Drivy

Mein Auto ist dein Auto ist mein Auto

Carsharing boomt in Deutschland: Die neue Online-Plattform Drivy gibt jetzt Berlinern die Möglichkeit, sich Fahrzeuge von Privatpersonen zu leihen.

In Deutschland entscheiden sich immer mehr Menschen gegen ein neues Auto. Werden Neuwagen gekauft, dann laut einer Erhebung des Internet-Vergleichsportals Check 24 am häufigsten von den über 60-Jährigen. Den Jüngeren sagt man nach, es sei ihnen nicht wichtig, ein Auto zu besitzen. Pkw gemeinschaftlich zu nutzen, entpuppt sich in Zeiten von befristeten Arbeitsverträgen und geringen Einkommen oft als simple Notwendigkeit.

Alternativrn zum eigenen Wagen gibt es mittlerweile viele: Neben Carsharing, Beförderungsdiensten wie Uber und Mitfahrzentralen nach dem Beispiel von BlaBlaCar, ermöglicht eine Plattform nun, verfügbare Autos anzuzeigen, die gerade nicht genutzt werden: Transporter, Oldtimer, Kombis. Das französische Start-up Drivy bringt deren Besitzer mit potenziellen Nutzern zusammen. Eine Limousine ist für 20 Euro am Tag zu haben.

Seit Februar plante der Dienst für privates Carsharing den Einstieg in den deutschen Markt. In Frankreich ist Drivy bereits seit vier Jahren und europaweit mit 350.000 Nutzern und 20.000 registrierten Autos erfolgreich. Seit Montag ist der Dienst in Berlin verfügbar.

„Die meisten in Deutschland zugelassenen Autos stehen fast 23 Stunden am Tag still“, sagt Deutschland-Geschäftsführer Gero Graf. Er sieht Drivy dabei nicht als Konkurrenz zu traditionellen Autovermietungen oder innerstädtischen Carsharing-Anbietern wie Car2Go oder DriveNow. Der Service sei weniger für kurze Fahrten gedacht als als für Anmietungen von zwei bis vier Tagen.

Zusätzliche Mobilitätsalternativen

Es wundert nicht, dass die Zunahme der Carsharing-Angebote einen erfolgreichen Verlauf des neuen kollaborativen Konsums erzählt: In den fünf deutschen Städten Berlin, München, Köln, Düsseldorf und Hamburg sowie in der österreichischen Hauptstadt Wien hat der Carsharing-Anbieter DriveNow derzeit mehr als 350.000 Kunden. Ihnen stehen rund 2800 Fahrzeuge zur Verfügung.

Jede zweite Sekunde wird beim globalen Marktführer Car2Go ein Auto gemietet. Der Dienstleister ist in 29 Städten in sieben Ländern auf zwei Kontinenten präsent – zuletzt expandierte der Verleiher in den New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Noch bedeutet der wachsende Markt an Mobilitätsalternativen keinen Nachteil für Autobauer Daimler: Inzwischen werden knapp ein Drittel aller in Deutschland zugelassenen Neuwagen als Firmenfahrzeuge oder als Mietwagen, wie sie Autoverleiher oder Carsharing-Anbieter nutzen, zugelassen.

So wundert es nicht, dass die Ursprungsidee 2007 von Daimler selbst entwickelt wurde. In weiser Voraussicht sollten Geschäftsmodelle erarbeitet werden, die das Kerngeschäft Automobilbau und -verkauf ergänzen sollten. Car2Go entstand.

Ein Jahr später legte die Finanz- und Wirtschaftskrise den europäischen Automarkt brach. Langfristig wird es nie mehr so gut wie vor 2008: „Die Konjunkturaussichten haben sich zuletzt stark verdüstert, was auch die Autobranche belasten wird”, urteilt Peter Fuß von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Uber soll 40 Milliarden US-Dollar wert sein

Derweil die Kritik an dem umstrittenen Fahrdienst-Vermittler Uber Investoren nicht abzuschrecken scheint. Das Start-up aus dem kalifornischen San Francisco vermittelt über eine App Fahrten mit Chauffeuren und mit privaten Fahrern. In mittlerweile vier deutschen Städten ist der Dienst bereits gestartet – Nutzerzahlen nennt das Unternehmen nicht.

Dennoch könnte nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg die Firmenbewertung in der nächsten Finanzierungsrunde 40 Milliarden US-Dollar erreichen. Der Autobauer BMW ist an der Börse rund 58 Milliarden Euro wert, Lufthansa wird bei sechs Milliarden Euro gehandelt. Geldgeber trauen Uber anscheinend zu, neben der Taxi-Branche auch die Logistik umzukrempeln.

Uber befindet sich momentan in einer rasanten Expansion in mehr als 40 Ländern und liegt vielerorts im Clinch mit dem Taxi-Gewerbe und Behörden. Sie werfen dem Start-up unfairen Wettbewerb vor.

Eine weitere Alternative: Mitfahren

Eine wirkliche Gefahr scheinen die Autohersteller in Unternehmen wie Drivy oder der Mitfahrzentrale BlaBlaCar nicht zu sehen. „Inzwischen sind die Hersteller selbst bei alternativen Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing-Firmen gut dabei“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA).

BlaBlaCar ist mit über zehn Millionen Mitgliedern Europas größte Mitfahr-App. Monatlich nutzten nach Unternehmensangaben mehr als zwei Million Menschen die Zentrale. In Deutschland vermittelt BlaBlaCar seit April 2013 Fahrer und Mitfahrer – bisher noch ohne Vermittlungsgebühr.

Ob nun wirtschaftliche Zwänge, Umweltbewusstsein oder Bequemlichkeit das neue ökonomische Modell befördern – Fakt ist, dass der Mobilitätssektor als der am stärksten wachsende Bereich innerhalb des Trends zum Teilen gilt. Zumindest behauptet das eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger: Bis zum Jahr 2020 soll der Bereich um etwa 35 Prozent jährlich wachsen – auf ein weltweites Marktvolumen von etwa 5,2 Milliarden Euro.