Elektromobilität

In Berlin kann man sein E-Auto an der Laterne aufladen

Bislang verbreiten die Berliner Straßenlaternen nur Licht. Doch sie könnten den Elektroautos bald zum Durchbruch verhelfen. Das glaubt das Berliner Start-Up Ubitricity und baut sie zu Ladestationen um.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Nur ausgesprochene Liebhaber von Straßenlaternen achten auf Details bei der Stadtbeleuchtung. Die meisten Bürger könnten dagegen nicht einmal beschreiben, wie die Laterne vor ihrem eigenen Haus aussieht. Ihnen fällt allenfalls auf, wenn sie einmal nicht leuchtet.

Doch nun bekommen eben diese Straßenlaternen in Berlin eine ganz besondere Bedeutung. Glaubt man den Geschäftsführern des jungen Unternehmens Ubitricity, könnten sie dem Elektroauto endlich zum Durchbruch verhelfen. Bislang waren fehlende Ladestationen ein wichtiger Grund, der Kunden vom Kauf eines solchen Fahrzeugs abhielt. Ubitricity hat eine Möglichkeit gefunden, Straßenlaternen kostengünstig zu Ladenstationen für Elektroautos umzurüsten. Der Trick dahinter: Der Fahrer des Autos hat ein spezielles Kabel dabei, mit dem er den Strom aus der Laterne abzapfen kann und selbst abrechnet. Diese Lademethode ist weitaus günstiger als die herkömmlichen Ladestationen für Elektroautos.

In der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist man von der Idee offenbar überzeugt. Die Stadt will ohnehin bis Ende 2015 rund 800 neue Ladestationen schaffen. Nun hat sich die Landesregierung entschlossen, im selben Zeitraum zusätzlich bis zu 1000 Laternen durch Ubitricity umbauen zu lassen. Dafür will das Unternehmen etwa eine halbe Million Euro ausgeben.

Fördergelder stellt die Stadt dafür nicht zur Verfügung, doch das stört die Manager des Berliner Technologieunternehmens nicht. „Wir wollen zeigen, dass durch unsere Methode ein großflächiger Aufbau von Ladepunkten für Elektroautos möglich und vor allem auch bezahlbar ist“, sagt Frank Pawlitschek, der das Unternehmen 2008 mit gegründet hat. Innerhalb der Geschäftsführung ist er für die Organisation des Unternehmens und der Betriebsabläufe zuständig.

Deutlich günstigere Variante

Eine herkömmliche Ladestation für Elektroautos kostet bis zu 10.000 Euro. Selbst die vergleichsweise günstige Mini-Variante gibt es kaum unter 2500 Euro. Dazu kommen laufende Kosten für den Betrieb der Ladestation. Dagegen ist das Anzapfen der Straßenlaternen erstaunlich preiswert. Nicht einmal 500 Euro müssen für das Material und die Anfahrt ausgeben werden. Laufende Kosten entstehen den Kommunen auch nicht, da der Autofahrer seinen eigenen Stromzähler mit bringt. Diesen steckt er in die Laterne, saugt seinen Strom ab und verrechnet ihn mit seinem Anbieter.

Frank Pawlitschek vergleicht die Idee dahinter mit Handys und Telefonzellen. Bevor Mobiltelefone weit verbreitet waren, gingen die Menschen unterwegs in eine Telefonzelle, wenn sie jemanden anrufen mussten. „Es gab aber nicht viele Telefonzellen und wenn man eine gefunden hatte, war sie im Zweifel gerade besetzt“, so Frank Pawlitschek. „Durch das Handy haben die Nutzer ihr Telefon nun selbst in der Tasche dabei und verrechnen die Gebühren direkt mit dem Anbieter.“

Auch bei der Idee von Ubitricity geht es darum, den mobilen Stromzähler selbst mitzubringen. Durch den eingebauten Datenzähler wird der abgezogene Strom gemessen und dem Nutzer in Rechnung gestellt. Die Aufrüstung des Ladekabels ist offenbar nicht sonderlich kompliziert. Ein solches „intelligentes Kabel“, wie Frank Pawlitschek es nennt, kostet in der Anschaffung rund 100 Euro mehr als das normale Ladekabel für Elektroautos.

Rund zehn Millionen Straßenlaternen gibt es in Deutschland. Doch mit ein bis zwei Prozent ist nur ein Bruchteil tatsächlich auch dazu geeignet, als Ladestation zu dienen. So fallen schon einmal alle Laternen weg, die nicht direkt an der Straße stehen, sondern bei denen ein Gehsteig dazwischen liegt. Schließlich kann das Ladekabel nicht über den Gehweg gespannt werden. Andere Laternen werden nur nachts angeschaltet und stehen tagsüber nicht unter Strom. Außerdem muss natürlich die Stromleistung an der Laterne ausreichend hoch sein, um das zusätzliche Laden zu ermöglichen. Sortiert man nach diesen Kriterien aus, bleiben maximal bis zu 200.000 Laternen übrig, die für das Projekt in Frage kommen.

Start in wenigen Wochen

Derzeit sucht Ubitricity in Berlin nach passenden Laternen und hat laut Frank Pawlitschek schon eine dreistellige Stückzahl gefunden. Bei der Suche konzentriert sich das Unternehmen momentan auf die Stadtteile Prenzlauer Berg und Friedenau. In Kürze kommt möglicherweise noch Mitte dazu. „In Berlin sind viele Laternen direkt an den Verteiler angeschlossen, was uns bei der Auswahl der Laternen hilft“, sagt Frank Pawlitschek. Außerdem haben viele Masten im Inneren eine zweite Leitung, die angezapft werden könnte.

Sobald eine passende Laterne gefunden ist, wird die Statik überprüft. „In wenigen Wochen wollen wir mit dem Einbau der Steckdosen beginnen“, so der 39-Jährige. Wenn es gut läuft, wollen er und seine Geschäftspartner im Herbst kommenden Jahres mit ihrem Produkt an den Markt gehen. Dass dieses ein Erfolg werden könnte, glaubt auch der ehemalige Bahn-Chef Heinz Dürr, der Anteile von Ubitricity erworben hat.

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2020 eine Million Elektroautos durch Deutschland rollen. Berlin spielt dabei eine wichtige Rolle, da die Hauptstadtregion ebenso wie Baden-Württemberg, Hannover sowie Bayern und Sachsen zu den sogenannten Schaufenster-Regionen zählt. Hier sollen die neuen Technologien vorrangig getestet werden. Außerdem will sich Berlin als Standort für Gründer etablieren, die an neuen Ideen und Technologien tüfteln. Die Elektromobilität gehört hier eindeutig dazu.

Ubitricity hat bereits einige große Firmen als Partner gefunden. So arbeitet die Firma unter anderem mit TE Connectivity bei der Entwicklung der Kabel zusammen. Mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt forscht sie an der Sicherheit des ganzen Systems. Voltaris wiederum ist Partner bei der Entwicklung der Messtechnik. Seit 2010 wird Ubitricity außerdem vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Die Bundesregierung dürfte an der Idee vor allem reizen, dass der Umbau der Straßenlaternen mit weniger als 500 Euro deutlich kostengünstiger ist und zudem ohne direkte Subventionen ablaufen kann. Das ist auf lange Sicht ein entscheidender Vorteil.