Start-up-Szene

Potsdam - Silicon Valley vor den Toren Berlins

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Katrin Starke
Jörn Hartwig (35) Vorstandschef des Vereins und Geschäftsführer des Potsdamer Unternehmens D-Labs, Mitbegründer von Silicon Sanssouci

Jörn Hartwig (35) Vorstandschef des Vereins und Geschäftsführer des Potsdamer Unternehmens D-Labs, Mitbegründer von Silicon Sanssouci

Foto: Katrin Starke

In Potsdam haben Unternehmer der IT-Branche den Verein Silicon Sanssouci gegründet, um auf sich aufmerksam zu machen.

Potsdam. Friedrich der Zweite, Schlösser und Parks – Kulturgut, mit dem Potsdam gern für sich wirbt. Für Jörn Hartwig aber längt nicht alles, was die brandenburgische Landeshauptstadt ausmacht. „Kaum jemand weiß, dass jede Menge kreative Firmen aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien in Potsdam ansässig sind“, sagt der Geschäftsführer der Potsdamer Design- und Beratungsfirma D-Labs. Neben den bekannten Forschungseinrichtungen seien nahezu 800 Fachunternehmen mit mehr als 6.000 Beschäftigten mitlerweile in Potsdam ansässig, rund 120 davon reine Softwarefirmen. Leider würden sich viele öffentlich nicht wahrgenommen fühlen. Der Verein Silicon Sanssouci will das ändern.

„Potsdam hat jede Menge Ausschüsse. Doch ein Wirtschaftsausschuss fehlt“, sagt Hartwig, Mitbegründer und Vorstand bei Silicon Sanssouci. Die Kritik des Software-Experten richtet sich direkt an die Adresse der Stadtvorderen. „Die erkennen unsere Potenziale nicht.“ Und das, obwohl gerade seine Branche der wachsenden Stadt enorme Steuereinnahmen beschere, Arbeitsplätze schaffe, das Image aufwerte. „Wenn der Oberbürgermeister von der IKT-Branche spricht, redet er immer nur von der Hauptstadtregion. Nicht von Potsdam“, bedauert Hartwig.

Garagenpartys wie im amerikanischen Silicon Valley

Doch er klagt nicht nur. Schon 2011 trommelte er Mitstreiter aus der Branche zusammen – zu Treffen ohne Schlips und Anzug, zu Garagenpartys nach dem Vorbild des amerikanischen Silicon Valley. „Wir haben einen Kasten Bier auf die Erde gestellt, gegrillt und über mögliche Strategien diskutiert, die den Standort stärken könnten“, erzählt Hartwig. Die Idee kam an. Auf den Bierbänken wurde es bald eng. Aus der losen Zusammenkunft wurde der Verein Silicon Sanssouci.

Die Mitglieder des Vereins helfen sich gegenseitig

An die 20 Mitglieder zählt der mittlerweile, Unternehmer zwischen Anfang 30 und Ende 40. Hinzu kommen Interessierte, die nur gelegentlich vorbeischauen. Für Hartwig der richtige Mix. Flexibilität und Offenheit zähle zu den Maximen von Silicon Sanssouci, sagt er. Man spreche die gleiche Sprache, liege auf derselben Wellenlänge. Tagesordnungen gibt es zu den Treffen nicht, die Höhe des Mitgliederbeitrages richtet sich danach, was sich eine Firma leisten kann. Förderung seitens der öffentlichen Hand lehnt Hartwig jedoch ab. Das garantiere Unabhängigkeit. „Allein wir bestimmen unsere Ziele“, sagt der 35-Jährige selbstbewusst.

Die Mitglieder des Vereins helfen sich gegenseitig. Konkret heißt das, dass Aufträge, die eine Firma nicht bewältigen kann, auch mal an den Mitbieter weitergeleitet werden oder Mitarbeiter aus einer anderen Firma „geborgt“ werden. „Das kommt uns letztlich allen zugute“, sagt Hartwig.

Potsdam braucht bezahlbaren Wohnraum und bessere Regionalverbindungen

Patrick Schwalger, Geschäftsführer der VCAT Consulting GmbH und Gründungsmitglied von Silicon Sanssouci, sagt, dass die Branche auf kompetenten Nachwuchs angewiesen ist. Da reiche ein gutes Gehalt allein nicht aus. Sein Unternehmen ist auf die Programmierung von Internetanwendungen spezialisiert. Als sich VCAT als Ausgründung der Siemens AG vor zehn Jahren auf dem Gelände der Babelsberger Filmstudios ansiedelte, zählte die Firma zu den Pionieren der Branche. „Inzwischen setzt die Filmwirtschaft mehr und mehr auf Informationstechnologien“, Schwalger.

Er fordert: „Die Leute müssen bezahlbaren Wohnraum in Potsdam finden.“ Da sei die Stadt gefragt. Auch müsse Potsdam besser an den öffentlichen Verkehr angebunden werden. „Obwohl Landeshauptstadt, gibt es hier nicht mal einen ICE-Anschluss.“ Er hofft außerdem auf einen dichteren S-Bahn-Takt, und bessere Regionalzugverbindungen. „Sonst verlieren wir weiter Fachkräfte an Berliner Firmen.“

Potsdamer Schüler sollen die IT-Branche kennenlernen

Auch Christian Rösner ist Mitglied von Silicon Sanssouci. Er ist Vorstandschef des Potsdamer Softwarespezialisten Amtangee und engagiert sich im Vereinsprojekt „Stadt AG“. Unternehmen von Silicon Sanssouci laden für mehrere Wochen Potsdamer Schüler ein, in die Informationstechnologiebranche hineinzuschnuppern. „Wir müssen uns in Zeug legen, wenn wir die jungen Leute bei der Stange halten wollen“, sagt Rösner.

Was der 40-Jährige den jungen AG-Teilnehmern vermitteln will: „Ihr müsst nicht nach London oder New York, wenn ihr in der Branche arbeiten wollt, ihr findet in Potsdam und Umgebung eine dynamische und innovative IT-Region vor.“ Noch müssen Rösner und Co. Überzeugungsarbeit leisten. Vorzugsweise bei den Lehrern. „Die wissen oft nicht, was der IKTler von morgen eigentlich mitbringen muss.“ Obwohl gerade die Ausbildungslandschaft der Stadt einiges zu bieten habe – von den Design Thinking-Projekten des SAP-Gründers Hasso Plattner bis zur Universität Potsdam, die selbst die New York Times lobend erwähnt habe.

Start-up-Szene in Potsdam tritt bodenständiger und bescheidener auf als die Berliner

Das Fazit von VCAT-Boss Schwalger fällt nicht ganz so rosig aus. „In Potsdam fehlen die Rahmenbedingungen zum Wachstum“, konstatiert er. Er bemängelt das Fehlen kleinteiliger Mietflächen für junge Unternehmen. „Viele Start-Ups, die in Potsdamer Gründer- und Technologiezentren groß werden, wandern aus Mangel an Fläche in die Hauptstadt ab.“ Bedauerlich, findet Schwalger, denn die jungen Unternehmen hätten Magnetkraft.

Das bestätigt auch die Sonoxo GmbH. Für das IT-Unternehmen gab die Nähe zum Hasso-Plattner-Institut den Ausschlag, sich in Potsdam anzusiedeln. „Aber auch die steigende Zahl junger Unternehmen und die gründungsfreudige Kultur spielten eine Rolle“, erklärt Sonoxo-Marketingfrau Alexandra von Simon. „Verglichen mit dem teils überzogenen Hype um die Berliner Start-up-Szene tritt Potsdam bodenständiger und bescheidener auf“, sagt sie. Vielleicht gewinne die Stadt auch gerade deswegen als Standort für die High-Tech-Branche immer mehr an Bedeutung.