Fisch & Gemüse

In Berlin entsteht Europas größte Stadtfarm

Fischaufzucht und Gemüseanbau mitten in Tempelhof: Die junge Berliner Firma ECF will auf dem Gelände der Malzfabrik Land- und Fischwirtschaft betreiben. Investoren stecken Millionen in das Projekt.

Foto: Amin Akhtar

Auf dem Gelände der Tempelhofer Malzfabrik entsteht die größte innerstädtische Fisch- und Gemüsefarm Europas. Das Unternehmen ECF Farmsystems will dort pro Jahr 25 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse produzieren. Die Beteiligungsgesellschaft der Investitionsbank Berlin hat jetzt gemeinsam mit einem Privatinvestor einen Millionenbetrag in das Projekt investiert. Die genaue Höhe wurde nicht mitgeteilt. Die erste Ernte ist für Frühjahr 2015 geplant. Die Abkürzung ECF steht für Eco Friendly Farmsystems – übersetzt etwa: nachhaltige Landwirtschaft.

Die Gründer Christian Echternacht und Nicolas Leschke wollen Fisch und Gemüse ressourcenschonend kultivieren. Denn 17 bis 35 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen stammen nach Statistiken der Vereinten Nationen aus der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung. Dabei werden 70 Prozent des weltweit genutzten Süßwassers verbraucht. Fisch wird zudem als Proteinquelle immer wichtiger und seltener. Bereits heute ist er für mehr als eine Milliarde Menschen Haupt-Eiweißlieferant. Dabei wird dieses Lebensmittel immer knapper. Die Meere und Flüsse sind zu 85 Prozent leer gefischt.

Auch die Logistik ist energieaufwändig: Lebensmittel legen oft weite Wege zwischen dem Produzenten und dem Verbraucher zurück. Kühlketten und der Transport mit dem Flugzeug sind teuer und umweltschädlich.

Wasser für Aqua- und Hydrokultur

All diese Faktoren wollen Echternacht und Leschke minimieren. "In unserer Anlage wird das Wasser zwei Mal genutzt", sagt Christian Echternacht. Das Wasser durchläuft zunächst die Fischbecken (Aquakultur) und fließt dann, angereichert mit den nährstoffreichen Ausscheidungen der Tiere in das Bewässerungssystem der Gewächshäuser im gleichen Gebäude. Die Abwärme der Fischzucht heizt das Gewächshaus, was einen ganzjährigen Betrieb ermöglicht.

Die Erzeugnisse der Fisch- und Gemüsefarm sollen ortsnah vermarktet werden. "Den Fisch werden wir tagesfrisch an die Berliner Gastronomie verkaufen. Das Gemüse wird direkt an Verbraucher vertrieben", sagt Echternacht. Dazu will das Unternehmen ein Gemüsekisten-Netzwerk aufbauen. Geplant sind in der Stadt verteilte Ausgabestellen, wo Kunden wöchentlich eine Kiste für ungefähr 15 Euro abholen können.

Zander oder Barramundi

Welche Fischsorten in der Farm gezüchtet werden, steht noch nicht genau fest. Eine Option ist der in der Region beliebte Zander, eine Alternative der Barramundi. Dabei handelt es sich um einen in Australien beheimateten und dort als Speisefisch beliebten Riesenbarsch mit weißem, festem Fleisch. "Bei diesem Fisch ist die Ökobilanz wegen der langen Transportwege besionders negativ", nennt Echternacht einen Grund für diese Option. Beim Gemüse ist die Wahl dagegen ziemlich klar. "Wir werden Tomaten, Gurken, Salate und Kräuter anbauen", sagt Echternacht.

Die Gründer arbeiten seit drei Jahren an ihrem Projekt. "Wir haben die Vision, Verbrauchern Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln zu ermöglichen", sagt Echternacht. Das Start-up wurde von Climate-Kic, einem Netzwerk der Europäischen Union für Klimaschutz-Innovationen, gefördert. Ziel von Climate-Kic ist es, aus Ideen zu einem besseren Klimaschutz marktfähige Produkte zu entwickeln und so zur Bekämpfung des Klimawandels beizutragen. Die deutsche Zentrale des Netzwerks sitzt in Berlin und betreibt auf dem Gelände des Schöneberger Gasometers an der Torgauer Straße einen Campus für nachhaltige Unternehmensgründungen.

Als bestes Start-up ausgezeichnet

ECF Farmsystems wurde für seine Erfindung bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Bei den "Cleantech Open", dem weltgrößten Branchenevent im amerikanischen Silicon Valley, wurde das Berliner Unternehmen zwei Mal ausgezeichnet – als bestes Start-up im Bereich Landwirtschaft und Wasser sowie in der Kategorie International.

ECF hat bereits drei Prototypen der Fisch- und Gemüsefarm entwickelt. Dabei handelt es sich um Schiffscontainer mit aufgesetztem Gewächshaus. Im Gehäuse des 20 Fuß (ungefähr sechs Meter) langen Containers werden die Fische gezüchtet und die Technik untergebracht. Auf dem Dach steht das Gewächshaus. Eine dieser Containerfarmen steht an der Malzfabrik (offene Tür an jedem ersten Freitag im Monat um 16 Uhr).

Patentiertes Containersystem

Das von ECF eingesetzte System wurde am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin entwickelt und patentiert. Damit sind die Berliner weitgehend konkurrenzlos. Einzig die Firma UrbanFarmers aus der Schweiz verfolgt ein ähnliches Konzept. Die Gründer haben den Aufbau ihres Unternehmens zunächst mit eigenem Kapital vorangetrieben. Das Investment soll nun die nächste Wachstumsstufe ermöglichen.

Das Berliner Start-up ECF sieht sich in der Tradition des "Urban Farming", der stadtnahen Landwirtschaft und Tierzucht, die gerade in letzter Zeit eine Renaissance erlebt und in Berlin eine große Tradition hat. Der Magistrat richtete in Berlin im Jahr 1833 die ersten "Armengärten" ein. Anfang des 20. Jahrhunderts folgte die Schrebergarten-Bewegung. Heute gibt es in Berlin mehr als 70.000 Kleingärten in über 900 Anlagen mit einer Fläche von mehr als 3000 Hektar.

Für ein gutes Sozialgefühl

Stand zu Beginn der Bewegung die pure Armut der Stadtbevölkerung im Mittelpunkt, so ist der urbane Gartenbau heute eher Ausdruck des Wunsches nach einem nachhaltigen Lebens geworden, das die Umwelt schont und ein gutes Sozialgefühl vermittelt.

Diesen aktuellen Trend bedienen immer mehr so genannte Cleantech-Unternehmen, die saubere Technologien anwenden und sich dadurch von der industriellen Produktion unterscheiden.

Cleantech-Metropole Berlin

Der Bereich Cleantech gewinnt in Berlin eine immer größere Bedeutung – sei es auch dem Euref-Campus, wo auch Climate-Kic seinen Sitz hat oder im Marzahner Cleantech-Business-Park, wo auf einer Fläche von 90 Hektar Unternehmen mit dem Schwerpunkt der erneuerbaren Energien angesiedelt werden sollen.

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