzig, dass wir zwei Frauen uns um die Männerwelt kümmern. Meist machen ja Männer ein Business, das auf Frauen ausgerichtet ist. Wir haben das einfach mal umgedreht.“

Frauen wären als Kunden viel schwieriger als Männer

Schwer vorstellen kann sie sich, ihre Geschäftsidee auf weibliche Kundschaft auszuweiten. „Frauen shoppen ja gern, anders als die meisten Männer. Und es ist viel komplizierter, Frauen einzukleiden, weil deren Geschmack doch sehr unterschiedlich ist. Mit Business Ladies könnten wir vielleicht ins Geschäft kommen. Das würde sich aber kaum rechnen. Letztendlich wollen wir uns wirklich auf Männer konzentrieren.“

Die Berliner sind auf ihre Behörden nicht besonders gut zu sprechen. Welche Erfahrungen hat sie mit dem nötigen Papierkram zur Gründung ihres Unternehmens gemacht? „Keine Probleme, alles reibungslos und hilfreich. Aber die Verwaltung spielte für uns nur am Rande eine Rolle. Der große Vorteil Berlins ist, dass es hier eine so große Start-up-Szene gibt. Viele vor uns haben schon gemacht, was wir planten. Das vor allem hat uns am Anfang enorm geholfen. Aber auch heute noch.

Die gegenseitige Hilfsbereitschaft ist groß. Wen kann ich anrufen, wer kann mir helfen? Man findet fast immer jemanden. Weil man überall in den einschlägigen Lokalen, Restaurants und Treffs Gleichgesinnte trifft. Es gibt ein großes Netzwerk in Berlin. In München haben viel weniger Leute schon mal ein Start-up gegründet. Deshalb kam für uns auch nur Berlin als Standort infrage.“

Über die Rosa-Luxemburg-, Münz- und Schönhauser Straße steuern wir auf die Hackeschen Höfe zu. An diesem noch immer heißen Spätnachmittag begegnen uns auf unserem Weg viele Berliner, noch mehr Touristen. Die meisten von ihnen sind derart leger gekleidet, dass ich mich zu dem Hinweis hinreißen lasse, dass eine Outfittery-Chefin doch eigentlich erschrecken muss angesichts so vieler textiler Geschmacklosigkeiten. „Nein, natürlich nicht. Aber ich sehe viel Potenzial.“ Eine ebenso vornehme wie elegante Antwort auf meine plump formulierte Beobachtung.

Berlin als großer Spielplatz

Wo wir schon bei geschmacklichen Stilfragen sind und Outfittery Männer in acht europäischen Ländern von ihr ausstaffiert werden, möchte ich gerne noch wissen, ob es im Ländervergleich signifikante Unterschiede gibt? „Die Männer lassen sich auch modisch nicht über einen Kamm scheren. Aber immerhin dies: Die Holländer lieben es bunt; vorzugsweise ihre Nationalfarbe Orange. Aber wir wollen ja ohnehin unseren Kunden keinen Trend überstülpen, sondern uns am persönlichen Typ orientieren.“ Und was ist die schönste Bestätigung für den richtigen Inhalt eines Kleidungsköfferchens? „Wenn Kunden uns erzählen, dass sie erstmals in ihrem Leben ein Lob für ihr Outfit bekommen haben.“

In einem der Hackeschen Höfe haben wir noch Platz gefunden. Julia Bösch trinkt einen Cappuccino, ich ein Mineralwasser. Dabei erzählt sie noch einmal von ihren reichen New-York-Erfahrungen. „New York löst bei mir eine eigenartige Energie aus, ich bin dort wie aufgedreht; so wahnsinnig viel los, alles auf einen Punkt, auf Manhattan und auf Erfolg fokussiert. Was ich in Berlin so mag, ist die Vielfältigkeit der Stadt. Hier macht jeder sein Ding, alle probieren was aus. Berlin ist wie ein großer Spielplatz. Der Freiraum ist hier viel größer.“

Julia Bösch hat ihn genutzt zu einer rasanten Karriere, wie sie in Deutschland wohl nur in Berlin möglich ist.

Zur Person

Familie: Julia Bösch wurde am 31. Mai 1984 in Konstanz geboren. Ihre Eltern sind Österreicher, auch sie hat die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie ist ledig und wohnt in Prenzlauer Berg am Kollwitz Platz.

Ausbildung: Nach Schule und Abitur in Konstanz von 2003 bis 2008 Studium der Betriebswirtschaft in München und New York.

Karriere: Ab 2009 beim Mode- Online- Händler Zalando beschäftigt, als der in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte. Dort lernte sie Anna Alex kennen. Zusammen mit ihr gründete sie 2012 das Start-up „Outfittery,“, ein Online Handel, der auf die Einkleidung von Männern spezialisiert ist. Julia Bösch ist verantwortlich für Marketing und Finanzen, Anna Alex für Produkt und Operations. Outfittery ist mittlerweile in acht Ländern aktiv und hat 300 Mitarbeiter.

Auszeichnungen: Start-up des Jahres 212, Lida Award 2014, Testsieger Curated Shopping 2016.

Adresse: www.outfittery.de

Spaziergang: Von der U-Bahnstation Senefelderplatz entlang der Schönhauser Alle, über die Rosa- Luxemburg- und Münzstraße zu den Hackeschen Höfen. Dort ein Cappuccino. Zurück über die Alte Schönhauser.