Start-up

Visuelle To-do-Listen-App Trello kommt nach Deutschland

Wunderlist, Evernote und Things: die Liste der To-do--Apps ist lang. Mit Trello wagt nun ein weiterer Player den Einstieg in den deutschen Markt.

Foto: Trello

Es gibt sie noch. Büros mit großen Whiteboards, auf denen hunderte kleine bunte Zettel kleben. Mitarbeiter, die auf Post-its und Edding-Stifte setzen, um Aufgaben festzuhalten und zu delegieren. Listenwirtschaft und Papier. Und jede Menge analoger Müll. Noch. Denn wenn Michael Pryor und sein Team erfolgreich sind, dann könnten all diese Dinge bald der Vergangenheit angehören.

Pryor ist Chef und Mitgründer des US-amerikanischen Start-ups Trello. Sein Unternehmen hat sich auf webbasierte Projektmanagementsoftware spezialisiert. Trello ist eine To-Do-Software, die stark auf visuelle Reize setzt. Dass da die genaue Beschreibung etwas länger ausfallen kann, sieht der 38-Jährige aber nicht als Problem. „Wir wollen uns mit Trello von all den anderen Lösungen auf dem Markt abheben“, sagt der US-Amerikaner. Projektmanagement sei zwar eine potenzielle Einsatzmöglichkeit – aber eben nicht die einzige. „Man kann damit eine Hochzeit planen oder den Urlaub organisieren“, erklärt Pryor. „Es gibt keinen Begriff für das, was Trello ist und kann.“

Trello besteht aus mehreren Listen, denen man unterschiedlich viele Karten hinzufügen kann. Karten können Text, Bilder, Checklisten, Termine und mehr enthalten. Sie lassen sich von Liste zu Liste verschieben und können Team-Mitgliedern zugewiesen werden. Dank der integrierten Benachrichtigungsfunktion sowie passender Apps für Tablets, Smartphones und die Apple Watch, werden die Nutzer schnell über wichtige Dinge informiert. Änderungen an den Listen werden über Smartphones, Tablets und Computer hinweg synchronisiert.

Jede Woche 110.000 neue Nutzer

Rund 8,75 Millionen Menschen setzen weltweit auf Trello. Jede Woche kommen 110.000 hinzu. Google, PayPal, die New York Times nutzen die Lösung des New Yorker Start-ups. Nun hat das US-Unternehmen seinen Deutschland-Start angekündigt.

„Deutschland ist das aktivste nicht englischsprachige Land, das wir haben“, sagt Pryor. „Die Entwicklerszene dort kennt uns und weiß, was wir tun.“ Er hofft nun, dass sein Produkt auch in die anderen Abteilungen innerhalb von Unternehmen vordringt.

Deutschland stand ganz vorne auf der Liste

„Solch eine Evolution haben wir bereits in den USA vor ein paar Jahren feststellen können.“ Die Übersetzung ins Deutsche soll dabei helfen.

Trello will weiter wachsen. Ein erster Schritt in Richtung der 100-Millionen-Nutzer-Grenze ist die Expansion in andere Länder. Deutschland stand dabei ganz vorne auf der Liste, sagt Firmenchef Pryor. Langfristig möchte der 38-Jährige neben deutschen Nutzern auch ein Verkaufsteam und einen Kundendienst vor Ort haben. „Wir wollen nach Europa. Und ein für den deutschen Markt lokalisiertes Produkt ist der erste von fünfzig Schritten dorthin.“

Seit Dienstag ist Trello neben Englisch, Spanisch, Portugiesisch auch auf Deutsch verfügbar. Französisch soll in Kürze folgen, Japanisch steht ebenfalls auf dem Plan. Über 10 Millionen US-Dollar hat das Unternehmen bislang an Risikokapital eingesammelt, rund 100.000 Nutzer zahlen für das Produkt. Wer Trello ausprobieren möchte, der kann das kostenlos tun. Eine Umsonst-Version soll es in Zukunft weiter geben. Wer weitere Funktionen nutzen oder die Software unternehmensweit einsetzen will, der wird mit 3,75 bis 5 US-Dollar pro Monat zur Kasse gebeten.

Immer nur fünf Aufgaben gleichzeitig

Trello-Chef Pryor ist kein Unbekannter in der US-Start-up-Szene. Vor 15 Jahren gründete er mit seinem Geschäftspartner Joel Spolsky die Firma Fog Creek Software. Ursprünglich als Berater gestartet, konzentrierten sich die beiden schon früh auf die Entwicklung von produktbasierten Lösungen – darunter das Projektmanagement-Tool FogBugz. 2008 schuf Spolsky mit Jeff Atwood die populäre Frage-und-Antwort-Webseite Stack Overflow, und drei Jahre später wurde schließlich Trello vorgestellt.

„Als Manager fiel es uns immer sehr schwer, einen Überblick über die verschiedenen Dinge zu bekommen, an denen gerade gearbeitet wurde“, sagt Pryor über die Entstehung von Trello. „In Zeiten von Smartphones neigen wir dazu, unsere E-Mail-Postfächer überlaufen zu lassen und den Überblick zu verlieren.“ Darum entschied sich das Team, eine To-do-Listen-App mit immer nur fünf Aufgaben zu entwickeln – zwei Dinge, an denen man gerade arbeitet, zwei Dinge, die als nächstes anstehen, und eine Sache, zu der man vermutlich nie kommen wird.

Trello war eine von mehreren Ideen, die man bei Fog Creek Software verfolgte. Erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde die App 2011 auf einer Techcrunch-Konferenz. Ob die Macher auch in Deutschland an den bisherigen Erfolg anknüpfen können, muss sich zeigen. Schließlich setzen viele Menschen hierzulande auf Alternativen wie Evernote, Wunderlist, Things und Co.

Trello setzt auf Zusammenarbeit

Die Konkurrenz ist also groß. Nicht so aber die Sorgen von Pryor und seinem fünfzigköpfigen Team. „Evernote und Wunderlist eignen sich gut für persönliche Dinge“, sagt der Unternehmer. „Bei Trello steht jedoch der Gedanke des Austauschs ganz vorne.“ Eine Zusammenarbeit im Team sei zwar auch bei den anderen Lösungen möglich. „Aber wir haben festgestellt, dass die Menschen sich dabei eher für Trello entscheiden.“

Bleibt noch die wichtigste Frage: Was bedeutet eigentlich Trello? „Wir haben viel darüber nachgedacht, was Trello ist“, sagt Pryor. „Es ist ein Produkt, das einer unstrukturierten Sache eine Struktur verleiht.“ Irgendwann sei man auf das englische Wort „Trellis“ gekommen, was so viel wie „Flechtwerk“ oder „Gitter“ bedeutet. Trellis war zunächst der Codename für das Projekt. Auf der Suche nach einer geeigneten Internetdomain war Trello dann am dichtesten dran am ursprünglichen Namen. Damit stand die Entscheidung fest.

Nun muss sich nur noch zeigen, ob Trello das Zeug hat, auch in Deutschland Whiteboards und Post-its aus den Büros zu verbannen. Der erste Schritt dafür ist jedenfalls gemacht.

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