Smartphone-App

Wie Twitter mit seinem Videodienst Vine die Welt verändert

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Jürgen Stüber

Foto: Vine

Die Video-App Vine gilt als Internet-Trend 2013. Mehr als 40 Millionen Nutzer sind dort aktiv. Jetzt gibt es die Plattform in 20 Sprachen – auch auf Deutsch. Der Gründer sprach mit der Morgenpost.

Vine, die Smartphone-App für Sechs-Sekunden-Videos, ist jetzt auch auf Deutsch erhältlich. Wie Colin Kroll, Mitgründer des Start-up aus New York, im Gespräch mit der Berliner Morgenpost sagte, ist der Start der deutschen Version Teil einer globalen Expansion des US-Unternehmens. Vine ist damit in 20 Sprachversionen erhältlich. Vor gut einem Jahr hatte der Kurznachrichtendienst Twitter das kleine Unternehmen gekauft.

Es gibt kaum eine Smartphone-App, die einfacher als Vine zu bedienen ist. Sie nimmt auf, so lange ein Finger den Bildschirm berührt – maximal sechs Sekunden lang. Nutzer können die Aufnahme anhalten, so oft sie wollen. Dazu nimmt man einfach den Finger vom Display. Anschließend können die einzelnen Sequenzen neu angeordnet werden. Ein weiterer Klick genügt, um das Video auf Vine, Twitter oder Facebook zu teilen.

Vine ist die Start-up-Erfolgsgeschichte des Jahres 2013: gegründet im Juni 2012, noch vor dem Launch im Oktober 2012 von Twitter gekauft, im Januar 2013 gestartet, im April 2013 die meistgeladene iOS-App, im Mai 13 Millionen Nutzer, im August 40 Millionen. Das Bomben-Attentat beim Bostoner Marathon am 15. April 2013 dürfte der App zum Durchbruch verholfen haben, als Vine-Videos eines Augenzeugen von der Detonation um die Welt gingen. Die aktuelle Nutzerzahl will Kroll nicht nennen.

Drei weitgehend unbekannte New Yorker Internet-Nerds saßen 2012 beisammen und hatten einen Plan. „Wir wollten eine Plattform entwickeln, auf der das Teilen von Videos Spaß macht“, sagt Colin Kroll. Er uns seine Mitgründer waren es leid, beim Hochladen von Videos auf YouTube oder andere Internetplattformen minutenlang auf den „Spinner“, die sich in Regenbogenfarben drehende Warteschleife ihrer Macs, zu starren.

Videokamera neu erfunden

„Wir haben dann lange mit unterschiedlichen Längen experimentiert“, erzählt Kroll. Fünf Sekunden war zu kurz, zehn Sekunden zu lang. So haben wir uns auf sechs Sekunden festgelegt. Ich glaube, das ist die richtige Länge.“

Kroll und seine Mitgründer Dominik Hofmann und Rus Yusupov warfen bei der Konzeption ihrer App alles über Bord, was nebensächlich war. Möglichst wenig sollte an herkömmliche Videokameras erinnern, die als umständlich gelten: keine Start- oder Stopptaste, kein rotes Aufnahmelicht, keine Einstellungsoptionen.

Endlosschleife für Videoclips

Statt dessen verpassten sie ihrem Programm die so genannte Loop-Funktion, die ihre Videos zu einer Endlosschleife macht. Das und die Begrenzung auf sechs Sekunden machte Vine einzigartig – und so erfolgreich.

Die Gründer hatten die richtige Idee zur richtigen Zeit. Bereits im Jahr 2008 hatten die Amerikaner Sol Lipman und David Beach das Videoportal 12seconds gegründet, das ähnlich wie Vine funktionierte. Sie mussten es aber nach kurzer Zeit wieder einstellen, denn mobile Kommunikation war damals teuer und die Verbreitung von Smartphones war gering. „Wir hatten das richtige Timing“, sagt Kroll. „Denn wir haben den Dienst gestartet, als die technischen Voraussetzungen erfüllt waren, damit Nutzer Videos einfach produzieren und ins Netz stellen konnten.“ Früher sei das kaum möglich gewesen.

Vine bietet Katzencontent und Kunst

Und sie kamen für Twitter wie gerufen. Der 2006 gegründete Kurznachrichtendienst mit mehr als 500 Millionen registrierten Nutzern brauchte ein neues Feature. Twitter kaufte das Start-up noch bevor es Live ging für 30 Millionen Dollar, wie es in Branchendiensten heißt.

Nutzer stellen nahezu alles, was sich bewegt, auf Vine: Comedy, Kunst, Katzencontent, Musik und Nachrichten. „Für Vine gibt es viele Anwendungsfälle und so unterschiedliche Communities“, sagt Kroll. „Unsere Nutzer sind so kreativ. Das gibt es auf anderen Internetplattformen nicht.“

Plattform für Entdecker

Die App hat Nutzwert nicht nur für Produzenten. „Ich entdecke gerne neuen Content und sehe mir Videos an. Es ist interessant, Beiträge von so unterschiedlichen Leuten zu sehen“, sagt Kroll.

Wer in der App die Funktion „Entdecken“ anklickt, kann Videos aus 16 verschiedenen Kategorien betrachten. Oder nach „Hashtags“ suchen, das sind die bei Twitter üblichen Schlagworte, die mit dem #-Zeichen versehen sind. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, beliebten Nutzern zu folgen, Vines zu teilen oder zu kommentieren. „Es ist interessant zu sehen, wie so unterschiedliche Leute auf Vine zusammenwirken und wie Nutzer auf andere Nutzer treffen und Neues entdecken“, sagt Kroll. „Wer lernen will, wie man gute Vine-Videos macht, sollte erfahrenen Nutzern folgen. Es gibt da so viel Kreativität.“

Keine Angst vor Instagram

Dass die Fotoplattform Instagram im Mai 2013 die Idee von Vine kopiert hat, ficht die Gründer nicht an. „Wir konzentrieren uns nicht auf unsere Mitbewerber. Wir haben eine eigene Vision von Videos, die mobil aufgenommen werden“, sagt Kroll. Vine stehe erst am Anfang, sagt der Gründer. Über kommende Zusatzfeatures könne er aber noch nicht sprechen.

Nicht nur für Medien – wie auch die Berliner Morgenpost, auch für die Werbung wird Vine immer interessanter. Musiklabels veröffentlichen Video-Clips zu Neuerscheinungen, Filmproduzenten zeigen Sechs-Sekunden-Trailer ihrer Blockbuster. Marken setzen auf die virale Wirkung von Vines. Sogar das Maggi Kochstudio gibt Küchentipps in sechs Sekunden. „In Deutschland gibt es großartige Beispiele, etwa die vielen Vines, die während der Fashion Week ins Netz gestellt wurden.“

Vine will Mehrwert für Nutzer schaffen

„Ein Business-Modell steht bei Vine nicht im Vordergrund. Uns geht es darum, dass unsere Community wächst, die Zahl unserer Nutzer steigt und dass wir Mehrwert für unsere User schaffen“, sagt Kroll.