Die Berlin-Macher

Wie betreut.de die Pflege verbessern will

Seit 2006 vermittelt das Portal betreut.de Pflegekräfte für Senioren, Kinder oder Tiere. Das Geschäft läuft so gut, dass die Gründer gerade in ein 2000-Quadratmeter-Büro in Kreuzberg umgezogen sind.

Foto: Marion Hunger

Eine wichtige Partnerin des Start-ups von Steffen Zoller dürfte die Zeit sein. Denn der demografische Wandel und die alternde Gesellschaft in Deutschland schaffen einen wachsenden Markt für das, was das Kerngeschäft des jungen Berliner Unternehmens ist. Zollers Unternehmen vermittelt vor allem Pflegekräfte und Haushaltshilfen über das eigene Internetportal betreut.de und bringt so Anbieter und Suchende zusammen.

Und seine Rechnung ist einfach: Immer ältere Menschen plus immer höherer Bedarf an helfendem Personal gleich immer mehr Nachfrage, also zahlende Mitglieder, auf seiner Seite.

Qualität der Pflege grundlegend verbessern

Der 31 Jahre alte Unternehmer Steffen Zoller sitzt in bunt kariertem Hemd und Jeans in seinem frisch bezogenem Büro in der Nähe der Oberbaumbrücke. Sein Blick streift durch den Raum, dabei spricht er konzentriert und lächelt freundlich: „So wie Amazon das Geschäft mit dem Buch auf eine neue Ebene gehoben hat, wollen wir mit unserem Portal das Thema Betreuung global weiterentwickeln“, sagt er.

An der Wand hängt kein kleineres Vorhaben als eine Europakarte, auf der die Mitarbeiter anfangs noch mit kleinen Fähnchen die Länder absteckten, in denen ihr Service expandierte. Das Angebot hat sich bereits in insgesamt 15 Ländern etabliert.

Das Prinzip des Portals funktioniert offenbar über Ländergrenzen hinweg. „Der Kunde beschreibt möglichst genau, was er will, sei es eine Pflegekraft, ein Babysitter oder ein Hundebetreuer, und unser Algorithmus findet den passenden Bewerber“, sagt Steffen Zoller. Das Ziel seiner Unternehmung, die Zoller im Jahr 2007 ins Leben rief, sei nicht weniger, als die Qualität der Pflege und Betreuung grundlegend zu verbessern.

Zum Beispiel, indem ins Netz gestellte Zertifikate oder Bewertungen für die Vertrauenswürdigkeit eines Pflegers bürgen. Social Entrepreneurship heißt das im Fachjargon, soziales Unternehmertum also. Doch auch Gärtner und Putzfrauen werden vermittelt.

2000 Quadratmeter großes Büro in Berlin-Kreuzberg

Dass das Angebot mittlerweile auch satte Gewinne einfährt und im Jahr einen Millionenumsatz erwirtschaftet, ermöglicht dem jungen Unternehmen seit ein paar Tagen ein rund 2000 Quadratmeter großes Büro in Kreuzberg. Mittlerweile hat die Firma mehr als 100 Beschäftigte, eine zweite Niederlassung befindet sich an der Ostküste der USA in Boston.

Die Firma finanziert sich vor allem durch die Mitgliedsbeiträge: Wer einen Jahresvertrag abschließt, zahlt zehn Euro im Monat. Weltweit nutzen sieben Millionen Menschen das Angebot. Personal, das seine Dienste anbietet, bezahlt hingegen keine Gebühr.

Das digitale Geschäft mit der Pflege dürfte sich auch in Zukunft rentieren: Der Bedarf an Pflegern wird in Zukunft noch wachsen. Einer Prognose des Statistischen Bundesamt zufolge könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um fast eine Million auf 3,4 Millionen Deutsche steigen.

Marktplatz für Pfleger und Babysitter

Kritikern, die Zoller ankreiden, Profit mit der Pflege zu machen, gibt der studierte Betriebswirt nüchtern zu bedenken: „Ein gutes Modell muss sich nun einmal auch wirtschaftlich finanzieren können, um selbstständig und nicht auf Zuschüsse angewiesen zu sein.“

Die Idee zu dem Marktplatz für Pfleger und Babysitter hatte Steffen Zoller als er vor Jahren selbst nach einer geeigneten Betreuung für seinen Vater suchte. „Ich habe damals im Jahr 2006 festgestellt, dass das Angebot einfach nicht ausreichte“, erinnert sich der Firmengründer. „Der Markt war so intransparent und anonym, dass man sehr viel verbessern konnte“, sagt Zoller, der kurz darauf mit seinem Geschäftspartner Manuel Nothelfer die Plattform gründete.

Tranzparenz durch Stundenlohn-Rechner

Mehr Transparenz soll zum Beispiel der Stundenlohn-Rechner schaffen. Der Nutzer gibt seine Postleitzahl an und kann zwischen fünf Kategorien auswählen: Seniorenbetreuung, Kinderbetreuung, Betreuung für Tiere sowie Nachhilfe und der Rubrik Haushalt und Garten. Der Rechner schlägt etwa für eine Pflegekraft in Berlin-Mitte, die eine Berufserfahrung von fünf Jahren hat, einen Stundenlohn von 8,50 bis 11 Euro vor.

Die Suche lässt sich weiter verfeinern. So können Mitglieder, die nach einer Kinderbetreuung suchen zwischen Babysittern, Tagesmüttern, Leihomas auswählen. Eine persönliche Beratung am Telefon bleibt jenen Kunden vorbehalten, deren Mitgliedschaft über den eigenen Arbeitgeber läuft. Große Firmen wie das Telekommunikationsunternehmen Telefónica, der Chemie-Konzern BASF oder General Electric haben Verträge mit betreut.de geschlossen, der den Mitarbeitern einen Zugang ermöglicht, um so zum Beispiel eine Leihoma für die Arbeitszeit zu finden.

Zusammenschluss mit amerikanischen Portal

Die vergangenen fünf Jahre und der rasante Erfolg fühlten sich für den gebürtigen Leipziger Steffen Zoller ein wenig an wie „Autobahn linke Seite“, wie er sagt. Die Mitarbeiterzahl stieg genauso wie die Einnahmen und die Zahl der Länder, in denen das Angebot online ging. Das Berliner Start-up, das zuvor von drei großen Investoren unterstützt wurden, schloss sich im Juli 2012 zusammen mit dem amerikanischen Pendant-Portal care.com, das seitdem alle Anteile hält.

Die Unterschiede zwischen der sehr unterschiedlichen Betreuungs-Nachfrage in den verschiedenen Ländern geben auch einen Einblick in die Eigenheiten der Sozialsysteme: „In Skandinavien suchen die Menschen weniger klassische Kinderbetreuung, weil das der Staat bereits gut abdeckt. In Frankreich beobachten wir, dass immer mehr Putzkräfte gesucht werden“, sagt Zoller.

Für die Zukunft hat sich das Unternehmen das Ziel gesetzt, noch genauer auf die Bedürfnisse der einzelnen Länder einzugehen. Außerdem will er weitere technische Finessen einbauen, ein eigener Bezahlservice auf der Internetseite zum Beispiel. Und die Zeichen stehen auch weiterhin auf Expansion. Aktuell erfolgt im Schnitt alle zwei Minuten eine Vermittlung auf dem Portal.