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Architekturbüro „June 14“ - ein neuer Blick auf die Stadt

In Tokio haben Johanna Meyer-Grohbrügge und Sam Chermayeff täglich 14 Stunden gearbeitet - bis sich etwas ändern musste. Nun haben sie ein Büro in Berlin-Kreuzberg. Vorerst im dritten Hinterhof.

Foto: Reto Klar

Als er sechs Jahre alt war, hatte Sam Chermayeff, wie der Amerikaner sagt, „einen Moment der Rebellion“: Er wollte Investmentbanker werden. Sein Vater war Architekt und besuchte vermögende Leute, die „supercoole Häuser“ hatten.

Aus dem Jahr 2013 betrachtet, seien diese Häuser vor allem geschmacklos gewesen, sagt Sam Chermayeff, aber aus der Perspektive eines Sechsjährigen könne man das so sehen. Diese vermögende Leute waren Investmentbanker. Investmentbanker zu sein, schlussfolgerte der Junge, ist der sicherste Weg, um supercoole Sachen zu erschaffen.

Sam Chermayeff hat irgendwann erfahren, dass es einen direkten Zugang zum Hausbau gibt und Architektur studiert. Vor knapp drei Jahren ist er nach Berlin gezogen und hat zusammen mit Johanna Meyer-Grohbrügge das Architekturbüro „June 14“ eröffnet. Es heißt so, weil man so lange hin und her überlegte, wie die Firma nun heißen soll, bis man irgendwann, mit leichter Erschöpfung, sich darauf geeinigt hat, sie einfach nach dem Gründungsdatum zu benennen.

Prototypisch für das „neue Berlin“

Er ist 31 Jahre alt, spricht praktisch kein Deutsch, sie ist 33 Jahre alt und muss sich notgedrungen mehr um das administrative Zeugs kümmern. Im dritten Hinterhof im dritten Stock in der Ritterstraße in Kreuzberg ist ihr Büro. Es besteht aus zwei Räumen, in beiden stehen Dutzende von weißen und grauen Pappmodellen. Das sind erste Entwürfe für Häuser. Im ersten Raum ist eine größere Fläche mit gestapelten Büchern verstellt, und bei der Bürobeurteilung neigt sich die Waage leicht zugunsten einer wilden, ursprünglichen Kreativschmiede (im Gegensatz zu einer unaufgeräumten, leicht liederlichen Bude).

Wenn die beiden die Vor- und Nachteile von New York, Tokio und Berlin abwägen und dabei um die Wette Kette rauchen (wohl ein Grund, der gegen New York als Standort für June 14 sprach), merkt man irgendwann, wie nahezu beängstigend sie prototypisch für das „neue Berlin“ stehen. Zuweilen hatte man ja den Verdacht, dieses Gerede über die Anziehungskraft der Hauptstadt für die sogenannten jungen Kreativen sei auch medial ein wenig herbeigesehnt und herbeigeschrieben. Aber nichts da, die beiden sind genau so, wie man sich hochkreative, hart arbeitende und selbstironische Menschen schon immer vorgestellt hat.

Gründerpaar hat sich in Tokio kennengelernt

Kennengelernt haben sie sich bei Sanaa. Fünf Jahre haben sie in Tokio gearbeitet. Sanaa ist die allererste Adresse unter Architekten: Die Gebäude der Japaner zeigen, dass Beton nicht automatisch Klobigkeit bedeutet, der Stil ist unaufdringlich, luftig und selbstbewusst. Für die vor einigen Monaten in Nordfrankreich eröffnete Louvre-Filiale lohnt sich sogar ein Zwischenstopp in Lens.

Nun wird man in diesem Universum wahrscheinlich keine Angestellten finden, die ihren früheren Arbeitgeber so vergöttern. „Ich stehe immer noch dazu, Sanaa war der beste Arbeitsplatz der Welt”, sagt Johanna Meyer-Grohbrügge. Aber fünf Jahre seien nun wirklich genug. Und fügt noch mit halber Ironie hinzu: „Außerdem hält es keiner länger als fünf Jahre in Japan aus.“

Sieben Tage in der Woche im Büro

Wenn sie über ihre Zeit in Japan sprechen, kommen Lagerfeuer-Momente auf,... weißt du noch, damals? Ein sehr hartes Leben sei es gewesen, weil man sieben Tagen im Büro war und nicht unter 14 Stunden dort arbeitete. Aber emotional, sagt Sam Chermayeff, sei es hingegen ein sehr einfaches Leben: „Du brauchst nicht über deine Zukunft oder deine Vergangenheit nachzudenken oder Freundinnen – man erwartet von dir ohnehin, dass du die ganze Zeit arbeitest. Man ist für so viel verantwortlich, nur nicht für sich selbst.“ Es sei ein bisschen „wie das Leben eines Investmentbankers – bis auf die Sache mit dem Geld“.

Kurzum, mit dem Schritt nach Berlin versuchten die June–14-Gründer ihre verrutschte Life-Work-Balance neu zu justieren. Schwer sei ihnen die Entscheidung zwischen New York und Berlin gefallen, erzählt Johanna Meyer-Grohbrügge, für Deutschland habe sie sich mehr aus persönlichen Gründen entschieden. Im Nachhinein sei ihre Standortwahl eine kluge Entscheidung. „Es ist einfach, hier zu leben, die Architekten sind in Berlin mehr darauf konzentriert, Dinge zu tun – in New York ist alles theorielastiger.“ Besonders junge Firmen, sagt sie, werden hier besonders willkommen geheißen.

Die Aufträge kommen vorwiegend aus Berlin

Überraschend war für die Inhaber, wie lokal die Arbeit für sie geworden ist. Gab es noch am Anfang, den Auftrag die Zentrale des Computerkonzerns 3M in Minnesota umzubauen, läuft nun das Geschäft vorwiegend in Berlin. Vielleicht am bekanntesten ist die Umgestaltung der St. Agnes Kirche in Kreuzberg, die der Galerist Johann König in eine Ausstellungshalle verwandeln ließ, June 14 war für die Außenraumgestaltung verantwortlich.

Das nächste Projekt wird noch einen Tick spannender. Denn die beiden wollen ein Mietshaus in der Kurfürstenstraße 142 in Tiergarten bauen. Das ist eine interessante Wahl. Das Areal, auf dem vor Kurzem noch Autos verkauft wurden, befindet sich an der Ecke zur Frobenstraße, und die ist seit einer kleiner Ewigkeit das Epizentrum des Straßenstrichs im alten Westen. Wenn man sich zudem die Landschaft der Möbelhäuser in der Umgebung ins Gedächtnis ruft, dann kommt man nicht umhin, das ganze Projekt für abwegig zu halten.

Architekt Chermayeff mag die Kurfürstenstraße

Nicht so für Sam Chermayeff, der sagt, dass er die Kurfürstenstraße mag. Zuerst denke man natürlich an Christiane F. und so, aber wenn man rauszoome und seinen Blick auf fünf Wohnblöcke erweitere, dann merke man erst, wie sehr sich die Gegend verändert, von der Neugestaltung des Gleisdreiecks bis hin zum neu belebten Nollendorfplatz. „Sie ändert sich genau wie die Weserstraße in Neukölln, die ja auch aus dem Nichts zu einem Wunderland aus Bars und Restaurants geworden.

Die Kurfürstenstraße hat die Chance, etwas anderes zu sein.“ Vermutlich hat nicht einmal der kühnste Stadtplaner in den letzten Dekaden sich ähnlich euphorisch über eine Straße geäußert, die vor nicht allzu langer Zeit Teil eines Sperrbezirks werden sollte.

Berlins Architektur als Chance für das Architekturbüro

Mit einem guten Dutzend Freunden und Bekannten haben sich die June–14-Eigentümer zusammengetan, um das Haus zu errichten. Ein Generalunternehmer erspart man sich bei dieser Baugemeinschaft; das finanzielle Risiko, das üblicherweise der Investor übernimmt, trägt die Gemeinschaft. Grundidee ist, dass jeder über sein eigenes Appartement entscheidet und eben kein Investor über den Geschmack anderer Leute spekuliert. Allerdings kann eine Baugemeinschaft auch die stabilsten Menschen in den Wahnsinn treiben (wie derzeit im „Richtfest“ im Renaissance-Theater zu sehen ist), aber jetzt am Anfang sind alle guten Mutes. Im Dezember muss entschieden sein, aus welchem Pappmodell ein echtes Haus wird, denn dann sollen die Bauarbeiten anfangen.

Die meisten Architekturkritiker können sich darauf einigen, dass dem Berlin nach dem Mauerfall etwas mutigere Architektur gutgetan hätte und mehr drin gewesen wäre als Preußens bauliche Wiedergeburt und übliche Neubauten mit großen Glasflächen, die vor allem ein Kriterium erfüllen, nämlich dass sie sich nahtlos dem Wohnblock anpassen. Gute Architektur, sagt nun Johanna Meyer-Grohbrügge, das sei der „Ehrgeiz, mehr zu machen als das, was auf dem Programm steht“.

Ähnlich hatte sich kürzlich der Architekt Albert Speer in der „FAZ“ geäußert, der selbstkritisch über seinen Berufsstand sagte: „Wir schnüren die Fantasie zu sehr und zu schnell ein“, zu oft und zu schnell würden sich Architekten auf Sachzwänge zurückziehen. „Langweilig“ sei die Architektur in Berlin, findet auch Sam Chermayeff. Aber das sei gar nicht verkehrt, fügt er hinzu. „Hier gibt es noch jede Menge Möglichkeiten, Dinge zu verbessern. Das macht Berlin ja so interessant.“