Start-Ups

Schokolade in 27 Milliarden Varianten aus Berlin

Mit Hanfblättern, Chili oder Minze: Das Berliner Start-up chocri verkauft online individualisierte Tafeln. Am Anfang stand eine Zufallsidee.

In Haus M schlägt das süße Herz des Industriegeländes. Schon beim Betreten des fünfgeschossigen orangefarbigen Betonhauses erfüllt ein süßlicher Geruch die Luft. Es riecht nach Konfiserie, Kuchenbacken und Kindheit. Nicht ohne Grund, denn im Erdgeschoss liegen die kleinen Produktionshallen von chocri, einem Hersteller individualisierter Schokoladentafeln und Pralinen. Das Berliner Unternehmen chocri gibt es seit 2008, und es zählt zu den erfolgreichsten Start-ups im Bereich E-Commerce.

Das Chocri-Haus findet man im Gewerbe- und Industriegebiet „Eastside“. Das hat nur wenig mit den schicken Start-up-Lofts, wie sie in Mitte und Prenzlauer Berg stehen, gemeinsam. Das 1200 Quadratmeter große Gewerbegebiet in Marzahn-Hellersdorf strahlt nur geringfügig mehr Charme aus als die umliegenden Plattenbauten.

Im Innern stapeln sich hinter den grauen, deckenhohen Türen aus Metall, akkurat in Regalen aufgereiht, durchsichtige Behälter mit allerlei Zutaten, die mit der Schokolade auf Kundenwunsch vermischt werden. Es schimmert in allen Farben – hier lagern getrocknete Himbeeren in glänzendem rosa, Minz- und Hanfblätter in verblasst-getrocknetem grün, Nüsse und Brezeln in allen Brauntönen, kandierte Rosenblätter und mehr als 80 weitere Zutaten.

10.000 Tafeln pro Tag

„Meine Lieblingsschokolade ist Weiß-Karamell mit Butterkeksen und Knisterpops“, sagt Mitgründer und einer der beiden Geschäftsführer von chocri, Michael Bruck. Anfang 2008 hatten er und Franz Duge die Idee zur individualisierten Schokolade. Duge war damals auf der Suche nach einem Geschenk für seine Freundin. Im letzten Moment kam ihm die rettenden Idee: Duge nahm eine Tafelform zur Hand, flüssige Schokolade und die Lieblingsknabbereien der Freundin, Gummibären und Studentenfutter. Er vermengte die Zutaten miteinander, ließ alles in der Form aushärten und auskühlen und verschenkte damals die allererste chocri-Tafel. Die Idee der kreativen Schokolade kam bei Freunden und Verwandten so gut an, dass sich Duge und Bruck wagten, aus der Zufallsidee ein Schokoladenunternehmen zu machen.

Ein erfolgreiches Unterfangen, wie sich später herausstellen sollte. Fünf Jahre und etliche verschickte Tonnen Schokolade später, produzieren die bis zu 60 Mitarbeiter in der Spitze 10.000 Tafeln Schokolade am Tag. „So viele Tonnen Schokolade, wie wir übers Internet vertreiben und auf die Straße bringen, das schafft sonst keiner“, sagt Bruck. Wenn er auf Süßwarenkongressen mit seinen Kollegen aus dem normalen Handel über Absatzzahlen spreche, bekäme er anfangs immer nur ein müdes Lächeln. „Aber wenn ich erzähle, dass wir das alles übers Internet schaffen, staunen die Leute“, so Bruck.

Was Bruck und Duge tun, hat auch einen Namen: Mass Customization – Massen-Anpassung würde man den Begriff wohl übersetzen. Übers Internet können sich Kunden aus den Schokoladensorten Vollmilch, Zartbitter, Weiß und Karamell sowie 90 verschiedenen Zutaten ihre eigene Schokolade zusammenstellen. Rein rechnerisch ergeben sich so rund 27 Milliarden verschiedene Möglichkeiten, die eigene Tafel Schokolade zu komponieren.

Umsatz von zwei Millionen Euro

Und obwohl eine Tafel samt Versandkosten schnell zwischen acht und zehn Euro kosten kann, lohnt sich das Geschäft. „Wir haben ein stabiles Wachstum und können uns nicht beschweren“, sagt Michael Bruck. In Zahlen ausgedrückt meint er einen Umsatz von rund zwei Millionen Euro für das vergangene Jahr. „Und wie werden für 2012 wohl erstmals unseren break-even haben“, berichtet der 26 Jahre alte Jungunternehmer stolz. Ein „break-even“ bezeichnet die Gewinnschwelle in einem Unternehmen, also den Punkt, an dem sich Verlust und Gewinn die Waage halten. Gerade Start-ups, die zu Beginn viel in den Geschäftsaufbau investieren, erwirtschaften zwar schnell hohe Umsätze, doch erste Gewinne lassen meist länger auf sich warten.

Ganz zufällig haben Bruck und Duge das jedoch nicht geschafft. 2010 stieg der Schoko-Gigant Ritter Sport zu einem Drittel in das Geschäft von chocri ein und investierte einen siebenstelligen Betrag. Laut den chocri-Gründern war der Zusammenschluss mit Ritter aber eher Zufall als betriebswirtschaftliches Kalkül. „Wir waren damals auf der Suche nach einem Mentor, nicht nach einem Investor“, sagt Bruck fast schon entschuldigend.

Aufmerksam geworden war Ritter Sport, als chocri 2009 einen von der Wirtschaftswoche ausgeschriebenen Gründerpreis gewann. Wenig später gab es ein erstes Treffen. „Auf einmal standen wir vor der gesamten Ritter Sport-Geschäftsführung und präsentierten unser Produkt“, erzählt Bruck. Und die zeigte sich beeindruckt über den raschen Erfolg und die kreative Idee des Start-ups. In den folgenden Monaten reifte chocri zu einem gestandenen Unternehmen – Ritter Sport brachte Produktionsstandards und eine durchorganisierte Buchhaltung mit ins Geschäft.

„Die haben uns zu Beginn zwar ordentlich Druck gemacht, dass wir vom betriebswirtschaftlichen her Ordnung in die Bude bringen“, sagt Bruck. Aber im Nachhinein seien sie dankbar gewesen für die professionelle Unterstützung. Zumal die Zusammenarbeit nicht nur einseitig abgelaufen sei. „Wir haben Ritter Sport im Gegenzug Tipps zu ihrem Online-Shop und Nachhilfe zum Thema E-Commerce gegeben“, erzählt Bruck.

Mit Eis hatten sie kein Glück

Einen kleinen Schatten im Schokoparadies gab es seit dem Ritter-Schlag trotz alledem. Im Sommer 2011 wollte chocri einen Weg finden, die traditionelle Flaute während der warmen Jahreszeit gewinnbringend zu überbrücken. Und der Gedanke, den Bruck und Duge hatten, ist mehr als naheliegend. Neben der Schokolade sollte auch Eiscreme ins Sortiment. „Wir hatten das Eis auf Teufel-komm-raus entwickelt, weil es für den Sommer einfach so gut passte“, erzählt Bruck. Nach einer kurzen Testphase ging der individualisierte Eisverkauf online.

Doch die großen Verkaufszahlen blieben aus, das Produkt floppte. „Das Eis war lecker, und die Bewertung der Kunden größtenteils sehr gut“, so Bruck. Doch die hohen Transportkosten – das Eis musste in eigens angefertigten Dosen und mit viel Trockeneis verschickt werden – vermieste das Geschäft. Nach nur einer Saison zogen Bruck und Duge die Reißleine, nahmen das Eis wieder aus dem Sortiment. „Das ist keine Schande, da muss man durch – wir haben draus gelernt“, sagt Bruck.

Zartbitterherzen mit Tequila-Creme-Füllung

Und das haben sie tatsächlich, denn die jüngste Idee mit den selbst gemachten Pralinen läuft umso besser. In 4er, 12er oder 24er-Boxen lassen sich seit Kurzem auch Pralinen in verschiedenen Geschmacksrichtungen bestellen. Für die eher konservative Zunge gibt es Vollmilchkugeln mit Nougat- oder Schokoladenfüllung. Wer mutiger ist, ordert Zartbitterherzen mit Tequila-Creme-Füllung und Echtgold-Streuseln.

Doch so außergewöhnlich die Zutaten auch sind – bevor sie in die Regale der Produktionshallen kommen, müssen sie bei den chocri-Gründern bestehen. Ständig kosten und bewerten sie neue Zutaten und Füllungen. Ebenfalls gibt es Geschmackstest, die zeigen sollen, wie lange die Schokolade genießbar ist. Bruck gibt zu, dass das nicht immer ein Vergnügen ist: „Ich vertrage neben der Arbeit keine Schokolade mehr, nach den Verkostungen ist mein Bedarf daran meist gedeckt“. Und wenn er doch manchmal noch Lust auf Schokolade habe, dürften auf keinen Fall die Butterkekse und Knisterpops fehlen.

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